Das Jetzt-haben-wollen gegen den langen Atem

Ich jage durch die Schlagzeilen auf meinem Handy und mache mir Sorgen über alles, was um mich herum in der Ferne passiert. Ich scrolle durch die inszenierten Momente auf Instagram und fühle mich in kürzester Zeit mies, weil die Leben um mich herum so viel bedeutungsvoller erscheinen als meins. Ich suche nach dem einen Ding, das ich noch kaufen will — das Ding, das irgendwo bestimmt spottbillig zu haben ist und, wenn ich es richtig anstelle, ohne Versandkosten innerhalb von 24 Stunden bei mir ankommt. Ich schreibe meinen Freunden, damit wir alle genau wissen, wie es gerade bei jedem von uns steht.

Alles jetzt. Alles sofort. Alles in Reichweite.

Und ja, das mache ich alles (das eine etwas mehr als das andere), aber nebenher habe ich mir auch etwas Zeit genommen, um mich als Anfängerin ans Klavier zu setzen. Und was mir das gebracht hat…

An meinem Klavier und mit meiner Gitarre (die ich natürlich heimlich immer noch habe ;-)

Nicht jeder weiß, dass ich auch eigene Lieder schreibe, und eines Tages — vor ungefähr zwei Jahren — habe ich beschlossen, die Gitarre aus dem Fenster zu werfen und alles aufs Klavier umzustellen. In einem dunklen Winkel meiner Erinnerungen konnte ich mich auf ein paar Unterrichtsstunden als Teenager berufen (von mir immer schlecht vorbereitet) und ein bisschen Notenkenntnisse. Damit kam ich jetzt allerdings nicht weit. Tatsächlich hatte mein Klavier lange Zeit lediglich als dekoratives Möbelstück gedient und war vor allem ein unglaublich unhandliches Ding beim Umziehen. Ich habe eine Weile in Zwischennutzungswohnungen gelebt und musste deshalb regelmäßig umziehen. Meine sonst immer hilfsbereiten Freunde gingen irgendwann nicht mehr ans Telefon, weil das 'Ungetüm' (wie es getauft wurde) natürlich auch mitkommen musste. Das 'Puppenhaus', wie ich meine bescheidene Wohnung in Winsum nannte, in der ich neun Monate bleiben durfte, war für Besuch keine Option — es sei denn, man wollte auf dem Klavier sitzen. Lange Rede, kurzer Sinn: Mit siebenundvierzig beschloss ich, mir selbst Akkorde beizubringen und meine eigene Begleiterin zu sein, in Ermangelung einer besseren Lösung.

Wenn ich etwas wirklich will und keine einfache Lösung finden kann, dann nehme ich den schweren Weg und ziehe es durch — aus reiner Sturheit, wohlgemerkt. Ich habe monatelang mehrere Stunden am Tag geübt und konnte mir nicht vorstellen, dass ein Tag kommen würde, an dem ich das Lied fehlerfrei spielen und dabei auch noch singen könnte. Ich hätte heulen können, so schwer fand ich es. Aber der Auftritt kam, diese Lieder wurden von mir am Klavier vor Publikum gespielt, und die Genugtuung des langen Atems wurde mir wieder einmal überdeutlich. Die harte Arbeit hat sich ausgezahlt, und glaubt mir, es war keineswegs fehlerfrei und ich bin nicht plötzlich eine brillante Pianistin. Im Gegenteil: ein paar Wochen nicht üben und ich kann praktisch wieder von vorne anfangen. Es ist Arbeit, Arbeit, Arbeit, dieses Musizieren, und lasst euch bloß nichts anderes einreden. Es gibt keinen einfachen Weg — als Musiker zu leben ist knallhart. Denn das Beinahe-Übergeben jedes Mal, wenn man auf die Bühne muss, lasse ich der Einfachheit halber mal beiseite. Oder was man alles aufbauen und tun muss, um den richtigen Sound an so vielen verschiedenen Veranstaltungsorten hinzubekommen. Wenn man es nicht selbst erlebt hat, hat man keine Ahnung, aber glaubt mir: Musiker werden grundsätzlich unterbezahlt, es sei denn… tja… wie vielen ist das schon vergönnt.

Ich ärgere mich manchmal, dass ich so spät in meinem Leben den Mut zu solchen Entscheidungen hatte. RICHTIG gut werden ist in der Zeit, die mir noch bleibt, vielleicht nicht mehr möglich. Aber! Ich vergesse manchmal auch, dass mein ganzes Leben ein langer Anlauf hierhin war, und die Tatsache, dass ich es jetzt tue und so viel Freude daran habe — das ist die eigentliche Belohnung. Es ist der lange Atem des Lebens, und diese Belohnung muss man erkennen lernen. Das ist nicht immer einfach, denn wie sieht sie denn aus? Verstaubt, ausgefranst, nicht perfekt, gut versteckt, unter dem Niveau, zu spät, zu kompliziert — es gibt immer etwas daran auszusetzen, ich weiß. Aber hier kommt das Geheimnis. An dem ersten Tag, als ich meine ersten Akkorde von diesem einen Lied anschlug, das ich so gerne auf dem Klavier spielen wollte, dachte ich aufrichtig, dass ich mir etwas unglaublich Dummes in den Kopf gesetzt hatte. Die Woche darauf hörte ich mich diese kleine Melodie holprig spielen, einen Monat später sang ich dazu (schlecht getimt), und jetzt, zwei Jahre später, komponiere ich neue Lieder am Klavier. (Ähm… klingt nach ganz schön was…)

Ich habe angefangen und jeden Tag einen kleinen Fortschritt gemacht, nicht mehr als das. Aber mach das tagelang, wochenlang, monatelang und schau dann über deine Schulter zurück, wo du hergekommen bist. Genau wie dieses Leben, das so eine Zeitverschwendung zu sein schien… Wie enorm wertvoll all diese winzigen Schritte doch sind. Das Geheimnis ist also: anfangen und die kleinen Siege feiern, selbst wenn das bedeutet, dass man es zehnmal falsch und nur einmal richtig gemacht hat. Dieses eine Mal richtig — das ist ein Gewinn!

Und auch jetzt bin ich geneigt zu sagen: hätte mir das doch nur jemand gesagt, als ich jünger war. Hat wahrscheinlich auch jemand getan, ehrlich gesagt! Aber so wie mein Sohn jetzt meine guten Ratschläge in den Wind schlägt, habe ich es damals nicht anders gemacht. Es brauchte offenbar Zeit. Diese Idee musste reifen, wie alles im Leben, um zur Entfaltung zu kommen. Ich bin fast fünfzig und gehe einer Herausforderung nicht mehr so schnell aus dem Weg. Was ich aber versuche (und vor allem lerne), ist weniger Eile zu haben. Wie Catherine Austin Fitts immer sagt: 'To turtle forth…' Schritt für Schritt, aber vor allem in Bewegung bleiben. Tja, die Frau ist nicht auf den Kopf gefallen, wie sich zeigt…