5. DIE ERKENNTNIS
Sinne atmet erleichtert aus. Omaria ist wieder so, wie sie es die ganze Zeit gekannt hat: stets wechselnde, aber atemberaubende Wolkenhimmel; eine herrlich warme Sonne, die, wenn es ihr passt, ruhig eine andere Position einnimmt. Mal ist sie groß, mal wieder klein. Manchmal feuerrot, in anderen Momenten so hell, dass sie beinahe in ihrem Hintergrund aufgeht.
Die Luft verläuft von kristallklarem Weiß über ihrem Kopf bis hin zu intensem Purpur am Horizont, wo hier und da besondere Formen in wattigem Weiß vorbeiziehen, als führten sie einen verführerischen Tanz auf. Das Wasser wirkt ruhig, und farbenfrohe Blumen, abgewechselt mit vielfältigem Grün, umgeben die Landschaft. Ihr Anlegesteg liegt merkwürdigerweise diesmal in einer Biegung, sodass das Heck ihres Schiffes eigenartig von der Kaimauer absteht.
Sie muss darüber lachen. Genau das ist es, was es immer wieder mit ihr macht. Die Unvorhersehbarkeit Omarias stimmt sie fröhlich. Sie liebt es, dass sie die Welt um sich herum jedes Mal anders vorfindet. Sie hat bemerkt, dass es eine Wechselwirkung ist und dass sie selbst einen aktiven Beitrag dazu leistet.
Sinne springt über das lose Plänkchen gleich am Anfang und läuft summend den Steg entlang. Trübsal steht heute nicht auf der Tagesordnung, hat sie beschlossen, auch wenn sie sich bestimmt irgendwo in den Ecken und Winkeln ihres Seins herumtreibt. Die rohen und traurigen Emotionen der vergangenen Tage müssen kurz Platz machen für etwas Verspieltheit. Sie will sich aufladen und dann mit frischem Mut den Kopf über die Situation mit Tonio Senior beugen.
Sie stößt ihr Schiff mit einem Fuß vom Steg ab, nachdem sie es von allen Leinen befreit hat. Der Wind ist günstig, und sobald sie die Schot dichtholt, spürt sie die Spitze des Schiffes sofort nach oben ziehen. Das Wasser unter der Aszension kräuselt sich in kleinen Kreisen und spiegelt ihre wachsende Aufregung wider. Dass sie hier sein darf, an diesem atemberaubenden Ort, und dann auch noch durch die Wolken fliegen kann mit ihrem eigenen Schiff! Sie lässt alle Freude und Dankbarkeit vollständig über sich hinwegspülen und wälzt sich darin wie ein Ferkelchen im Schlamm.
Das Schiff spürt ihre Stimmung, beschleunigt in einem subtilen Ruck vorwärts, das Holz leise singend unter ihren Füßen.
Die Freude, in der sie sich badet, hat zum Ziel, den Schmerz der vergangenen Tage zu lindern. Omaria kann das zeitweilig für Sinne bedeuten, aber sie muss aufpassen... Ihr Kummer ist nicht plötzlich verschwunden. Tonio ist sehr wohl ein trauernder und zusammenschrumpelnder alter Mann geworden, der keinen Schritt mehr auf Omaria zu setzen wagt.
Wenn sie aufpasst, dann fällt es ihr vielleicht auf, dass die Gezeiten, die natürliche Kadenz auf Omaria, sich an sie angepasst haben. So geht das nun einmal in dieser besonderen Welt. Ich bin gespannt, was weiter daraus wird...
Toran schaut überrascht auf, als er Sinne am nächsten Morgen einen Looping am frischen Morgenhimmel drehen sieht. Er hat nicht allzu gut geschlafen letzte Nacht, mit einem Gefühl der Machtlosigkeit über das, was im Lager geschieht, außerhalb seiner Reichweite. Er könnte überhaupt nichts für sie bedeuten, für sie beide... Er kann nur abwarten und hoffen, etwas, worin er nicht besonders gut ist. Die Luft um ihn herum dämmert, reagiert subtil auf seine Unruhe, die Farben gerade etwas weniger lebendig als Momente zuvor.
Bis vor kurzem gab es hier nichts und niemanden, um den er sich Sorgen machen musste, aber von einem Tag auf den anderen haben sich die Sorgen auf allen Ebenen aufgetürmt. Auf Omaria können Sorgen eine andere Gestalt annehmen, greifbar werden — etwas, das nicht wünschenswert ist. Hier ist Loslassen kein Nebeneffekt, sondern eine Voraussetzung; die einzige Art zu existieren.
Dreht Sinne deshalb so hartnäckig diese Loopings? Steckt sie den Kopf in den Sand? Er schmunzelt bei sich und schaut aus dem Augenwinkel zu Dali. „Wollen wir auch auf andere Gedanken kommen, Mädchen?"
Mit seinem Lächeln hellt die Luft um ihn herum wieder auf. Wie Toran es gewohnt ist, reagiert Omaria nahezu unmittelbar auf die Verschiebungen in seiner Gemütslage.
Das Tier legt sofort den Kopf neben ihm auf den Boden. Er braucht nur ihre große, stachelige Mähne zu packen, und schon schwungvoll mit ihrem Kopf schaukelnd sitzt er auf dem beeindruckenden, muskulösen Körper dieser jungen Rabendrache, bereit, hoch in die Luft getragen zu werden.
Er ist ein Glückspilz, und das ist ihm bewusst. Dass sie es mit ihm aushält, ist ein Gotteswunder. Das gilt übrigens für alle fliegenden Wesen hier. Sie sind ausnahmslos mit ihm verbunden auf eine Weise, die er selbst kaum begreift. Sie synchronisieren sich mit ihm, sprechen dieselbe Sprache, ohne dass ein Wort gesprochen wird. So sind sie stets über das Wohl und Wehe des anderen im Bilde, und Toran braucht selbst keinerlei Mühe dafür aufzuwenden. Es ist magisch, und er wird überglücklich davon. Das war er nicht immer, also hütet er es nun. Es ist ihm geschenkt, und doch hat er es auch erobern müssen; ein Widerspruch, der hier auf Omaria immer wieder den Kopf reckt. Kleine Luftströme tanzen um seine Füße, als wären sie neugierige Kinder, die seine Aufmerksamkeit suchen. Sie kreisen sanft, bevor sie sich in den größeren Bewegungen um sie herum auflösen.
Dali wird unruhig. Er hat ihr etwas versprochen, also darf er sie jetzt nicht zu lange warten lassen! Er streichelt ihre gigantische Flanke und gibt in Gedanken ein Zeichen. Sie weiß sofort, was er will und wie er es will. Mehr Kommunikation brauchen sie untereinander nicht; keine Gesten, keine Worte, nur das Leib-an-Leib-Erspüren der Bedürfnisse des anderen. Eine schöne Symbiose, die in der Luft zu einem wahren Spektakel wird, wenn Toran es zulässt.
Er spürt ein Kribbeln im Bauch. Er will heute mit Sinne tanzen. Dali weiß es. Er sehnt sich heftig nach Kontakt mit der Frau, der er letzte Nacht nicht beistehen konnte. Er weiß, dass sein Gefühl nicht praktisch ist, aber ein Tanz ist unschuldig, redet er sich ein.
Während sein Verlangen wächst, wird das Licht um ihn herum intensiver, und warme Töne spiegeln sich auf Dalis Schuppen.
Dali und Toran verlassen gemeinsam ihr sicheres Nest, auf dem Weg in den Luftraum, durch den Sinne schon seit geraumer Zeit saust, als hinge ihr Leben davon ab.
Er folgt ihr zunächst dicht auf den Fersen, aber mit einigem Abstand, gerade nicht verborgen im Windschatten ihrer Segel. Dali und Toran setzen mehr Kraft ein und kommen in einer einzigen schnellen Bewegung nében Sinne zu fliegen. Zusammen scheren sie nun seitlich an den Bergketten entlang, ohne einander gefährlich nah zu kommen, als hätten sie es schon öfter getan.
Dali und Toran fliegen an Steuerbordseite, außerhalb von Sinnes Sichtfeld hinter den prächtigen, großen Segeln der Aszension. Sie braucht ihre Augen nicht; sie spürt ihre Anwesenheit, die Schönheit und Anmut des Tanzes und lässt sich mitführen. Mit eleganten, lang gezogenen Bewegungen, als wäre es alles abgesprochen, gleiten sie Seite an Seite durch die Luft, synchron der Linie und Richtung des anderen folgend.
Es ist mehr als ein Tanz, es ist ein Zusammenkommen. Die scheinbare Distanz ist nicht spürbar, eher das Gegenteil. Bemerkenswert, findet Sinne. Sie dreht sich weiter in Entzücken im Kreis, springt, gleitet und wirbelt, spürend, wie Toran führt und sie in seinen Armen mitgetragen wird. Es ist wie ein Traum, ein seligmachender Traum. Rings um sie singt die Luft, Farben werden lebendiger: Omaria tanzt mit!
Toran taucht nun unter ihr hindurch und folgt weiter ihren Bewegungen, mit Dali an Backbordseite, sodass sie einander in die Augen schauen können und ihre Vermutungen sich gegenseitig bestätigt sehen. Dies ist ein Zusammenkommen zweier Seelen, die einander längst kennen und nun in ihrem Element sind. Die Wahrheit drängt sich beiden auf.
Sinne erschrickt davon und verliert den Griff an ihrem Ruder. Die Wolken übernehmen nun von ihr, wie es einmal zuvor geschah. Sie legen sie still auf ihre Flügel. Es wird nun nicht mehr getanzt, aber die Bewegung bleibt, subtiler... Sie muss die Augen schließen, sie kann dem nicht entkommen. Es nimmt sie mit in einen ungewöhnlichen Schlaf hinein...
Zum zweiten Mal auf Omaria ist Sinne eingeschlafen, nur sind ihre Augen weit offen und steht ihre Wahrnehmung vollständig an. Ein leichtes Beben geht unhörbar durch die Wolken, als atme die Luft selbst. Die einzelnen Bläschen, die zusammen die Wolken bilden, manifestieren sich vor ihrem geistigen Auge. Das Licht verschiebt sich fast unmerklich, wärmer und diffuser als zuvor. Auch diesmal gibt es ein Bläschen, das mehr Licht gibt, flehend darum, berührt zu werden. Als sie es tut, implodiert es und saugt sie hinein bis an seinen Kern; dorthin, wo Torans Gedanken Gestalt annehmen und sie als Eindringling zum zweiten Mal seine Traumwelt betritt.
Wieder begegnet sie zuerst Dali, dieser schönen, beeindruckenden Dame, die offenbar eine Art Wächterfunktion bekleidet. Die Wolken um sie herum verdichten sich sanft, wie eine atmende Anwesenheit. Sie ist auch diesmal freundlich und lässt sich bereitwillig von Sinne verführen. Die lieben Worte und sanften Umarmungen sind voll und ganz an ihr verschwendet, und Sinne nimmt sich alle Zeit für das Tier. Sie spürt, wie besonders Dali ist und dass sie in dieser Welt mit ihr verbunden ist.
So eng ist Toran mit ihr verbunden, wird Sinne bewusst. Ein subtiler Windstoß streicht an den Rändern der Gedankenbläschen entlang. Dali kommt wahrscheinlich in jedem Gedankenbläschen vor. Ziemlich logisch, findet sie, nun da sie hier in seinem Traum verweilt. Toran ist untrennbar mit Dali verbunden, seinem Königtum über die fliegenden Tiere, und das Gefühl, das Sinne zuvor hatte, als sie durch das Bläschen auf Omaria hindurchstach, wird damit bestätigt.
Omarias Stimmung wandelt sich mit der ihren. Ihre innere Landschaft wird sichtbar in der Welt um sie herum. Licht breitet sich aus und zieht sich zusammen, folgt dem Rhythmus ihrer Emotionen wie ein Herzschlag. Sinne kann es nicht begründen, aber ihr Körper kennt die Wahrheit: Diese Welt antwortet auf ihre Anwesenheit, tanzt auf den Wellen ihrer Gefühle.
Auch diesmal katapultiert Toran sich über den Kopf der Drache vor ihre Füße. Er begrüßt sie dieses Mal nicht, sondern schaut ihr tief in die Augen, als suche er etwas in diesem Blickkontakt, als versuche er einen Schatz zu heben. Ein leichter Nebel gleitet an den Rändern der Wolken entlang. Sie fühlt sich nackt unter diesem Blick. Eine leichte Röte steigt ihr in die Wangen.
„Stürmst du schon wieder in meine Traumwelt, Sinne?" sagt Toran mit leiser, dunkler Stimme. „Man sollte meinen, dies sei allein meine Welt, aber du hast offenbar einen Schlüssel bekommen." Die Wolken verdichten sich leicht um sie herum. „Omaria ist dir wohlgesonnen." Seine Stimme klingt heiser. „Ich versuche zu begreifen, wie und warum."
Er schweigt nun lange, als müsse er nachdenken. Dali kommt dazwischen mit ihrem großen Kopf. Sinne schaut das Tier an in der Hoffnung, dass sie die Antwort hat, aber Dali lässt nur den Kopf sinken und schaut Sinne liebevoll und fragend an.
„Sie will, dass du auf sie steigst", sagt Toran leise. „Es hat noch nie jemand anders auf ihr gesessen..." Er schließt kurz die Augen. „Zusammen mit dir...?" flüstert Sinne leise, und sie nimmt ein Beben in der Luft wahr. Sie sieht Torans Unruhe zunehmen, und Omaria folgt ihm darin. Es liegt offenbar empfindlich. Die einladende Geste Dalis kann nur von Toran eingegeben worden sein. Warum zögert er dann und Dali nicht?
Sie streichelt das liebe Tier über die Wange und packt dann vorsichtig ihre scharfumrissene Mähne. Damit hat sie offenbar zugesagt, denn innerhalb weniger Sekunden und einer Schwungbewegung später sitzt Sinne oben auf der Drache. Noch bevor sie einen Schrei ausstoßen kann, sitzt Toran hinter ihr und schlägt seine Arme beschützend um sie. Seine Fingerspitzen ruhen auf ihrem weichen Bauch, und er drückt sie fest an sich.
„Halt dich gut fest, Sinne", und er hat die Worte kaum ausgesprochen, da kommt Dali in Bewegung und lässt sich im Sturzflug vom Nest fallen. Es verschlägt Sinne den Atem. Dann spürt sie es, spürt sie sie. Das prächtige Tier spürt sie verankert in sich selbst. Kraftvolle Energiestöße pulsieren hin und her, von Dali zu Sinne. Eine Form der Kommunikation? Diese intensiven Energiestöße pulsieren auch zwischen Toran und ihr.
Sie kann nicht glauben, wie stark das Gefühl des Zusammenseins ist. Die Überzeugungskraft dieser Strömung, die durch ihren Körper rauscht, ist überwältigend! Es gibt einen stetigen Austausch, einen Faden, der sie alle drei miteinander verbindet. Sie sind wie ein Ganzes. Jeder von ihnen ist ein ebenso wesentlicher Teil dieser Einheit und auf selbstverständliche Weise verbunden mit dem anderen.
Die Luft um sie herum verdichtet sich, bewegt sich mit ihrem Flug in vollkommener Harmonie. Das Wasser unten spiegelt ihre Bewegungen, kräuselt sich in Mustern, die ihre Verbundenheit widerspiegeln. Das Band, das sie spürt, betrifft nicht nur sie drei, sondern alles um sie herum. Verschmelzen, das ist es, was das ist. Ihr ganzes Wesen geht darin auf und bewegt sich mit.
Während Dali mit hoher Geschwindigkeit durch die Luft fliegt und berauschende Empfindungen in Sinne weckt, machen die Wolken Platz für sie, und sie spürt, wie eine Eingebung langsam Gestalt annimmt. Es beginnt als ein warmes Gefühl in ihrem Unterleib, das allmählich hinaufsteigt zu ihrer Brust und ihren Kopf erreicht, wo es aufleuchtet wie eine sanft glühende Lampe. Eine subtile Lichtveränderung wogt leise durch die Luft.
Sie erkennt nun, was ihr hier widerfährt, eine Wahrheit, die sie immer schon kannte, aber nie benennen konnte. Diese Wahrheit wickelt sich nicht plötzlich, sondern allmählich um sie, mit jedem Atemzug tiefer in ihrem Wesen verankert.
Es lässt sich nicht gut in Worte fassen. Es ist ein Seinszustand, in dem sie vollständig im Vertrauen ist. Jeder Zweifel, der zuvor noch an den Rändern ihres Bewusstseins nagte, löst sich nun auf. Es ist wie das Leben, das ein großes, sich wandelndes Abenteuer ist, die Liebe, die alles übersteigt, und das erhellende Licht, das dies alles offenlegt: die Triade. Genau so, wie sie nun zu dritt verbunden sind — Sinne, Toran und Dali — jeder eine Verkörperung eines Aspekts dieser Wahrheit. Das Licht um sie herum flackert leise, beinahe unsichtbar.
Sie strömt über vor Dankbarkeit und fühlt sich berührt bis in jede Zelle. Jeder Millimeter Haut kribbelt. Die Luft verdichtet sich um sie herum, ein fast unfühlbares Atmen. Dali legt noch einen letzten Zahn zu, und Toran drückt sie noch dichter an sich. Ein Gefühl endloser Verzückung rollt wie eine Sturzwelle über und durch sie hindurch... wie auf einer Woge wird sie mitgenommen an die äußersten Enden des Daseins und wieder zurück.
Sinne kann es nicht fassen. Etwas so Intensives hat sie noch nie in ihrem ganzen Leben gespürt. Sie hat keine Ahnung, wie lange sie drei in diesem Seinszustand verweilen. Zeit ist nicht anwesend in ihrer Mitte, Raum auch nicht. Die Luft um sie herum steht still, gespannt vor Staunen.
Die Erkundung der Endlosigkeit hört doch irgendwo auf, und Sinne findet sich wieder, während Dali den Flug zum Nest eingeleitet hat. Ein sanfter Atemhauch gleitet durch den Wolkenraum, wie ein Flüstern der Stille. Sinne schaut Toran an und schweigt. Er hält ihre Hand, macht aber keine Anstalten, die Stille zu brechen. Dali zittert noch nach von der Anstrengung.
Sinne spürt keinen Widerstand mehr. Sie weiß, wie es nun weitergehen soll. Ein unhörbarer Energiestrom wogt sanft durch die Atmosphäre. Sie hat die Botschaft unmissverständlich empfangen, und diese ist nicht falsch zu verstehen. Ihr Glaube bestand schon bevor diese Erfahrung hinzukam. Das macht es zu einer Bestätigung, einer Bestätigung dessen, was sie die ganze Zeit schon gewusst hat.
Torans Traum geht zu Ende. Sie muss ihm seine Innenwelt zurückgeben.
Sinne wird radikal aus den Wolken geschleudert und holt gerade noch rechtzeitig die Schot des Großsegels dicht, sodass sie nicht zur Erde stürzt. Die Luftschichten verschieben sich flüsternd, ein sanfter Tanz von Raum und Bewegung. Toran sieht, wie sie die Aszension ins Gleichgewicht bringt, und pfeift leise durch die Zähne. ‚Mein Himmel, wer ist diese Frau und was tut sie in Gottes Namen mit mir?' Sie hat ein Gedankenbläschen infiltriert und dieses in einem anderen Zustand hinterlassen. Er spürt die Konsequenz davon Furchen in die Platte gravieren, auf der seine Erinnerungen gespeichert liegen. Er kann nicht fassen, was gerade geschehen ist, und begreift nicht, wie es sich wie ein geteilter Moment anfühlen kann, aber das tut es. Das Universum Omarias atmet still mit. Die Euphorie ‚des Traums' rauscht durch seinen ganzen Körper, und er muss laut lachen.
Gleichzeitig ist auch eine Wachsamkeit in ihm erwacht, die vorerst ruhig im Hintergrund bleibt. Die Stille verdichtet sich, geladen mit unausgesprochenen Erwartungen. Die Erkenntnis wächst, dass dies nur der Anfang ist.
Er fliegt hinter ihr her, und zusammen kommen sie an ihrem Steg an. Ein leichter Nebel gleitet sanft an den Wolken entlang. Omaria flüstert ihre Ankunft. Sinne weiß, dass er da ist, er weiß, dass sie weiß, dass er da ist, aber keiner von beiden erkennt es vorerst an. Sie legt ruhig und ordentlich ihre Aszension an, Fender dazwischen, Leinen sauber aufgeholt. Das Wasser unter dem Schiff wogt leise. Sie ist ganz und gar zufrieden.
Toran bleibt mit Dali auf dem Steg und wartet auf den Moment, in dem sie ihn anschaut. Ein leichter Windstoß streicht am Steg entlang. Ein wunderschönes Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht. Sie ist unverhohlen froh, ihn zu sehen, und wirkt überhaupt nicht nervös oder verlegen. Er schon. Er klopft Dali auf den Hals und geht in Sinnes Richtung, die auf dem Steg still stehen bleibt. Die Luft um sie herum verdichtet sich wie eine atmende Stille.
Sobald er direkt vor ihr steht, schaut sie ihm geradewegs in die Augen. Ihr Lächeln verbreitert sich, und er fühlt sich ein wenig eingeschüchtert. Was ist sie mutig! Mein Himmel, er steht immer noch zitternd auf den Beinen von allem, was sie in seinen Gedanken erlebt haben. Selbst Dali ist noch beeindruckt davon. Aber hier steht die kleine, tapfere Sinne und tut, als sei es alles die normalste Sache der Welt.
Wirklich, die ist mir eine! Ein Windstoß gleitet an der Reling entlang und gibt ihm den Mut. Er ergreift ihre Hand, zieht sie dann an sich und flüstert: „Ich muss mich noch gehörig davon erholen, aber du hingegen scheinst unberührt. Du lässt dich nicht so schnell von etwas beeindrucken." Bei diesen Worten drückt er sie noch dichter an sich und verschlägt ihr damit den Atem. „Oder doch?", und er schaut sie aus nächster Nähe an, mit einem herausfordernden Blick in seinen Augen.
„Wie meinst du... nein... oder... ?" sagt sie verwirrt, weil er so nah steht, dass sie seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren kann. „Ich..." Toran hat sie endlich sprachlos. Das gefällt ihm. Er drückt einen sanften Kuss auf ihre Stirn, bevor er sie loslässt. Das Licht um sie herum verschiebt sich unmerklich. Es folgt unmittelbar darauf ein Gefühl der Enttäuschung in seinem Inneren. Er spürt ein furchtbares Klischee aufkommen: Diese Frau gehört in seine Arme. Und einfach so wird der Flirt ernst, und er versteht nicht von sich selbst, warum er so leichtfertig mit seinen Gefühlen umgeht oder mit den ihren. Es ist offensichtlich etwas, das außerhalb seines Verstandes geschieht.
Sinne atmet tief durch. „In allem Ernst, Herr Drachenflieger. Ich verstehe überhaupt nichts von dieser Traumwelt von dir. Hast dú das nun zusammengeträumt oder ích? Oder träumen wir gemeinsam? Oder war es écht...? Es fühlte sich nämlich lebensecht an!"
Toran zuckt mit den Schultern. „Macht es wirklich einen Unterschied? Ich habe übrigens durchaus eine Antwort auf deine Frage..." Die Wolken ziehen sich sanft zusammen, und er schweigt der Wirkung wegen. ‚Welche Frage?', denkt Sinne durcheinandergebracht. Seine Nähe macht zu viel Eindruck auf ihr ganzes Nervensystem. Dann wendet er sich ihr zu und flüstert leise in ihr Ohr: „Näher an ‚echt' kann ich ohne dich nicht kommen, Sinne..." Ein unhörbarer Atemhauch gleitet durch die Luft.
Schnell tritt Sinne einen Schritt zurück und wirkt plötzlich angespannt. Die Wasseroberfläche unter dem Schiff kräuselt sich leise. „Kommst du an Bord?" fragt sie abrupt. „Ich könnte ein Tässchen Tee aufsetzen?"
Wolkenfetzen schieben sich beinahe unsichtbar auseinander, und es sieht so aus, als mache Omaria Platz für ihren Moment. Ein sanfter Schatten gleitet an der Reling entlang, flüsternd vor Erwartung. Toran macht große Augen bei der Vorstellung, mit Sinne Tee zu trinken. Sie haben noch nichts Normales zu zweit unternommen, also erscheint es beinahe unangemessen. Aber er nickt und kommt mit an Bord. Dali legt sich nun ausgiebig auf dem Steg nieder und schiebt den Kopf unter ihren Schwanz. Die macht ein Nickerchen, denkt Toran. Sie ist ganz entspannt.
Als die Pfeife des Kessels ertönt, erschrickt Toran kurz. Das Sonnenlicht kippt unbemerkt, eine subtile Perspektivverschiebung. Von einem Moment auf den anderen sitzen sie einander an einem kleinen Tisch inmitten der Dachkajüte gegenüber, mit einem Kännchen vor sich, in dem der Beutel baumelt. Er rutscht etwas unbehaglich auf dem kleinen Holzstuhl hin und her. Sinne nicht anders. Die Stille ist erdrückend, und Toran wird bewusst, dass sie im Grunde nichts voneinander wissen. Womit fängt man das Gespräch dann an?
Sinne schlägt den gordischen Knoten durch und sagt geradeheraus: „Ich habe beschlossen, doch nach der Zeitmaschine zu suchen, Toran." Die Wolken reagieren abrupt und ziehen sich leise zusammen. Hoppla! Da wäre es.
„Welche Zeitmaschine, Sinne?" Und Toran gibt sich alle Mühe, lässig zu klingen.
„Díe Zeitmaschine, Toran." Sinne hält mit ihrer Überzeugung nicht hinterm Berg. Auf Biegen oder Brechen, für sie.
Er überrascht sich selbst, indem er sagt: „Okay..." und danach: „Ich helfe dir."
Sinne zieht die Augenbraue hoch. „Das ist... äh... lieb von dir... Danke." Sie ist sichtlich überrumpelt, aber mehr Worte verschwendet sie nicht daran.
***
6. DIE HARTE REALITÄT
Als sie aufwacht, spürt sie Tonios Blick auf sich ruhen. Als hätte er sie beobachtet. Sie fragt sich, wie lange schon. Ob er wohl gut geschlafen hat? Nach einem stillen Moment, in dem sie sich reckt und streckt, fragt sie ihn.
„Ich konnte nicht schlafen", sind die heiseren Worte.
„Hattest du Angst?" fragt Sinne.
Er nickt.
„Ach, mein lieber Schatz", und sie geht zu ihm und schließt ihn in die Arme. Sie muss sich gut daran erinnern, dass in diesem alten Mann ein Junge von zehn steckt. Er hat zwar sein Leben im Zeitraffer gelebt, aber was hat er nun eigentlich erlebt? Er muss emotional noch reifen, während sein Körper schon...
Der Mann fängt an zu schluchzen. Sinne fühlt sich beschissen. Sie steht an der Wiege seines Kummers.
„Ich versichere dir, Tonio, du kannst einfach schlafen gehen. Wenn du nicht dorthin willst, landest du auch nicht dort. Ich weiß, dass es so funktioniert."
Tonio nickt, aber sie sieht, dass er an ihr zweifelt.
„Tonio, ich meine es ernst. Schlaf! Das brauchst du nach all dem!"
Tonio nickt noch einmal und sagt dann schaudernd: „Du hattest heute Nacht einen heftigen Traum, oder? Du lagst zitternd in deinem Bett, Sinne... zitternd und schwer atmend. Ich wollte dich fast wecken. Was ist dir widerfahren in diesem schrecklichen Land von dir?!" Und Tonio schließt krampfhaft die Augen bei der Erinnerung an Omaria.
„Ja... ich habe tatsächlich eine intensive Erfahrung gehabt. Ich kann mir vorstellen, dass ich deshalb hier lag und gezittert habe. Aber es war auf keine Weise unangenehm, Tonio, gerade schön und wertvoll! Bestimmt nichts, worüber du dir Sorgen machen musst, Liebling. Ich komme zurecht auf Omaria. Ich bin dort glücklich. Ich wollte dieses Glück so gerne mit dir teilen... Es tut mir leid, dass das ganz anders ausgegangen ist..."
Tonio setzt sich anders hin und die Falte auf seiner Stirn vertieft sich. „Es hat sich etwas an dir verändert, Sinne. Ich weiß nicht genau was, aber doch..." Mühsam räuspert sich der alte Mann.
„Schlaf, Tonio. Du bist erschöpft! Hab keine Angst und mach dir schon gar keine Sorgen. Ich weiß, was ich tue." Innerlich stolpert sie über diese Worte. Wie soll er dás glauben? Und doch ist sie davon überzeugt. Außerdem sind die Worte tröstend gemeint.
Sie streicht ihm sanft durch seine grauen Haare und über seine faltige Stirn. „Schlaf jetzt", flüstert sie in sein Haar. Mit einem Kuss auf seine Stirn verlässt sie sein Bett und versucht geräuschlos ihren Tag zu beginnen.
Ob sie wirklich anders ist? Sie fühlt sich schon etwas anders, wenn sie ehrlich ist. Leichter irgendwie, als habe sie etwas Grundlegendes über die Welt und sich selbst begriffen.
Den Rest des Tages läuft Sinne mit einem Lächeln herum. Nicht dass irgendjemand es bemerkt. Tonio ist eingeschlafen und es scheint ein zufriedener, ruhiger Schlaf zu sein. Die Nachbarn und andere Leute aus dem Lager kommen nicht mehr vorbei, nicht seit der Kommandant verängstigt aus ihrem Zelt geflüchtet ist.
Blaufleck herrscht hin und wieder hier im Lager. Es sind die schlechten hygienischen Umstände und der Mangel an gutem Essen. Die Widerstandskraft der Menschen ist niedrig. Sie haben nichts zuzusetzen, wodurch Parasiten in ihrem Körper leichtes Spiel haben. Sinne glaubt nicht, dass Blaufleck ansteckend ist. Es gibt keinen Anlass, das zu denken. Die Menschen im Lager denken darüber allerdings anders. Angst ist ein schlechter Ratgeber, und das erklärt, warum sie nun gemieden werden wie die Pest. Es ist besser so. Es werden keine lästigen Fragen mehr gestellt. Gemütlicher wird es davon nur nicht.
Sinne geht nach draußen, um dort auf einer schäbigen Leine etwas von ihrer ausgespülten Kleidung aufzuhängen. Sauber kann man es nicht nennen. Beschäftigungstherapie, das ist es. Normalerweise verhindert sie mit solchen Arbeiten das ewige Grübeln in ihrem Kopf. Heute speziell hilft es ihr, ihre Gedanken abzulenken. Ihre Gedanken an die Suche nach der Zeitmaschine auf Omaria. Zusammen mit Toran! Er geht mit! Das hat sie in ihren kühnsten Träumen nicht kommen sehen.
Er findet es eine alberne Idee, und trotzdem hilft er ihr! Oder traut er sich nicht, sie alleine zu lassen in séinem Land? Sie lässt ihre Gedanken kreisen und kommt plötzlich wieder bei dem stürmischen Ritt an, den sie in seiner Traumwelt gemacht haben. Ihre Temperatur steigt sofort und sie spürt, wie ihre Wangen warm werden. Es ist nur gut, dass niemand in der Nähe ist, um es zu sehen. Sie kann aus der ganzen Situation nicht schlau werden.
Er sagt, dass es ihm auch widerfahren ist. Unterdessen waren sie aber in séinem Traum. Auf einer unbewussten Ebene muss er etwas damit zu tun gehabt haben, oder? Moment... will sie das? Der Gedanke macht sie nervös. Wie erklärt sie den Kuss auf ihre Stirn und das gefährliche Nahesein? Das tut man nicht einfach so, oder doch? Sie muss jetzt über sich selbst lachen. Was war denn eigentlich groß passiert? Ein bisschen herumfliegen, Schmetterlinge im Bauch und eine freundschaftliche Geste.
Ein tiefer Seufzer entweicht ihr. Seit wann läuft sie mit dem Kopf in den Wolken herum? Das ist gar nicht ihre Art! Sie benimmt sich ja wie ein verliebtes Huhn. „Hör auf!" ermahnt sie sich selbst.
Sinne hat sich stets jeden Mann vom Leib gehalten, indem sie zú draufgängerisch war, zú jungenhaft, zú verantwortungsbewusst und schlicht und ergreifend nicht verfügbar. Es war ihr durchaus bewusst, dass sie damit eine Ausnahme im Lager war. Die meisten Frauen versuchen sich so schnell wie möglich an einen Mann zu hängen, oft wegen Schutz, Nahrungsbeschaffung und besseren Überlebenschancen, aber mehr als das, weil sie das Bedürfnis haben, zu einem Mann zu gehören.
Dieses Bedürfnis ist bei Sinne nie aufgekommen. Ja, sie vermisst ihren Vater, gewiss! Und ja, das ist auch ein Mann... aber einen Fremden in ihr Leben lassen? Um keinen Preis. Nicht nötig, nicht erwünscht.
Tonio hat Glück gehabt, dass er so jung ist. Sie erschrickt über ihre eigenen Gedanken... alt meint sie. Sofort spürt sie, wie Trauer sich über sie legt, und in ihrem Bauch nistet sich unverkennbar das Schuldgefühl ein. Es dreht und windet sich dort und gibt ihr ein übles Gefühl. Ich werde es wiedergutmachen, nimmt sie sich vor. Die Dringlichkeit davon sorgt für einen Kloß in ihrem Hals. Ihre Leichtigkeit von eben verfliegt, einfach so, in einem Atemzug.
Im Lager ist es immer warm, unter anderem weil es im Osten am Rand einer großen Wüste liegt. Die Westseite bestand früher immer aus prächtigen, ausgedehnten Wäldern und tut es immer noch, aber der Umfang beginnt zu schrumpfen. Die Erde ist ausgelaugt und versandet mehr und mehr.
Nun kann die Erde viel vertragen und ist imstande, jede Situation zum Besseren zu wenden, sofern man ihr die Zeit dazu gibt. Ihre regenerative Kraft ist unvorstellbar. Trotzdem ist es bedauerlich, dass die Kommunikation mit allem um uns herum derzeit stockend verläuft. Sinnes Gedanken gehen noch weiter zurück. Nach so vielen Generationen Menschheit haben wir das Einssein mit der Natur und das Gespür dafür verloren. Es wird auch nicht mehr kultiviert. Wir haben schlichtweg vergessen, wie wir mit unserem Boden umgehen müssen, um ihn fruchtbar zu halten.
Das Wissen ist durchaus da, denkt Sinne, während sie auf die kahle Landschaft starrt. Wir wissen es eigentlich alle, aber man hält uns dumm, und so halten wir selbst diese Monokultur aufrecht. Die Natur hingegen liebt Vielfalt und Abenteuer. So kann sie sich weiterentwickeln, sich immer wieder neu erfinden. Es fasziniert Sinne, wie diese Wechselwirkung funktioniert, wie die Natur mit ihrer Umgebung tanzt und dadurch mehr wird als nur die Summe ihrer Teile.
Das Prinzip ist eigentlich so einfach, wird ihr bewusst. Es ergeht der Natur nicht anders als uns Menschen. Wir brauchen ihr nur etwas mehr ihren Lauf zu lassen. Aber genau das tun wir nicht, weil wir — genau wie bei Menschen — Kontrolle über die Natur haben wollen. Wir müssen sie im Griff behalten, sie nach unserem Willen anpassen können.
Sie denkt daran, wie Menschen nach Herzenslust in der Erde herumhacken und graben, um vorzugsweise ein einziges Gewächs zu säen und zu ernten. So viel einfacher für die Verarbeitung und den Vertrieb natürlich. Die Landwirtschaft ist Fließbandarbeit geworden, das Handwerk verschwunden. Kartoffeln, die sind einfach anzubauen. Mais, Getreide.
Dass die Erde nach einiger Zeit keine Kraft mehr hat, es langweilig findet und die Lust daran verliert... Sinne seufzt. Das scheint nur wenigen klarzuwerden.
Sinne würde alles geben, um das Land, auf dem sie schon so lange lebt, wieder etwas bewohnbarer zu machen. Aber das Regime denkt anders darüber. Und das Regime handelt auch danach.
Solange das Notstandsdekret in Kraft bleibt, hat der gewöhnliche Lagerbewohner nichts zu melden. Und das ist immer noch in Kraft. Was nur bedeuten kann, dass man sich offiziell noch immer im Krieg befindet. Sonst hätten sie es längst aufgehoben, oder?
Es scheint, als herrsche der Gedanke vor, dass Bürger nicht ihrem Schicksal überlassen werden können. ‚Sie' haben es auf sich genommen, diese infantilen, zweitrangigen Menschen zu beschützen; und die Verantwortung an sich gezogen.
Sinne hat keine Ahnung, wer ‚sie' genau sind. Sie fragt sich, ob ‚sie' die Menschen sind, die sich damit auskennen und auf Grundlage von Informationen handeln, die der Rest nicht kennt. Oder sind ‚sie' schlicht die Menschen, die gerne die Fäden in der Hand halten?
‚Sie' sind jedenfalls Leute, die bestimmt nicht schlechter davon werden.
So kommt es, dass seit Jahren ein totalitäres Regime herrscht, ohne dass irgendjemand juristisch etwas dagegen ausrichten kann. Außerdem ist es ja zu ‚ihrem' eigenen Besten. Sinne kickt vor Wut ein Steinchen weg. Wo ist der freie Wille geblieben, die Selbstbestimmung, das Lerndürfen aus eigener Erfahrung und Verantwortung? Was bleibt übrig, wenn wir das nicht dürfen, nicht können? Dann sind wir wie Haustiere, und selbst die haben in vielen Fällen mehr Freiheit und werden besser behandelt als derzeit ein durchschnittlicher Lagerbewohner.
Manchmal denkt Sinne darüber nach, in ein anderes Lager umzuziehen. (Es müsste viel mehr davon geben.) Der Überlieferung nach ist das Leben außerhalb der Lagergrenzen unmöglich. Außer dem Wald ist die Natur karg und hat wenig zu bieten. In den Wald wagt sich niemand mehr. Tonios Mutter ist ein gutes Beispiel dafür, wie es Menschen ergeht, die es versuchen.
Sinne fragt sich, ob eigentlich irgendjemand besser geworden ist vom Großen Krieg. Sind ‚sie' nachweislich vorangekommen? Vielleicht jemand wie der Kommandant? Der sieht alles andere als glücklich aus... Sinne zieht ihre eigene Schlussfolgerung. Niemand ist besser dran, auch ‚sie' nicht. Machthaber sind nicht besser gestellt als diejenigen, die sie in der Macht haben. Beides ist eine Gefangenschaft.
So geht sie weiter den Weg entlang, hier und da ein Steinchen vor sich her kickend, bis sie fast gegen jemanden stößt. Toran? Die Luft wird plötzlich kälter, als verschwinde die Sonne hinter einer Wolke. Aber der Himmel ist strahlend blau. Sie weicht zurück und schaut erschrocken hoch. Dieser Mann sieht Toran tatsächlich unheimlich ähnlich, aber seine Augen... seine Augen sind so kalt und leer wie Glas. Sie fröstelt kurz und grüßt den Mann, während sie eine Entschuldigung murmelt.
„Ich habe nicht aufgepasst, Verzeihung." Sie will weitergehen. Eigentlich will sie wegrennen, warum weiß sie nicht. Aber dann erklingt seine Stimme, die ihren Schritt bricht. Angst überflutet sie, kriecht ihr Rückgrat hinauf. Sie dreht sich um und ist aufs Neue erschüttert über die Ähnlichkeit.
„Toran?" fragt sie noch einmal wider besseres Wissen.
Der Mann schnaubt und schaut gleichgültig auf sie hinab. „Du kennst mich, Landstreicherin?" Sein Ton ist herablassend und gehässig, wie ein eisiger Wind, der ihr Herz gefrieren lässt. Der Klang kommt von weit her, als müsse seine Stimme durch einen langen, kalten Tunnel reisen, bevor sie sie erreicht.
„Ähm, nein, ja, ich habe von Ihnen gehört..." stammelt sie. Keine Ahnung, warum sie das herausplatzt. Es scheint dem Mann zu gefallen.
„Da sei froh! Dann begreifst du auch, dass du mir kein zweites Mal in den Weg laufen solltest!" Voller Verachtung salutiert er in Sinnes Richtung und dreht sich brüsk um. Sobald er seinen Weg fortsetzt und aus dem Blickfeld verschwindet, atmet Sinne langsam aus. Offenbar hat sie die Luft angehalten. Sie zittert am ganzen Körper und kann nicht glauben, was sie gerade erlebt hat.
Was für ein furchtbarer Mensch. Wie ist das möglich? Er sieht aus wie Toran, er klingt wie Toran, und er heißt offenbar auch Toran! Aber gleichzeitig ist er das Gegenteil von dem Toran, den sie auf Omaria kennt. Wo ihr Toran warm und lebendig ist, strahlt dieser Mann Kälte und Leere aus. Wo ihr Toran freundlich und verspielt ist, zeigt dieser Mann nur Grausamkeit und Gefühllosigkeit. Es ist, als sei er ein Schatten, ein Negativ desselben Fotos, dieselbe Person, aber vollständig umgekehrt in ihrem Wesen...
Ein Gedanke formt sich, zunächst vage wie ein Morgennebel, aber mit zunehmender Klarheit. Was, wenn dies kein Zufall ist? Was, wenn diese beiden Männer auf irgendeine Weise miteinander verbunden sind?
Aber wie kann so etwas geschehen? Sie hat einen Knoten im Bauch und ihr ist übel von dieser Begegnung und dem, was sie möglicherweise bedeutet. Das kann doch nicht sein? Die Fragen stapeln sich und Sinne eilt zu ihrem Zelt. Sie will jetzt in Sicherheit drinnen sein, nicht hier auf der Straße. Ihr Gefühl sagt ihr, dass etwas furchtbar falsch ist, etwas, das sie noch nicht begreifen kann.
Einmal in ihrem Zelt angekommen, ist Tonio wach. Sie sind beide still, haben nicht viel zu bereden. Die möglichen Themen liegen empfindlich in diesem Moment, und keiner von beiden kann die Energie für ein kompliziertes Gespräch aufbringen. Tonio nimmt sich ein Buch dazu. Lesen ist schwieriger geworden mit diesen alten Augen. Es geht zum Glück noch. Sinne schaut ihn an und nimmt sich vor, eine Lesebrille aufzutreiben. Sie hat einige Habseligkeiten gut versteckt für einen notwendigen Tauschhandel.
Dann legt sie den Kopf aufs Kissen und sinniert vor sich hin. Es gibt heute kein ordentliches Essen im Haus. Auch dafür wird sie sich wieder einmal auf den Weg machen müssen. Sie hat schon ewig keine Arbeiten mehr für die Lagerleitung erledigt im Tausch für Nahrung. Irgendwie konnte sie bislang immer etwas zusammenscharren. Der Vorrat wird dünn in ihrem Proviantkoffer, und es ist ratsam, Notration übrig zu behalten. Sie ist lieber auf alles vorbereitet.
Ihr knurrender Magen macht überdeutlich, dass es Zeit wird, an praktischere Dinge zu denken. Sie kann es kaum erwarten. Morgen. Sie öffnet den Koffer und wirft ein kleines Päckchen Kekse zu Tonio hinüber und eine Dose Sardinen. Früher konnte er so etwas immer auffangen mit seinen schnellen Reflexen. Jetzt fällt es von der Armlehne auf den Boden. Er hebt den Kopf und nickt wehmütig.
„Tut mir leid", brummt er.
„Nein, Tonio, dafür brauchst du doch nicht um Verzeihung zu bitten", und sie stöhnt laut auf. „Das war dumm von mir", und Sinne könnte sich selbst ohrfeigen.
Er will aufstehen, um es aufzuheben. Sie kommt ihm zuvor. „Lass mich, Liebling." Sie nimmt gleich auch einen Teller und bereitet das Essen vor. Sie weiß, dass er verrückt ist nach Sardinen auf Toast. Kekse sind nicht ganz Toast, aber vielleicht genauso schmackhaft. Sie reicht den fertig gemachten Teller Tonio und rutscht zurück in Richtung ihres eigenen Schlafplatzes.
„Was hast du vor?" und Tonios Stimme klingt nun nicht nur alt, sondern auch stinksauer. „Komm her, verdammt nochmal, und teil das auf zwei Teller auf!" fährt er sie an. „...und hör auf, mich zu behandeln, als stünde ich kurz davor zu sterben. Ich ertrage es nicht. Ich bin noch da und ich fühle mich gut, alt aber gut. Du brauchst Essen genáuso dringend wie ich!"
Sinne sieht eine Träne über seine linke Wange gleiten. Sie will um Verzeihung bitten, schluckt es aber gerade noch rechtzeitig herunter.
Sie nimmt ihm den Teller ab und teilt die Portion in zwei. Dann setzt sie sich neben ihn und starren sie beide ins Leere, während sie kleine Bissen nehmen.
Sinne hat gelernt, dass man von kleinen Bissen doch ein einigermaßen sattes Gefühl bekommen kann. Gründlich kauen bei jedem Bissen hilft auch... ein wenig... Tonio kaut um sein Leben. Er hat nicht mehr alle Zähne... weiter traut sie sich in Gedanken nicht, denn sie kommt immer wieder bei ‚armer Tonio' an. Wieder entweicht ihr ein tiefer Seufzer.
***
7. DIE WAHRHEIT ENTHÜLLT
Sinne geht ihren holprigen Steg entlang auf dem Weg zur Aszension. Schön liegt sie dort vertäut, und ein Lächeln formt sich auf ihren Lippen. Sie hat durchaus etwas, wofür sie dankbar sein kann, und mit einem kleinen Sprung überspringt sie die Planke mit dem Loch darin. Was für ein Segen, hier sein zu dürfen und für einen Moment, einen kurzen Moment, keine Sorgen zu haben. Hier hat sie merkwürdigerweise auch noch nie Hunger gehabt und sogar noch nie gegessen!
Das Holz der Aszension atmet, ein kaum merkliches Beben, das sich durch die Fasern des alten Schiffes fortsetzt. Die Wasseroberfläche um sie herum wird eine Spur glatter, wie eine reine Widerspiegelung der Ruhe, die Sinne durchströmt.
Sie runzelt plötzlich kurz die Stirn und bemerkt, dass sie zum ersten Mal darüber nachdenkt. Trinken tut sie hier ebenfalls nie, bis sie neulich also Tee getrunken hat mit Toran. Er hatte sie auffällig angeschaut. Sie versteht jetzt plötzlich warum. Hunger und Durst scheinen hier nicht zu existieren. Das Teetrinken war also nur eine gesellschaftliche Angelegenheit gewesen, und Sinne muss schmunzeln. Er hat ihr nichts davon gesagt. ‚Hmmm...' und sie beißt sich auf die Lippe.
Noch bevor sie diesen Gedanken zu Ende bringen kann, streckt eine beeindruckende Drache ihren Kopf über das Heck. Ihre große, nasse Nase berührt Sinnes Hand und die springt sofort auf. „Dali, wie schön, dich wiederzusehen." Sie nimmt den gewaltigen Kopf und beginnt ihn, so gut es eben geht, zu knuddeln.
Toran kann natürlich nicht zurückstehen und katapultiert sich über Dalis Kopf direkt in Sinnes Arme. Dann dreht er sie mit dem Schwung seiner eigenen Geschwindigkeit im Kreis und hält sie fest, während er sie gegen das Ruder zum Stehen bringt. „Darf ich auch eine Umarmung?" Seine Augen funkeln vor Vergnügen.
Sie drückt ihn kurz an sich, schlägt mit der Hand etwas zu fest auf seine Schulter, als wäre er ein großer nasser Hund, und nimmt dann schnell Abstand. Toran kann sein Lachen nicht unterdrücken, und Sinne bekommt schon wieder rote Wangen. Sie hat überhaupt keine Lust, auf der Stelle ausgelacht zu werden, und in Windeseile hat sie ein ernstes Thema auf den Tisch geworfen.
Toran vergeht das Lachen augenblicklich. Die Achterbliebenen-Frage. Er hatte gehofft, nie darüber anfangen zu müssen. Es würde der Anlass sein zu so vielen anderen Fragen, die er ebenso wenig beantworten wollte. Unterdessen schaut Sinne ihn an. Es entgeht ihm nicht, dass sie einen unsicheren, eher ängstlichen Blick in den Augen hat. Ein dünner Windstoß gleitet am Schiff entlang, kaum wahrnehmbar.
‚Scheiße', denkt Toran, ‚sie hat íhn doch nicht etwa getroffen?!' Er weigert, diese leere Hülle als sich selbst zu betrachten!
Sofort schießt seine Hand nach vorne und er ergreift die ihre. „Du hast nichts zu befürchten von mir, Sinne, glaub mir! Ich kann das erklären, aber es ist alles nicht so einfach zu verstehen... ich verstehe es selbst kaum", und Torans Stimme stockt. Die Kompassnadel zittert kurz, eine unsichtbare Bewegung ohne klare Richtung.
...
„Und hier komme ich dann endlich ins Bild, interessierter Leser. Für Klarheit braucht man einen Geschichtenerzähler... Das Buch, das ich in die Hand genommen habe, fühlt sich seltsam an, lässt sich nicht gut durchblättern. Als hätte es einen eigenen Willen. Aber ich habe es euch versprochen. Lasst mich die erste Seite dieses Buches aufschlagen und euch langsam aber sicher...
Was geschieht jetzt? Die Seite verblasst!
Seid unbesorgt, ich lasse mir diese Geschichte nicht durch die Finger gleiten. Einen Moment bitte, ich gebe nicht auf.
So, ich habe ein Lesezeichen genommen, und damit scheint sich dieses seltsame Dokument vorerst geschlagen zu geben. Ich habe selten etwas so Eigenartiges erlebt. Gut, wie ich sagte... ich werde euch langsam aber sicher vertraut machen mit der absurden Geschichte von König Toran dem Unsichtbaren.
Vor langer, langer Zeit, weit vor dem Großen Krieg, waren einst ein König und eine Königin, die miteinander vereinbart hatten, für immer ihr Land und Volk zu beschützen. Und so geschah es... bis der Tag anbrach, an dem dunkle magische Kräfte begannen, ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen...
Der Überlieferung nach waren Torans Großeltern gefeierte Menschen. Sie hatten nur das Beste mit der Bevölkerung im Sinn und wurden treu und fachkundig unterstützt vom Rat, an dem sie beide teilnahmen. Dadurch, dass sie Teil davon waren und demokratisch ihre Stimmen einbrachten, fühlte es sich nicht wie eine Monarchie an. Hin und wieder, wenn der Rat zu gespalten war, ließen sie ihr Veto hören, stets zugunsten des Landes und seiner Bewohner. Wenn die Menschen im Land weniger zu essen hatten, dann hatte man auch bei Hofe weniger zu essen. So einfach war das.
Man kann sich vorstellen, dass sie auf Händen getragen wurden, und die Bevölkerung mit banger Sorge zusah, wie sie irgendwann zu alt wurden für den aktiven Dienst. Ihr Sohn Harmid, der zukünftige Vater Torans, war der designierte Thronfolger. Seine Eltern hatten ihn so lange wie möglich gewähren lassen, wissend, dass in der Zukunft eine schwere Last auf seine Schultern gelegt werden würde. Dank dieser liebevollen Geste des königlichen Paares hatte der junge Mann sich lange Zeit ganz und gar seiner großen Liebe zu den Pferden widmen können.
Seltsam, die Handschrift wird hier kleiner, wie ein Flüstern... ich setze kurz meine Brille auf, geschätzte Leser...
Er verstand sich blind auf diese besonderen Tiere. Das war natürlich angenehm für den zukünftigen König, aber ohne Gemahlin konnte er den Thron nicht übernehmen, und eine liebevolle und verständige Gefährtin war bei Weitem noch nicht in Sicht. Es wurde Zeit, dass er seine Scheuklappen ablegte und sich nach einer geeigneten Braut umschaute. In den Ställen hatte er schon öfter ein schüchternes Pferdemädchen herumhantieren sehen. Sie war ohne Zweifel atemberaubend schön, wagte aber nie Blickkontakt herzustellen und wurde immer wieder von ihrer Freundin abgeschirmt. Diese Freundin, ein attraktives Mädchen mit dunklem Haar und einem intensiven Blick in den Augen, war hingegen absolut nicht schüchtern. Sie hatte bereits mehrfach auf dreiste Weise um Harmids Aufmerksamkeit gebuhlt.
Er wusste nicht warum, aber diese Mara jagte ihm eine Gänsehaut ein, und nicht auf angenehme Weise. Er war nicht im Geringsten an ihr interessiert. Er war jedoch neugierig auf dieses sanfte, liebe Wesen, das sich kaum blicken ließ und summend hinten in den Boxen die Pferde striegelte und fütterte. Sie wollte er besser kennenlernen, und wenn Harmid sich einmal etwas vorgenommen hatte, ließ er sich durch nichts und niemanden davon abbringen.
Die beschützende Mara wurde ausmanövriert und das schüchterne Mauerblümchen nach vorne geschoben. Sie taten, was andere Paare in dem Alter auch taten. Zusammen ins Kino gehen, Hand in Hand spazieren und heimlich hinten in den Ställen endlos lange knutschen, in der Hoffnung, von den Stallknechten nicht erwischt zu werden.
Leider hatten sie nicht viel Zeit zu zweit, denn Mara — was für ein komischer Tintenfleck hier, Verzeihung, ich erzähle weiter... — Mara war häufiger in ihrer Gesellschaft zugegen als Harmid lieb war. Die beiden Freundinnen hingen ziemlich aneinander. Er versuchte ihre Freundschaft zu respektieren. Er sah auch ein, dass Mara Türen für Ilana öffnete, ihr Einblicke in die Außenwelt gewährte und sie auf Abenteuer mitnahm, die die schüchterne Ilana allein nie eingegangen wäre. Mara vergrößerte Ilanas Welt, die sehr behütet aufgewachsen war bei einer alleinstehenden, jungen Witwe. Das war die positive Seite der Freundschaft. Aber Ilana war auch naiv und beeinflussbar. Irgendwie konnte die besondere Mara nie etwas falsch machen, und das unsichere Mädchen hatte ein grenzenloses Vertrauen in ihre beste Freundin. Es war Harmid nicht ganz wohl dabei, aber es gab wenig, was er dagegen tun konnte.
Nach einer ziemlich langen Verlobungszeit wurde es Zeit, die schöne Ilana im Palast vorzustellen. Seine Eltern waren entzückt und furchtbar neugierig auf das Mädchen. Sie vertrauten darauf, dass ihr Sohn eine gute Wahl getroffen hatte, und freuten sich, dass er sein Glück gefunden hatte. Ilana auf der anderen Seite fürchtete sich schrecklich vor der Begegnung und traute sich nur zu kommen, wenn Mara sie begleitete. Das hätte ein Alarmsignal sein müssen, aber Harmid hatte sich längst daran gewöhnt. Seine Eltern, die noch von altem Schlag waren, fanden die Idee einer Anstandsdame nicht außergewöhnlich und schoben liebevoll einen zusätzlichen Stuhl an den Tisch.
Harmids Eltern fanden das junge, schüchterne Mädchen einen Schatz zum Hüten und sahen sofort, was ihr Sohn in ihr sah. So dauerte es auch nicht lange, bis die Hochzeit vollzogen wurde und das ganze Land feierte. Zusammen waren sie ein Bild, und die Liebe sprühte nur so. Mara war selbstverständlich die Brautjungfer und verschwand auch nach der Eheschließung nicht von der Bildfläche. Der junge Prinz war froh, dass seine junge Braut nicht sofort allein dastand, nun da er andere Angelegenheiten am Hals hatte. Er war jetzt König, und das nahm beträchtlich viel von seiner Zeit in Anspruch.
Dort, wo seine Eltern immer gemeinsam regiert hatten, tat Harmid es nun allein. Die schüchterne Ilana brauchte mehr Zeit. Niemand nahm weiter Anstoß daran. Vor allem weil König Harmid seine Rolle überaus ernst nahm und sich als aus dem richtigen Holz geschnitzt erwies. Er konnte bestens die Lücke füllen, die seine Eltern im Hohen Rat hinterlassen hatten.
Ich will den Schwung beibehalten, liebe Leser, denn ich habe das Gefühl, das Buch kann jeden Moment zuklappen... auch wenn ich das seltsam finde zu sagen. Ein Schaudern geht hindurch, das mir das Fürchten lehrt. Aber diese Geschichte MUSS erzählt werden, ich spüre es an allem...
Es brachen blühende Zeiten an, in denen der Wohlstand Hochkonjunktur hatte und ein jeder die Mittel besaß, nach Herzenslust sein Leben zu gestalten. Die Kaufkraft war noch nie so gut gewesen, und niemand fiel durchs Raster. Das Auffangsystem erwies sich als wasserdicht, und der König bestand darauf, dass jeder, der auf welche Art auch immer einen Beitrag zur Gemeinschaft leistete, einen guten Anteil am Ertrag verdiente. Er hielt es für wichtig, dass man sich weiterentwickelte, und sorgte dafür, dass die Menschen, die aktiv am Lernen waren, freigestellt wurden. ‚Zusammen wachsen, zusammen blühen' war sein Motto.
Eine schöne Zeit brach an, und die innig liebevolle Beziehung von Harmid und der schönen Ilana erwies sich als fruchtbar. Ein Söhnchen wurde geboren, namens Toran. Der ganze Hofstaat nahm sich des hübschen und fröhlichen Kindes an. Die ersten Jahre von Torans Leben brachte er Liebe und Freude in die Familie und wurde von Harmids Eltern auf Händen getragen. Sie starben, als Toran fünf Jahre alt war, kurz nacheinander. Sie hatten ein langes und schönes Leben geführt und ein außergewöhnlich hohes Alter erreicht. Nun konnten sie guten Gewissens Abschied nehmen, da sie das Land in guten Händen zurücklassen würden. Ihr Sohn hatte bewiesen, ein kluger und sanftmütiger Anführer zu sein.
Doch es stellt sich heraus, dass ein unvorhergesehener Faktor im Spiel ist...
Eines Tages kehrte der kluge und sanftmütige König nicht von seinem Ausritt zurück. Erst am nächsten Tag wurde er gefunden, sein treues Pferd untrennbar neben ihm. Ein Herzinfarkt hatte den jungen Herrscher überrascht, ein Umstand, den selbst seine edelsten Eigenschaften nicht hatten verhindern können.
Das Buch erzittert. Einen Moment glaube ich, es klappt zu, aber nein... es blättert sich selbst zu einem dunkleren Kapitel um.
Das Land explodierte vor Fassungslosigkeit. Seltsam, dieser Satz war eben noch nicht da. Berichterstatter, mit Tränen in den Augen, rangen um Worte. Wie konnte ein so gesunder, vielversprechender König einfach verschwinden? Im Nachhinein scheint das Rätsel vielleicht leichter zu lösen...
Von einem Tag auf den anderen musste Ilana — das introvertierte Mauerblümchen, das jahrelang dankbar im Schatten ihres Mannes gelebt hatte — die königlichen Pflichten übernehmen. Ein Nervenzusammenbruch drohte, der Schmerz über den Verlust ihres geliebten Mannes beinahe unerträglich.
Zum Glück war da Mara, ihre beste Freundin, immer bereit, sie an die Hand zu nehmen. Mit Rat und Tat stand sie Ilana zur Seite, und innerhalb kürzester Zeit hatte sie sich praktisch die Krone auf den eigenen Kopf gesetzt. Ilana, überwältigt und verletzlich, stimmte allem zu, was Mara sagte, blind für die unlauteren Absichten, die langsam Wurzeln schlugen.
Maras Familie war keine gewöhnliche Familie. Über die Jahrhunderte hatten sie sich auf verschlagenen Wegen in einflussreiche Positionen manövriert. Magie war ihr Werkzeug, Opfer ihre Methode. Alles, um die eigenen Interessen zu sichern, die eigene Stellung zu stärken.
Mit jeder Generation wurde die Zauberkraft dunkler. Was einst aus Licht und Liebe geboren war, verschrumpelte in ihren Händen zu etwas Bösartigem. Die letzten Frauen in der Familienlinie konnten, selbst mit den besten Absichten, nur noch Hass und Verderben säen.
Diese Seite fühlt sich kälter an, als ob... ich wage es nicht laut auszusprechen. Es tut auch nichts zur Sache für euch, Verzeihung...
Mara — die bittere, neidische Erbin dieser dunklen Tradition — passte perfekt in dieses Muster. Das Infiltrieren des Königshauses erwies sich als Kinderspiel. Ihre Familie hatte bereits seit Jahren einen Fuß in der Tür, und über geschickte Verbindungen hatte sie eine Anstellung als Pferdemädchen in den Ställen bekommen, in denen ‚zufällig' der Prinz seine Tage verbrachte.
Die gerissene Mara entging nichts. Sie sah die verstohlenen Blicke, die der Prinz der schüchternen Ilana zuwarf; Blicke, für die Ilana selbst vollkommen blind war. So entstand zwischen ihnen eine erdrückende Freundschaft, geschwängert mit Folgen, die niemand vorhersehen konnte.
Ilana erwies sich als völlig unfähig, die entscheidenden Staatsdokumente zu durchdringen. Ihr verletzliches Gemüt ertrug die Wahrheit des Augenblicks nicht. An Tagen der Schwäche verblassten die Buchstaben auf dem Papier zu unkenntlichen Flecken.; das Dokument begann vor ihren Augen zu tanzen und sich zu drehen, bis die überreizte Königin mit einer verheerenden Migräneattacke ins Bett getragen wurde.
Wer anders als Mara eilte zu Hilfe? Mit routinierter Präzision las sie die Dokumente, interpretierte sie nach eigenem Gutdünken und schleuste anschließend den manipulierten Inhalt an die Königin weiter. In jener Zeit folgten die bemerkenswerten Entscheidungen in rascher Folge aufeinander.
Der Rat, vormals eine Bastion der Zuverlässigkeit und des Volksdienstes, schien der manipulativen Überzeugungskraft Maras nicht gewachsen, die inzwischen offiziell zur Beraterin der Königin ernannt worden war. Ilana ließ sich immer wieder hinters Licht führen, vertraute ihrer Gesandtin blindlings. Selbst konnte sie nicht anders, als ihre Tage mit nichtigen Beschäftigungen zu füllen; komplexe Angelegenheiten drohten sie aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Sie suchte Zuflucht bei ihrem geliebten Sohn Toran. Er brauchte sie jetzt mehr denn je, oder sie ihn.
Unterdessen verdüsterte sich die Stimmung im Land mit beispielloser Geschwindigkeit. Mara, besessen von Machthunger, kannte keine Grenzen. Die Schatzkammer wuchs unter ihrem Einfluss ins Uferlose. Die Bürger sahen ihr Geld im Wert abstürzen: ein Monatslohn reichte kaum für ein kärgliches Brot, geschweige denn für die Miete.
Raserei brach aus, entlud sich in Aufständen, die jedes Mal erbarmungslos niedergeschlagen wurden von Ilanas Armee. Verwirrt und desorientiert kam die Königin zu dem Schluss, dass das Volk gegen síe aufbegehrte, eine Überzeugung, die sie all die Jahre gehegt hatte: dass sie nie akzeptiert werden würde.
Mit diesem selbstzerstörerischen Urteil der unsicheren Ilana wusste Mara ihren Vorteil zu nutzen.
Das Land stürzte in kürzester Zeit ins Chaos. (Hier steht Gekicher auf dem Papier, das kann doch nicht stimmen...?) Immer mehr Menschen suchten Zuflucht in Stadtparks, wo sie Zelte aufschlugen, nachdem ihre Häuser unbezahlbar geworden waren. Unter größter Mühe erbettelten sie Nahrung für ihre Familien.
Dennoch gab es einen Lichtblick am Horizont. Toran näherte sich langsam dem Erwachsenenalter und würde dann den Thron besteigen. Er war zu einem liebevollen und gerechten jungen Mann herangewachsen und würde in die Fußstapfen seines Vaters treten.
Mara war sich nur allzu bewusst, wie schnell ihr Einfluss dann schwinden würde. Der Junge hatte ihr vom ersten Tag an nicht vertraut, und daran hatte sie die ganze Zeit nichts ändern können. Ihre Magie bekam keinen Zugriff auf seine kindliche Fröhlichkeit und Empfänglichkeit. Dieser reine, unbefangene Geist erwies sich als undurchdringlich für ihre dunklen Künste, eine grundlegende Schwäche in ihren manipulativen Plänen.
Sie wusste, dass das Erwachsenwerden daran etwas ändern würde, konnte aber nicht darauf warten und beschloss, noch tiefer in die dunkle Magie hinabzusteigen. Finstere Pläne nahmen konkrete Gestalt an, und Omaria wurde geboren.
Zunächst pflanzte sie diese magische Welt in die Köpfe der Königin und der Ratsmitglieder. Einmal dort verankert, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Die Medien griffen es auf. Wie eine Art Hypnose wurden die Bilder von Überfluss und Hoffnung über die Bevölkerung gestreut, und Mara lachte ihr gemeines ‚Hexenlachen'.
Sie wusste, dass sie nun etwas in der Hand hatte, an dem Toran unmöglich vorbeikommen konnte. Sie hatte Omaria aus dem Nichts entstehen lassen, schaffte es aber in absehbarer Zeit, den Gedanken an ein vereintes Königreich mit Omaria in den Köpfen und Herzen eines jeden Sterblichen lebendig werden zu lassen. Omaria sollte die Rettung bedeuten. Ein Bündnis musste geschlossen werden, und damit würde die Armut im eigenen Land bald eine blasse Erinnerung sein.
Königin Ilana, die das Gefühl hatte, endlich etwas Gutes für das Volk tun zu können und dadurch ihre Liebe zu gewinnen, ging mit der frohen Botschaft voraus. Als Mara die Prinzessin Tatuma von Omaria ins Spiel brachte, im Grunde eine entfernte Nichte von ihr, war Ilana sofort davon überzeugt, dass sie keine bessere Heiratskandidatin für ihren Sohn hätte finden können.
Tatuma war eine charmante, elegante Dame mit einem überaus ernsten Ausdruck im Gesicht. Die Königin war beeindruckt von dieser Dame, und ihre Rhetorik war von derart hohem Niveau, dass alles aus ihrem Mund klang, als sei es ‚aus Gold gemacht und mit Edelsteinen besetzt'.
Der ‚Hofstaat' Omarias kam in den wunderschönsten Gewändern und Anzügen gekleidet. Sie wurden in vergoldeten Kutschen mit prächtigen Verzierungen vorgefahren. Das ganze Land stand mit offenem Mund vor all dem Glanz und Prunk. Wenn sie nicht vor den Toren des Palastes standen, saßen sie zu Hause oder bei Freunden vor dem Fernseher.
An jenem bewussten Tag konnte Toran nichts anderes tun als tatenlos zuzusehen, wie ein jeder von dieser impulsiven und in seinen Augen tollkühnen Idee eingenommen wurde. Eine unbestimmte Unruhe regte sich in ihm, ein unterschwelliges Gefühl, das ihn zweifeln ließ, aber wer würde auf ihn hören?
Warum hatte er keine Erinnerungen an Omaria, und warum war es nirgends in den Geschichtsbüchern zu finden? Und warum war er der Einzige, der sich das fragte? Die Skepsis des jungen zukünftigen Königs durfte merkwürdigerweise nichts ausmachen. Sein Los war besiegelt, zusammen mit dem seines Königreichs. Man wollte dies bald besiegeln. Je eher, desto besser. Damit war die bevorstehende Hochzeit Tatsache geworden, und die Vorbereitungen wurden in aller Eile getroffen.
Toran konnte seine Wut unterdessen kaum zügeln. Er empfand keinerlei Liebe für die Prinzessin von Omaria. Sie war tatsächlich bildschön, aber ihre Ausstrahlung war kalt. Sie blieb in seiner Gegenwart an der Oberfläche und wirkte wenig beteiligt. Er mochte gar nicht daran denken, mit ihr in einem Bett aufzuwachen.
Er flehte seine Mutter an, es sich anders zu überlegen, und beschuldigte sie der Scheinheiligkeit, da sie doch unter anderen Umständen einen Mann gefunden hatte. In einem ausführlichen Gebet legte er seine Lage dar und versuchte in der Stille die Antworten an sich herankommen zu lassen. Könnte dies noch eine andere Wendung nehmen? Doch es erwies sich als vergeblich.
Erst verheiratet und gekrönt würde ér Mitsprache bekommen, nicht eher. Und so wurde geheiratet. Tatuma wusste während der Zeremonie alle so zu bezaubern, dass Toran selbst zu glauben begann, sein Widerstand habe unangemessene Ausmaße angenommen. Sie hatte sich im Vorfeld als graziös erwiesen, respektvoll gegenüber ihrer Umgebung, beredt, lösungsorientiert, dankbar und wertschätzend.
Liebevoll hätte ebenfalls gepasst, wäre es nicht so, dass in jenen seltenen Momenten, in denen sie allein waren, ihre kalte Ausstrahlung ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Es brachte ihn gehörig durcheinander. Nach dem, was er von ihr gesehen hatte, musste doch ein warm schlagendes Herz hinter ihrer reservierten Fassade verborgen sein? Er durfte die Wärme nicht entdecken.
Nach der Eheschließung lehnte sie höflich jede Form von Intimität ab, und Toran konnte seine Erleichterung darüber kaum vor ihr verbergen.
Der Tag der Krönung brach an, und Toran zögerte, ob er vor aller Augen seine Frau tatsächlich auch zur Königin krönen sollte, Teil der offiziellen Zeremonie. In dem Moment, da er nach seiner eigenen Krönung die etwas kleinere Krone auf das Haupt seiner Frau setzen würde, verlieh er ihr damit unmittelbar den Status einer Königin. Sollte er unvorhergesehen, aus welchen Gründen auch immer, nicht regieren können, dann würde sie das an seiner Stelle tun, bis ein männlicher Erbe das Erwachsenenalter erreichte.
Aber näher als je an einem Ende der Speisetafel kamen beide nicht zueinander. Nachwuchs würde es daher nicht geben. Warum er wider besseres Wissen dennoch an der vollständigen Zeremonie teilnahm, konnte er sich später nicht erklären. Vielleicht konnte er Maras Zauberkraft nicht mehr so gut abwehren wie zuvor. Oder vielleicht wollte er nicht vom Schlimmsten ausgehen. Oder, was auch wahrscheinlich ist, war er jung und unsicher und vermisste einen guten Gesprächspartner, wie sein Vater es gewesen wäre.
Für den Ausgang dieser Geschichte macht es wenig Unterschied. Der Tag, an dem Toran König wurde, veränderte alles im Land. Selbst Prinzessin Ilana war erschüttert über den Ausgang. So erschüttert, dass sie tot in ihrem Schlafgemach aufgefunden wurde. Es kann auch sein, dass kein Schreckenseffekt im Spiel war und Maras Einfluss sich geltend gemacht hatte. Wir werden es nie erfahren.
Ich schwöre euch, liebe Leser, die Seite des Buches hat sich eben von selbst umgeschlagen, als wolle es nicht gelesen werden, aber... ich beharre...
Wir wissen allerdings, dass sie gestritten hatten, Mara und Ilana. Durch den Schleier ihrer Unwissenheit hindurch wurde Ilana irgendwann doch klar, dass ihr lieber Sohn Toran den Kürzeren gezogen hatte. Und das konnte diese liebevolle Mutter nicht verkraften. Eine Beerdigung folgte, bei der Toran Tränen der Bitterkeit über seine Wangen laufen fühlte. Es war die Unzulänglichkeit seiner Mutter, die ihn hierher gebracht hatte, aber sie hatte ihn auch geliebt, und er sie, in all ihrer Unvollkommenheit.
Mara erwies sich ‚komischerweise' in absehbarer Zeit als eine gute Freundin und Gefährtin Tatumas, der neuen Königin. Und, wie ist es möglich? Toran wurde krank, sehr krank. Die Ärzte stellten fest, dass er eine Derealisationsstörung entwickelt hatte und Anzeichen akuter Schizophrenie zeigte.
Königin Tatuma hielt eine traurige Rede während der Amtseinführung der neuen Ratsmitglieder — allesamt Marionetten —, in der sie mitteilte, der junge König sei in eine Anstalt eingewiesen worden und laut den Ärzten bestehe wenig Aussicht auf Besserung.
„Ich gelobe dem Land feierlich, dass ich eine weise und gerechte Königin sein werde", erklärte sie, „und mich stark machen werde für bessere Umstände der großen Gruppe von Armen und Obdachlosen."
Die Parks begannen mehr und mehr verwahrlosten Elendsvierteln zu gleichen. Selbstverständlich erwiesen sich die Versprechungen als leere Worte, und die Eiskönigin begann, begleitet von ihrer neuen Beraterin Mara, eine Herrschaftszeit höllischer Tyrannei und Erbarmungslosigkeit. Ihr wahres Wesen ließ sich nicht länger verbergen, nicht einmal vor dem Hofstaat. Sie wurde bald die ‚Königin der Nacht' genannt.
Es wurden keinerlei Vorräte, Güter, Rohstoffe oder dergleichen aus Omaria ins Land gebracht. Mehr noch: über Omaria wurde in keiner Weise mehr gesprochen, als habe das Land nie existiert. Die Armut stieg auf ein beispielloses Niveau, und ein Notstandsdekret wurde ausgerufen.
Tatuma hatte dem Rat weisgemacht, dass Hilfe aus dem Ausland abgelehnt werde und sie die umliegenden Länder nicht länger als Verbündete zu betrachten brauchten. „Wir werden in den Krieg ziehen und die Beute über die Grenzen holen, damit unser Volk nicht länger krepieren muss", verkündete sie mit einem kalten Lächeln.
Dieser Krieg sollte zugunsten des Volkes ausgefochten werden, so lauteten die Werbetexte des Heeres und der Marine. Große Zahlen von Bürgern meldeten sich freiwillig, um für eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder zu kämpfen.
...ein Zittern durch das Buch. Es ist doch nicht zu glauben, was ich hier in den Händen halte. Unter Lebensgefahr fahre ich fort...
Was folgte, wird noch endlos lange eine dicke Markierung in den Geschichtsbüchern sein. Der Große Krieg wurde eingeläutet. Ein Krieg, wie es keinen zuvor gegeben hatte und auch keinen danach geben sollte. Viele hätten nicht für möglich gehalten, dass so viel in so kurzer Zeit zerstört werden könnte. Aber es erwies sich als möglich und wahr.
Tatuma und Mara hatten es geschafft, die Welt ihrer Lebendigkeit, ihrer Schönheit und ihrer Qualität zu berauben. Das Lagerleben erzählt nun die Geschichte, und diese ist nicht falsch zu verstehen...
Und irgendwo in einem elfenbeinernen Türmchen leben die beiden Damen, die Damen ‚Griff und Gier'. Sie stehen mit einem Bein in der Hölle und mit dem anderen treten sie noch gegen das Gesindel. Der Gürtel wird immer enger und enger geschnallt, bis alle Luft heraus ist.
Und wofür tun sie das? Sie müssen doch auch leben in einer Welt, die vor Elend auseinanderfällt? Oder gibt es etwas, das wir Leser übersehen? Etwas, das jedem normal denkenden und funktionierenden Menschen möglicherweise entgeht?
Und ihr fragt euch bestimmt, wo in dieser ganzen Geschichte Toran geblieben ist?
Mara hatte dank seines Erwachsenenalters endlich Zugriff auf ihn bekommen, und er wurde in den Kellern des Palastes verborgen gehalten. Er war niemandem zur Last. Er war ein in sich gekehrter und gequälter junger Mann geworden. Das Ziel der obskuren Damen war es, ihn durch Wahnsinn und Frustration in seiner mentalen Gefangenschaft in den Tod zu treiben.
Toran war nicht so leicht zu fangen. Seine Fantasie lief auf Hochtouren, und in einem Moment reiner Inspiration gelang es ihm, Omaria neues Leben einzuhauchen. Im erneuerten Omaria bestimmte Toran seine eigenen Regeln und konnte doch noch König sein. Unter seinen Händen formten sich Landschaften, die auf seine Emotionen reagierten. Berge erhoben sich, wenn seine Entschlossenheit wuchs, Seen erschienen, wenn seine Gedanken ruhig wurden. Er öffnete diese lebendige Welt für jeden, der einen Zufluchtsort brauchte. Es war schließlich das Land, das ihnen von der Königin versprochen worden war.
Aber das gewöhnliche Volk, das sich täglich durch den Schlamm und Schutt der zerstörten Städte schleppte, hatte nicht den Hauch einer Chance, Omaria zu betreten. Ihre Gedanken waren ebenso grau wie der Himmel über den Lagern, ebenso begrenzt wie der Stacheldraht um ihre Baracken. Denn dafür musste man frei sein und frei denken. Und keiner der Menschen, die den Großen Krieg überstanden hatten, hatte dieses Gefühl behalten. Freiheit war ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnten. Also ließen sie fortan die Regeln für sich schreiben und die Gesetze für sich bestimmen. Und sie lebten wie domestizierte Tiere in etwas, das nicht anders beschrieben werden konnte als eine ‚Animal Farm'.
Tatuma merkte zunächst nicht, dass sie Torans Wesen in zwei Teile gespalten hatte, die einander nicht finden konnten; die Erscheinung in ihrem Keller war lediglich eine leere Hülle, während sein wahres Selbst irgendwo existierte, wo ihre Macht nicht hinreichte. Sie stellte fest, dass sie keinen Zugriff hatte auf die Orte, die Toran mit seiner Fantasie und seinen Träumen aufsuchte. Darüber war sie reichlich verärgert. Aber sie konnte ihre Hände sehr wohl auf die Erscheinung seines Wesens legen, die physisch zurückgeblieben war. Diesen ‚Achterbliebenen' ließ sie in den Lagern umherstreifen und Tod und Verderben säen. Er sollte ihr falscher Rottweiler sein, ihr Zombie.
„Er wird für immer gefangen sein in Maras Zauberspruch, und diesen werde ich niemals aufheben lassen", flüsterte sie zu sich selbst. Es befriedigte sie, dass er sich in mentaler Gefangenschaft befand und einen einsamen, schmerzhaften und langen Weg zum Ende seines Daseins würde gehen müssen. So viel besser als der Tod, war ihre grausame Schlussfolgerung.
Gekratze, während ich lese... endloses Gekratze! Es ist kaum auszuhalten. Man muss heutzutage schon stabil auf den Beinen stehen als Erzähler, glaubt mir.
Je mehr ihre Wut über Torans mentale Flucht wuchs, desto dicker und giftiger wurde die Luft in den Lagern. Die Gefangenen husteten Blut, ohne zu begreifen, dass es die Verbitterung ihrer Königin war, die sie langsam vergiftete.
Aber tiefer als diese alltägliche Grausamkeit nagte ein anderer Ärger an ihr. Sie konnte nicht verwinden, dass er íhr Omaria eingenommen und sich zu eigen gemacht hatte. Omaria lag nun außerhalb ihrer Einflusssphäre, während Mara und sie dieses Land gerade als Falle entworfen hatten! Gegen alle Erwartung war es für ihn zu einem sicheren Hafen geworden. Es fühlte sich an, als hätten sie ihm unbeabsichtigt einen Rettungsring in die Hand gegeben. In dieser Hinsicht hatte sie versagt.
Tatuma sollte noch öfter mit diesem Gefühl zu kämpfen haben. Sie würde noch verdutzt dreinblicken, wenn sie sehen könnte, wie Sinne und Toran den ihnen zugereichten Rettungsring in ein privates Paradies verwandelt hatten...
Das Buch beginnt zu beben. Die Buchstaben tanzen. Ich muss aufhören, liebe Leser. Ich muss wirklich aufhören. Ich denke, wir haben den Löwenanteil abgedeckt... Lasst uns hoffen, dass uns das genug Halt gibt..."
Sinne schaut Toran mit großen Augen voller Unglaube an. Was eine Antwort auf ihre Frage hätte sein sollen, ist zum komplexesten Rätsel geworden, vor dem sie je in ihrem Leben gestanden hat. Sie spürt Gänsehaut auf ihren Armen und in ihrem Nacken prickeln, ein Flattern in ihrem Bauch... Sie riecht Abenteuer! Sie liebt Abenteuer!
Es ist, als sei sie in ein spannendes Jungenbuch geraten, und sie kann es kaum erwarten zu entdecken, wie die Geschichte weitergeht. Es ist ziemlich unangemessen und unverkennbar, aber sie empfindet es als Erleichterung, dass der Lager-Toran nichts anderes ist als eine verzauberte und ausgehöhlte Variante. Dass sie es im Grunde nicht mit Toran zu tun gehabt hat.
Für ihn selbst ist es furchtbar, dass er keine Kontrolle hat über seinen zurückgebliebenen Körper und Tatuma ihm die grausamsten Aufträge erteilt. Das hat natürlich einige Auswirkungen...
Ihre Gedanken sind plötzlich auf ein anderes Gleis geraten. Die aufregende Spannung von eben weicht jetzt der Angst. Siedende Angst, die durch ihre Adern kriecht auf dem Weg zu ihrem Herzen. Die Luft um sie herum verdichtet sich, und für einen Moment spürt sie, wie Omaria auf ihre Emotionen reagiert. Die Blätter naher Bäume beginnen zu frösteln, eher als zu zittern, obwohl kein Wind weht.
Das ist ihr auf Omaria noch nie geschehen, nicht einmal als Tonio einen Sturzflug machte und gerettet werden musste. Für Sinne ist Vertrauen in sich selbst und auf Omaria stets der Ausgangspunkt, und sie weiß immer die nötige Leichtigkeit zu bewahren, um hier spielen zu können. Nie zuvor wurde sie von einem Moment auf den anderen von solch heftiger Panik überwältigt. Sie steht perplex vor der körperlichen Empfindung.
‚O nein!! So nicht!' Sie ermahnt sich selbst. ‚Jetzt nicht vorgreifen. Erst recht keine Annahmen machen, ohne alle Fakten beisammen zu haben!'
Sie richtet den Rücken auf. Hier ist Mut ein besserer Wegweiser, beschließt sie. Unter ihren Füßen wird der Boden augenblicklich fester. Und so steht sie, nachdem sie durch die Achterbahn der Emotionen geschossen ist, wieder mit beiden Füßen auf dem Boden. Sie wird den Kopf nicht in den Sand stecken, gewiss nicht. Es ist wichtig, realistisch zu sein über die Hindernisse auf dem Weg, aber noch wichtiger ist es, offen zu sein für die Lösungen, die sich oft Hand in Hand mit den Problemen zeigen.
Sie schaut Toran an und entnimmt seinem Blick, dass er sie beobachtet hat. Er hat es bemerkt, ihre Aufregung und danach ihre Angst.
„Hm ja, leider...", sagt er dann aus dem Nichts, „...so funktioniert das tatsächlich, Sinne. Der Toran im Lager, das bín ich sehr wohl. Auch wenn mein Geist nicht anwesend ist und mich das zu einer Marionette in Tatumas Händen macht. Damit ist mein gewalttätiges Leben im Lager gefährlich für mich. Wenn mir etwas zustößt, dann verschwinde ich hier schlichtweg. Puff! Als würde ich zurück in die Flasche gehen. Nein, schlimmer noch, ich verschwinde vollständig..."
Er schweigt einen Moment, als dringe dies erst jetzt zu ihm vor. Die Luft um ihn herum wird dunkler, wie eine Wolke, die sich aus seinen eigenen Zweifeln formt. Eine kühle Brise streicht über Sinnes Haut, wo eben noch kein Wind war.
„Ich habe erfahren, dass es Schlupflöcher im Zaubergesetz gibt. Bisher bin ich nur nicht dahintergekommen, welche." Er schaut Sinne an mit einem schuldbewussten Blick in den Augen. „Du musst wissen, dass ich mich größtenteils selbst dafür entschieden habe. Ich bin aus dem Leben in den Kellern geflohen, weil ich das nicht ertragen konnte. Wäre ich geblieben, hätte sie keine verrückten Spielchen mit mir treiben können. Es ist durchaus Egoismus im Spiel! Was für ein König ist man dann! Ich sollte unter állen Umständen für mein Volk da sein."
Sinne hört den Schmerz in seiner Stimme durchsickern. Sie findet sein Urteil zu hart. In ihren Augen ist es eine beachtliche Leistung, auf diese Weise einen Weg aus dem mentalen Gefängnis gefunden zu haben. Es zeugt von Kreativität, einem freien Willen, Einfühlungsvermögen, Hingabe und Vertrauen, Mut und Tatkraft. Allesamt Tugenden, die sein Vater gewiss geschätzt hätte.
Sinne behält diese Gedanken für sich. Der Boden unter ihren Füßen fühlt sich warm an. Omaria ermutigt sie zu sprechen, aber sie widersteht. Er würde sich nur als noch größeren Betrüger und Versager fühlen, wenn sie dies für ihn herunterspielte, denn so würde er es auffassen. Das spürt Sinne haargenau. Am liebsten würde sie ihn in Mitgefühl und Anteilnahme tauchen, diesen lieben Mann mit seinem traurigen Blick. Hoffentlich bekommt sie diese Gelegenheit noch einmal.
Während sie schweigt, scheint der Abstand zwischen ihnen kleiner zu werden, nicht physisch, aber in einem tieferen Sinne, der nur auf Omaria möglich ist.
Sie stehen einander schon eine Weile an und schauen sich in die Augen, ohne etwas zu sagen, und ehrlich gesagt gibt es auch nicht so viel zu sagen. Für jetzt ist genug gesagt und vor allem genug gegraben in schwieriger Materie. Sinne ist in dieser Hinsicht immer praktisch. Es gibt eine Zeit zum Grübeln und eine Zeit zum Vergnügen. Letzterem will sie jetzt etwas mehr Raum geben, und mit Toran an Bord und Dali am Heck macht sie die Leinen los.
Sie fährt auf offene See hinaus und bald in die weite Welt Omarias. Das Wasser unter der Aszension wechselt subtil die Farbe, von Tiefblau zu einer Schattierung von Türkis. Ganz sorgenfrei ist sie allerdings nicht. Komplexe Gedanken kommen immer wieder hoch. Sie weiß jetzt so viel mehr über diese Welt, aber ihr Gefühl sagt ihr, dass sie sie gerade weniger versteht. So fragt sie sich zum Beispiel, ob es Überreste, Spuren der dunklen Magie Maras auf Omaria zu finden gibt. Die Vorstellung, dass Tatuma und die böse Mara irgendetwas mit der Blaupause dieser Welt zu tun haben, durch die Sinne nun schon so lange fliegt, behagt ihr nicht.
In Gedanken stockt sie. Ist sie hier wirklich frei? Was für eine Welt hat Toran hinter den Kulissen hervorgezogen, und in welchem Zustand war sie damals? Hat er lediglich renoviert? Oder hat er alles abgerissen und von vorne begonnen? Gibt es noch Teile im Fundament, die möglicherweise für Überraschungen sorgen könnten? Der Wind lässt merklich nach, während ihre Zweifel zunehmen.
Dann unterbricht sie ihre eigenen Gedanken. Dafür entscheidet sie sich jetzt nicht! Sie will nicht, dass ihr Grübeln dem im Wege steht, was sie immer wieder als die wahnsinnigste Erfahrung überhaupt betrachtet hat! Im Lager hat sie Sorgen, hier hat sie Spaß!
Und so einfach wie eine Mütze verkehrt herum aufsetzen, weiß Sinne die schweren Gemüter hinter sich zu lassen und voraus zum Horizont zu blicken, wo die Welt sich für sie öffnet. Als Antwort auf ihren Entschluss schwillt der Wind wieder an, diesmal kräftiger als zuvor, und das Holz der Aszension knarrt zufrieden unter ihren Füßen.
Mit dieser Landschaft vor Augen und der guten Gesellschaft wäre sie verrückt, sich Sorgen zu machen. Ihre Bedenken lösen sich auf wie Tau im Morgenlicht und weichen aufrichtiger Dankbarkeit und einem tief empfundenen Vergnügen. Sie holt entschlossen die Schot dicht und will alles aus der Aszension herausholen, was in ihr steckt.
Was immer Omaria für ein Ort sein mag, bisher hat es Sinne vor allem gedient, indem es jede Erfahrung unmittelbar in Erkenntnis verwandelt. Es ist ein Dialog zwischen Omaria und Sinne, der klar und direkt ist. Sie spürt in jenen Momenten in ihrer Magengegend, dass die Botschaft rein ist, dass sie vertrauen darf, vor allem Vertrauen in sich selbst.
Der Wind pfeift durch die Segel und lässt sie die Geschwindigkeit auf ihrer Haut spüren. Sie fühlt sich beteiligt. Das ist es, denkt sie verblüfft. „Ich darf hier mitmachen auf Omaria!" flüstert sie, und das Wasser unter dem Schiff kräuselt sich zustimmend in Kreisen.
Den Rest des Tages lassen die drei Musketiere es sich gutgehen. Sie lachen viel, und ihr Adrenalin schießt in alle Richtungen, während sie halsbrecherisch durch die Luft fliegen. Von den vielen Loopings wird ihnen leicht schwindelig. Die Aszension gehorcht jedem Impuls, jedem Wunsch nach mehr Geschwindigkeit, mehr Höhe, mehr Sensation; wie eine Verlängerung ihrer gemeinsamen Freude.
Sie können jetzt alles einen Moment loslassen im Wissen, dass sie einander haben, um sich darauf zu stützen, wenn es gleich schwierig werden wird. Es ist ein langer Weg mit vielen Hindernissen, und jeder von ihnen ist sich dessen bewusst. Es ist ein guter Grund, für einen Moment unbesonnen sein zu dürfen und den Augenblick zu feiern.
Mit einer fast kindlichen Unschuld gehen sie darin auf und hüten die Wärme und Anwesenheit des anderen. Torans Lachen klingt leichter als Sinne es je gehört hat, Dalis Gebärden werden freier, verspielter. Omaria kann ein imposanter Spielplatz sein... und doch ist es gut, wachsam zu bleiben.
Das ist die Schlussfolgerung, die Sinne gezogen hat. Toran fängt ihren Blick auf mit einem Aufblitzen von Ernst unter seinem Lächeln. Sinne weiß genug. Dieser Moment gehört der Freude, aber ihr Weg verlangt mehr. Sie weiß zu viel, um es zu ignorieren. Sie wird etwas tun. Für Tonio. Für die Lagerinsassen. Für alles, dem sie nicht länger gleichgültig gegenüberstehen kann.
Aber jetzt, für diesen Augenblick, lässt sie den Wind ihre Gedanken forttragen und spürt nur die Freude dreier Seelen, die gemeinsam tanzen an der Grenze zwischen Luft und Meer.
Toran ergreift ihre Hand, und seine Augen schmelzen vor Staunen. Diese Frau... sie stiehlt nicht nur den Luftraum mit ihren akrobatischen Kunststücken, sondern schleicht sich auch langsam in sein Herz. Ein scharfer Schmerz zieht durch seine Brust. Dieses Gefühl, dem darf er nicht nachgeben. Und doch will er es hüten in seinem tiefsten Inneren. Ein unwillkürliches Lächeln formt sich auf seinen Lippen.
Er darf ihm kein Gehör schenken, aber es fühlt sich dennoch an wie reines Glück. Die Art, wie sie ihn anschaut, mit ihm spricht, spielt, lacht. Und diese Momente, diese kostbaren Momente, in denen ihre Hände einander berühren, da wogt die Überzeugung durch ihn hindurch: sie ist für ihn bestimmt.
Für jetzt ist dieses Wissen genug. Er wird über sie wachen, sie keine Sekunde aus den Augen verlieren, sie beschützen, soweit sein Einfluss reicht. So viele Geliebte hat er schon verlieren müssen... diese Frau, nein, er kann es nicht ertragen, auch sie zu verlieren, selbst wenn sie niemals die Seine sein kann. Die Ironie sticht in sein Bewusstsein. Er schluckt den Schmerz hinunter und atmet die Freiheit ein, die sie in diesem Moment teilen. Für jetzt ist das genug. Für jetzt ist jeder Krümel ihrer Aufmerksamkeit ein Geschenk, für das er zutiefst dankbar ist.
Sinne fängt den Schatten von Schmerz in seinen Augen auf. Sie weiß, dass er etwas verborgen hält, ein Geheimnis, das der Schlüssel ist zu... allem. Sie spürt es. Aber er wird es nicht einfach so preisgeben, sonst hätte er es bereits getan. Die Puzzleteile, sie muss sie alle sammeln. Irgendwo in ihr wächst das Bewusstsein, dass ein Opfer gebracht werden muss. Wie groß? Darüber kann sie nur rätseln. Torans Gesicht nach zu urteilen hat er davon eine Ahnung. Gibt es einen Weg drumherum?
Sie drückt seine Hand und lässt ein Lächeln über ihr Gesicht gleiten. Eine Geste, die sagt: du kannst mir vertrauen, wir finden hier gemeinsam einen Weg. Aber in aller Ehrlichkeit, was weiß síe schon? Er ist der König, nicht nur hier auf Omaria und über die fliegenden Tiere... er ist dér König! Der König des gesamten Territoriums, das im Großen Krieg erobert wurde.
Und es gibt keinen Zentimeter auf der Erde, wird Sinne plötzlich bewusst, der nicht unter der herrschenden Ordnung von Königin Tatuma, ihrer höllischen Beraterin Mara und im Hintergrund ihrer Familie fällt. Der Gedanke lässt sie innehalten.
Dann, wie ein Funke im Dunkeln, leuchtet eine Idee in ihrem Kopf auf. Eine Idee, so gefährlich, dass... Über ihnen verändert sich die Luft subtil. Omaria hält den Atem an bei dem, was Sinne erwägt...
II | KONFRONTATION
„Man muss anfangen zu sterben,
um das Leben kennenlernen zu können"
— Vincent van Gogh
8. DAS GEFÄHRLICHE SPIEL
Tonio wischt sich den Schlaf aus den Augen und schaut zum Bett drüben. Sinne schläft noch, obwohl die Sonne schon aufgegangen ist. Das kommt nicht oft vor, und er ist überrascht. Sinne hat eine ziemlich zuverlässige innere Uhr. In letzter Zeit ist alles offensichtlich anders, er selbst nicht zuletzt, denkt er ironisch.
Er rollt seitlich zur Bettkante und flippt sich dann wie ein Stehaufmännchen hoch, indem er sich auf sein Gesäß setzt. Heutzutage ist das selbstständige Aufstehen aus der Rückenlage ein beachtlicher Kraftakt. Er versucht nun mit aller Kraft sich hochzudrücken. Das geht einher mit einer Menge Ächzen und Stöhnen. Es gelingt.
Mit kleinen Schritten geht er im Schlafanzug zur Ecke des Zeltes, wo ein Kübel steht. Es ist ein niedriger Eimer, und Sinne hilft ihm normalerweise hoch, wenn er fertig ist. Aus der Hocke schafft er es nicht mehr allein. Er will sie nicht wecken und geht nach draußen, wo Urinale stehen für die Männer des Lagers, dann kann er stehen bleiben.
Im Schneckentempo schlendert er um die Ecke. Beim letzten Zelt in der Reihe steht ein Viererblock dieser Becken. Alles geht heutzutage langsam, und das füllt seine Tage schnell. Er hat Zeit, nicht die Jahre, die er zu haben glaubte, aber eine andere Art von Zeit. Keine Lebenszeit, das ist ihm nur allzu klar. Aber er hat Zeit zum Schauen, Zeit zum Sinnieren, Zeit für ein Schwätzchen... Auch wenn er das noch kein einziges Mal getan hat, dieses Schwätzchen. Mehr noch, dies ist das erste Mal, dass er das Zelt verlässt, seit er ein alter Sack geworden ist. Er lässt sich nichts entgehen und ist froh, dass er auf Entfernung noch einigermaßen gut sehen kann.
Es ist ein armseliger Schutthaufen, und es ist keinerlei Charme zu entdecken in der trockenen Landschaft. Die Zelte stapeln sich, wodurch auch Weitsichten keine Chance bekommen.
Während er sich fragt, ob irgendwo noch Schönheit zu finden ist, fällt sein Blick auf ein besonderes Phänomen. Er entdeckt ein violettes Blümchen, das seinen Kopf neben den Latrinen zeigt, beinahe als frage es sich, ob es eine gute Idee sei, hier zu erscheinen. Zaghaft scheint es zu sein, und Tonio kann sich das wie kein Zweiter vorstellen. Es hat geriffelte, violettblaue Blütenblätter an einem zarten Stängel, und es ist nur gut, dass es sich in Deckung aufgestellt hat. Der Wüstenwind hätte es im Handumdrehen mitgenommen.
Tonio versucht den Gestank des Urins kurz zu vergessen, damit er etwas Zeit für dieses ganz kleine, fragile Wesen haben kann. Es ist willensstark, das muss es sein unter diesen Umständen. Er ist beeindruckt. Was für eine Leistung.
Tonio lässt die Situation auf sich wirken und versucht etwas daraus mitzunehmen. So hat er zum Beispiel auch nicht vor, sich einfach so auslöschen zu lassen. Auch er ist in dieses Lager geraten mit wenig Aussicht auf mehr als das ärmliche Dasein, das hier jeden trifft. Aber er ist hier, und viel schlechter kann es nicht werden. Und siehe da, das Leben kann sich verbessern, das zeigt ihm dieses liebliche Blümchen. Anstelle von nur trockenem Sand und kargen, trostlosen Aussichten ist da plötzlich etwas, das es wert ist, angeschaut zu werden. Die Umgebung hat dank dieser kleinen tapferen Ausnahme sofort eine Aufwertung erfahren.
Tonio beginnt leise zu pfeifen, etwas, das er als junger Junge nicht konnte, nun aber plötzlich schon. Vielleicht weil ihm ein paar Backenzähne fehlen und ein Eckzahn. Er grinst, dann ist das wenigstens irgendwo gut für. Es kann auch sein, dass ein langes Leben einem das gibt: die Geduld zum Pfeifen. Er ist entspannt und erzwingt es nicht,das wird wohl der Trick sein.
Es muntert ihn auf, genauso wie das Blümchen es getan hat. Er bläst ihm eine Kusshand zu und verspricht morgen wieder vorbeizukommen mit frischem Wasser, das hat es verdient. Ein Gefühl der Hoffnung steigt in ihm auf, und das ist ungewöhnlich. Er war nur kurz bei den Urinalen. Ein Moment, der rein praktisch veranlasst war und keine Bedeutung hatte, hat sich als bedeutsam erwiesen.
Sinne ist endlich wach, und Tonio kann es nicht lassen, missbilligend mit der Zunge zu schnalzen, während sie schlaftrunken auf dem Kübel sitzt.
„Lass mich in Ruhe, Tonio, so einfach ist das nicht: in zwei Welten leben", murmelt sie. Sie kleidet sich schnell an und verlässt ebenso schnell das Zelt.
Tonio ist schockiert über ihren Ton. So ist Sinne nicht. In letzter Zeit verträgt sie immer weniger. Hat das tatsächlich mit ihrem Doppelleben zu tun? Oder wird ihr die Verantwortung für ihn zu viel? Er will eigentlich nicht spekulieren, aber es bereitet ihm Sorgen.
Sie haben seitdem nicht mehr darüber gesprochen, über seinen Vorfall auf Omaria. Er weiß, dass sie an einer Lösung arbeitet und damit weitermachen wird, bis er wieder ein Junge von zehn ist. Komischerweise ist Tonio selbst bereits ruhiger geworden in seiner Situation. Wortwörtlich. Er hat mehr Ruhe in sich und scheint zufrieden. Eine seltsame Wahrnehmung, aber sie fühlt sich wahr an.
Er glaubt nicht daran, dass die Wahrheit in einer anderen Welt gefunden werden muss. Wenn er ehrlich ist, hat es ihm von Anfang an nicht gefallen, dass Sinne jede Nacht dorthin geht (muss). Es sieht verdächtig nach Sucht aus, und in seinen Augen ist es Fluchtverhalten, das Sich-nicht-Stellen der Realität. Er nimmt es ihr nicht übel, so ist es nicht. Außerdem kann er nur aus seiner eigenen Erfahrung schöpfen... und ja...
Dennoch fragt er sich allen Ernstes: Was verändert sich im Hier und Jetzt, in der Welt, in die man geboren ist, wenn man ständig in eine andere verschwindet? War das nicht seinerzeit bereits der große Irrtum? Das Versprechen einer besseren Welt, Omaria, auf Hilfe. Es hat lediglich dazu geführt, dass die Menschen sich nicht mehr anstrengten für diese. Er kann sich irren. Er ist auch nur ein unterentwickelter alter Mann, denkt er und grinst. Früher wäre er von diesem Gedanken traurig geworden, jetzt nicht. Das tut ihm gut, und sein Lächeln wird breiter.
Tonio nimmt an, dass Sinne nicht hier sein will, bei ihm, in der Armut. Er denkt, dass sie immer nur auf Omaria sein will. Ehrlich ist ehrlich, das ist auch schön. Sie ist nur nicht davon verblendet worden. Sie begreift durchaus, dass es kein Allheilmittel ist und sich im Lager selbst aktiv nichts verändert. Das ist dringend nötig!
Sie ergreift nicht die Flucht, ganz im Gegenteil. Sie ist sich außerdem bewusst, wie es Toran innerlich zerfrisst. Nur gibt es für ihn im Moment keine anderen Möglichkeiten. Er wird von einem sehr üblen Zauberspruch gefangen gehalten. Sinne hat eine Wahl. Sie weiß, dass sie aufpassen muss, dass Omaria an ihr zieht.
Die Tage dort werden immer länger, und es wirkt sich auf ihre Tage im Lager aus. Das hat Tonio sehr wohl bemerkt. Das kommt, denkt sie, weil sie, wenn sie dort ist, stark das Gefühl hat, nicht genug Zeit zu haben für das, was getan werden muss. Omaria passt diese Zeit dann an, oder man passt ihn selbst an, je nachdem wie man es betrachtet. Diese Zeit geht auf Kosten der Zeit hier. Das ist nicht beabsichtigt.
Sie fühlt sich beim Aufwachen nicht ausgeruht, als habe sie kaum geschlafen. Früher bei ihren Ausflügen durch Omaria hatte sie das nie. Aber das Leben in dieser imaginären Welt beginnt ernstere Formen anzunehmen, und damit wird es wohl zusammenhängen. Mehr Stress, mehr Sorgen, mehr Grübeleien und mehr Verbundenheit. Ja, denn das Leben auf Omaria ist nicht mehr nur ein Flirt mit der Fantasie und der Traumwelt. Es gibt lebende Wesen, die Sinne etwas bedeuten und zu denen sie eine Bindung hat.
Und jetzt hat sie einen Plan... Genau dieser Plan ist der Grund, weshalb sie heute Morgen mit dem falschen Fuß aufgestanden ist. Die Vorstellung davon ist übelkeitserregend und beängstigend. Sie kann nicht mit Tonio darüber reden und genauso wenig mit Toran. Beide würden nicht nur außer sich geraten, sie würden mit aller Macht versuchen, sie davon abzuhalten. Nein, es ist besser, dass sie nicht wissen, was für gefährliche Kapriolen sie anzustellen gedenkt.
Sie tut es nicht unbedingt für Toran, oder für sich selbst, weil ihr Toran etwas bedeutet. Sie tut es hauptsächlich für das Volk hier im Lager und in den anderen Lagern um sie herum. Denn so ist das kein Leben. Nun da sie als Einzige neben Toran weiß, was gespielt wird, fühlt sie sich verantwortlich. Sie schluckt. Die Unsicherheit kriecht ihr die Kehle hoch. Es ist ein großes Wagnis. Es kann leicht völlig schiefgehen.
Trotz dieser düsteren Gedanken steuert sie auf das große Zelt zu, das Zelt der Lagerleitung, mit Blei in den Schuhen und dem Schweiß auf der Stirn.
„Wie euch vielleicht aufgefallen ist, liebe Leser, haben beide Freunde, Tonio und Sinne, unabhängig voneinander Gedanken desselben Tenors. Das Leben hier und jetzt muss besser werden, denn nicht jeder kann (oder will) nach Omaria. Omaria existiert nur durch einen Zauberspruch und den Wunschtraum eines verzweifelten Mannes. Oder gibt es noch etwas, das wir übersehen...?"
Es wird laut gesprochen. Die Diskussion ist offenbar hitzig, weshalb keiner der Männer im großen Zelt bemerkt hat, dass eine junge Frau hereingekommen ist. Bis sich der Größte der Runde abrupt umdreht und beinahe über sie stolpert.
Er flucht herzhaft und fasst sich dann schnell, während er sie mit einer kräftigen Hand packt und zu den anderen Herren schleift. „Schaut mal, wer sich hier hereingeschlichen hat?", sagt der stämmige Kerl, und mit einem lüsternen Blick in den Augen mustert er ihren Körper von oben bis unten.
Es wird still im Zelt, vorübergehend. Offenbar hatte niemand damit gerechnet. Besuch wird hier stets angekündigt und tritt erst recht nicht einfach so ein. Der Mann, der am weitesten hinten steht, erhebt seine Stimme, woraufhin die anderen sich zu ihm umdrehen.
„Ich kenne dich!", und sein gehässiges Grinsen lässt einen Schauer durch Sinnes Körper fahren. Es ist Toran. Sie hatte nicht erwartet, dass auch er hier sein würde. Vielleicht auch besser so. Dann braucht sie den Rest dieser Widerlingen nicht erst zu umgarnen, um zu ihm zu gelangen. Schließlich geht es ihr um ihn.
Sie räuspert sich und stammelt: „Es geht mir um Arbeit, Herr, ich meine Eure Majestät."
Toran zieht die Augenbraue hoch und winkt sie zu sich. Während die anderen Männer die Geste nicht begreifen, lässt der Große sie dennoch los. Sie geht zu ihm mit gesenktem Kopf.
Er zieht sie näher heran, und seine harten Lippen berühren nun ihre Ohrmuschel, in die er flüstert: „Eure Majestät? Versuchst du mich zum Narren zu halten!", und das Letzte schreit er, während er noch immer dicht an ihrem Ohr steht. Sinnes Trommelfelle schmerzen, und zitternd bewegt sie sich so weit weg, wie sein Griff es erlaubt. Sie schaut noch immer auf ihre Füße, während sie den Kopf schüttelt.
„Nein, ehrlich nicht, Herr!", sie weint beinahe und belässt es dabei. Er ist offenbar nicht angetan von seinem Titel.
Als er sie loslässt, lässt sie sich auf die Knie fallen und fleht mit gefalteten Händen. „Vor kurzem ist mein Großonkel angekommen. Ich habe ihn ins Zelt genommen, aber wir haben kaum etwas zu essen und so gut wie kein sauberes Wasser. Ich weiß, dass es so viele in denselben Umständen gibt, aber ich kann hart arbeiten, Herr, und bin bereit, die schmutzigsten Aufgaben zu übernehmen im Tausch für etwas Nahrung und Wasser."
Ein anderer Mann schiebt sich jetzt nach vorne und donnert: „Ihr Großonkel hat Blaufleck, nicht wahr?"
Sinne erkennt nun den Kommandanten, den Kontrolleur, der Tonios Mutter totgeschlagen hat und in Sinnes Zelt aufgetaucht war, um Rechenschaft zu fordern. Sie schlägt wieder die Augen nieder, und sie spürt, dass der Kommandant näher kommt.
„Ich habe selbst die blauen Flecken an seinem Arm gesehen!", schreit er nun über ihr. „Außerdem versteckst du irgendwo einen zehnjährigen Jungen, der längst in die Anstalt hätte gebracht werden müssen", und diesmal wird das Gebrüll von Spuckspritzern begleitet.
Sinne duckt sich weiter zusammen und erwartet jeden Moment einen Tritt von diesem Dreckskerl. Dann hört sie Torans Stimme, die den Kommandanten anfährt.
„Seit wann hast du hier das Sagen?", und es ist deutlich, wie wütend er ist. Offenbar hat der Kommandant ihn übergangen, und das wird von diesem Toran nicht geschätzt. Diesem Toran, der Sinne mit seinen angsteinflößenden, stechenden, leeren Augen und seinem Ton, der keinen Widerspruch duldet, einen Schauer über den Rücken jagt.
Der Kommandant tritt nun einen Schritt zurück und beginnt leicht zu stottern. „Meine... meine Entschuldigung, Herr", und Sinne stellt sich eine gebeugte Haltung vor, kann es aber nicht sehen, weil sie sich nicht aufzurichten wagt. Sie starrt weiter auf den Boden und hofft, dass Toran nicht noch schlimmer gegen sie losfahren wird. Für ihn ist eine Entschuldigung offenbar nicht genug.
Sinne hört einen dumpfen Schlag und sieht neben sich den Kommandanten zu Boden gehen. Sie stöhnt innerlich und versucht sich noch kleiner zu machen.
„Steh auf!", befiehlt Torans Stimme.
Sinne zittert am ganzen Leib, schafft es aber mit schlotternden Knien tatsächlich aufzustehen. Der Kommandant neben ihr wird das nicht mehr tun. Sein Kopf ist zertrümmert! Nun da Sinne ihre Augen auf etwas anderes als den Boden richten kann, sieht sie auch, womit es geschehen sein muss. Von einer schweren Metallschale, die Toran noch immer in seiner rechten Hand hält, sickert Blut durch seine Finger auf den Fuß des Kommandanten, der vor ihm auf dem Boden liegt. Der Fuß, der sich nicht mehr bewegt. Der Kommandant, der sich nicht mehr bewegt.
Die Schale hat eine Delle, und Sinne möchte wetten, dass die vorher nicht drin war. Sie flucht innerlich auf sich selbst. Wie konnte sie so naiv und dumm sein, mit ihrem sogenannten Plänchen die Welt zu retten hierherzukommen?! Dieser Mann wird sie umbringen, so wie er schon viele umgebracht hat! Es ist das, wofür er bekannt ist, und trotzdem hat sie sich eingebildet, er würde Mitleid mit ihr haben. Dass etwas von dem Toran, den sie kennt, noch in diesem Mann steckt und es nicht übers Herz bringen kann, ihr etwas anzutun. Es ist ihr nun schmerzlich klar, dass es ein schlechter Witz ist, dieser Plan von ihr, und äußerst schlecht durchdacht. Sie könnte sich selbst etwas antun, erwartet aber, dass das in Kürze für sie erledigt wird.
„Sieh mich an!", die Stimme ist weniger laut, aber noch immer drohend. Sie hebt den Kopf und blickt direkt in die spektakulär grünen Augen dieses grausamen, leeren Mannes. Des Mannes, dem sein Reich verwehrt wurde, sein Leben genommen, und der nun mit abscheulichen Taten aufgebürdet ist, die eigentlich nicht die seinen sind.
Und in dem Moment, in dem sie sich dies bewusst wird, hat sie plötzlich keine Angst mehr. Toran sieht die Veränderung in ihren Augen, in ihrer Haltung. Sie weiß, dass ihr dies den Tod bringen kann, aber es gibt Schlimmeres. Man kann auch sein wie Toran, der Mann, der vor ihr steht. Man kann eine Marionette sein, die keine Verfügung hat über das eigene Tun und Lassen. Er, der sich in einer anderen Realität verstecken muss, nicht nur dank eines Zauberspruchs, sondern auch weil die Situation schlichtweg unerträglich ist.
Denn diese Erkenntnis trifft sie jetzt mit voller Wucht. Ein Mann wie Toran kann nicht leben mit all dem auf seinem Gewissen. Er múss darunter zusammenbrechen. Er múss leiden. Sinne empfindet plötzlich ein gewaltiges Mitgefühl für diesen brutalen Mann, der vor ihr steht. Nicht für die Taten, die er gezwungen wird zu verrichten, sondern für den Menschen, der irgendwo tief im Inneren noch immer gefangen sitzt.
Noch bevor sie begreift, was sie tut, steigt sie über den Kommandanten hinweg und nimmt Toran die blutende Schale ab. Sie legt sie ruhig auf den Tisch und schaut ihn an. Sie schaut ihm direkt in die Augen, mit all der Liebe, die sie in sich hat.
Der Mann tritt einen Schritt zurück, schüttelt dann wild den Kopf und brüllt laut: „Raus! Alle!! Sofort!!" Die Lagerwachen, die die ganze Zeit wie Statisten dabeigestanden haben, stolpern übereinander zum Ausgang des großen Zeltes.
Die Zeltplane bewegt sich noch eine Weile nach durch die Heftigkeit des Abgangs der erschrockenen Männer. Sinne ist zunächst stehen geblieben, aber ihre Tapferkeit und Liebe beginnt langsam wieder einem gesunden Stück Realitätssinn Platz zu machen. Sie weicht jetzt zurück, mit dem Plan, durch dieselbe Öffnung wie die Männer zu verschwinden.
Sie ist fast beim sich bewegenden Stück Plane, als Toran ihren Namen ruft: „Sinne! Warte! Du bist nicht umsonst gekommen, oder?" Es ist, als seufze er, aber sie ist nicht sicher. Es klingt etwas in seiner Stimme durch: Müdigkeit vielleicht, oder etwas, das sogar nach Erleichterung klingt.
„Es sind keine angenehmen Aufgaben, kleine Landstreicherin, aber es bringt Essen und Wasser ein. Wenn du sie nicht ordentlich machst oder nicht rechtzeitig zu deiner Arbeit erscheinst, dann stehe ich nicht für mich ein. Verstanden?", er übergibt ihr ein zerknülltes Stück Papier und sagt das Letzte mit solchem Nachdruck, dass Sinne nicht an der Bedeutung zweifelt.
Sie hat mit eigenen Augen sehen dürfen, was es bedeutet, wenn er nicht für sich einsteht. Sie fragt sich, woher er ihren Namen kennt. Es wird vom Kommandanten gewesen sein. Dem Kommandanten, der gewesen ist. Sie kann ihm keine Träne nachweinen, trotz des Blutbads. Er hat einen besseren Tod bekommen als Tonios Mutter. Und damit ist er noch gut weggekommen.
Sie nickt, dass sie verstanden hat. Die Liste wird ihr in die Hand gedrückt, und Toran dreht sich um, womit deutlich wird, dass Sinne das Zelt verlassen darf. Sie weiß nicht, wie schnell sie dort wegkommen soll, spricht sich aber streng zu, dass Mut jetzt das Einzige ist, was sie in der Hand hat. Also geht sie so ruhig, wie sie nur kann, zur Zeltöffnung und verschwindet aus dem Blickfeld.
Sobald sie draußen ist, lässt sie einen tiefen Seufzer aus ihrem Körper und rennt zu ihrem Zelt. Das Papier, das sie bekommen hat, zerdrückt sie unterdessen in ihren verschwitzten Händen. Sie wird erst hinschauen, wenn sie ruhig auf ihrem Bett sitzt.
Tonio sieht Sinne außer Atem ins Zelt kommen, und die Angst packt ihn. Sind sie dahintergekommen, dass er hier ist? Noch bevor er sich alles Mögliche in den Kopf setzt, hat Sinne die Situation erklärt.
„Ich habe um Arbeit gebeten, Tonio... und das war vielleicht das Nervenaufreibendste, was ich je getan habe!" Sie keucht noch immer, und ihre Worte kommen stoßweise heraus.
Tonio kann kaum glauben, was sie sagt. Ist sie zum großen Zelt gegangen? Er gerät beinahe in Panik bei dem Gedanken und beginnt sofort auf sie loszugehen.
„Was stimmt nicht mit dir, Sinne? Hast du vielleicht einen Todeswunsch? Kann es nie mal normal sein mit dir? Ich habe echt genug von deinen verdammten Abenteuern!" Er hat beinahe Schaum vor dem Mund, und seine Augen quellen hervor vor Wut und Angst.
Sinne versteht es. Er macht sich Sorgen um sie, um sie beide. Und zu Recht natürlich. Aber dies musste sein. Schlicht und ergreifend weil Toran, aber auch die Menschen in dieser Welt eine Chance verdienen. Eine Chance auf etwas Besseres. Ja, sie ist bisher gut davongekommen. Und ja, es hätte auch ganz anders ausgehen können. Dieses Bewusstsein hat sie durchaus. Dennoch wird sie es Tonio nicht auf die Nase binden.
Sie zuckt in vorgeblicher Nonchalance mit den Schultern und sagt dann ohne zu blinzeln: „Wo wolltest du sonst dein Essen herbekommen?"
Er schweigt und sinkt zurück in seinen Stuhl. Tonio hatte gar nicht bemerkt, dass er in der ganzen Aufregung aufgestanden war. Normalerweise geht das nicht unbemerkt. Ganz gut, hin und wieder mal wütend zu sein. Die Ironie entgeht ihm nicht.
Sinne schaut ihn an, und ihr Blick wird weicher. „Du hast recht. Absolut recht. Ich habe nur das Gefühl, dass wir feststecken und es keinen anderen Weg gibt... Es gibt übrigens auch noch eine gute Nachricht und... eine schlechte", murmelt sie hinterher.
„Gib mir zuerst die schlechte", stöhnt Tonio und rückt in seinem Stuhl zurecht, als mache er sich bereit.
„Toran sitzt in unserem Hauptzelt und führt offenbar hier nun das Kommando."
Sinne weiß nicht, ob er je von Toran dem Schrecklichen gehört hat, aber seinem Blick nach zu urteilen nicht. Er schaut sie mit nichtssagendem Blick an, bis... sich sein Gesichtsausdruck verändert. Eine Welle der Erkennung fließt über sein Gesicht.
„Unser Toran?" Er ist jetzt sichtlich verwirrt, als prallten zwei Daseinsebenen in seinem Kopf aufeinander.
Sinne hat einiges zu erklären.
„Meine Güte, Sinne", seufzt er, nachdem ihm klar ist, wer dieser Toran ist. „Das könnte sehr schlechte Nachrichten sein. Ich dachte, es gäbe keinen größeren Dreckskerl als den Kommandanten, aber offenbar geht das also doch."
„Und damit darf ich dich gleich mit der guten Nachricht überschütten", überrumpelt sie Tonio noch einmal, „der Kommandant ist tot!"
Es geht Tonio alles viel zu schnell. „Wie...?", stottert er halblaut.
Sinne hatte gehofft, es dabei belassen zu können, aber Tonio verdient die ganze Geschichte. Sie setzt sich auf ihr Bett, damit sie ihn besser anschauen kann, und leitet die Geschichte behutsam ein. Die blutigen Details erspart sie ihm.
Tonio wird blass bei dem Teil, wo Toran den Kommandanten in wenigen Sekunden in den Tod befördert. Er wird davon nicht besser schlafen, befürchtet sie.
„Naja", beendet sie etwas respektlos ihren Bericht, „und hier habe ich also den Arbeitsplan der Lageraufgaben, die ich in nächster Zeit erledigen darf. So schlecht kann Toran nicht sein, wenn ich das tun darf, oder?"
Tonio seufzt innerlich. Wen versucht sie zu überzeugen? Tonio kann eine Liste von Gründen aufzählen, warum Toran sie diese Arbeit tun lässt, und keiner dieser Gründe entspringt einem guten Herzen.
Er schweigt, aber in seinen alten Augen glimmt eine scharfe Einsicht, die Sinne lieber nicht sehen würde.
„Wollen wir's hoffen", murmelt er kaum hörbar.
Sinne gähnt übertrieben. Sie will nicht weiter darüber reden. Das ist Tonio klar, und auch, dass sie ihm Dinge verschweigt. Es steckt definitiv mehr dahinter. Es hat keinen Sinn, weiter darauf herumzureiten. Vorläufig wird er sich mit der tollkühnen Idee abfinden, auf diese Weise ihren Lebensunterhalt zusammenzukratzen.
9. ZWISCHEN ZWEI FEUERN
Toran wartet an ihrem Steg auf sie.
„Vorsicht!", sagt er bei der Planke, die deutlich morsch ist.
„Pass du mal auf, Toran, ich kenne meinen eigenen Anlegesteg gut genug!" und sie hüpft so an ihm vorbei.
„Wo ist Dali?", ruft sie von der Aszension aus, während sie sich umschaut. Im Handumdrehen hat sie die Aszension segelklar gemacht. Meine Güte, sie ist heute noch schneller als sonst, stellt Toran fest. Er springt an Bord.
„Dali ist zurück zum Nest geflogen. Wir sind diesmal zu zweit." Er zwinkert ihr zu.
„Na ja, warum denn?" Es kommt enttäuscht und ziemlich plump heraus, und sie ignoriert sein Zwinkern vollständig.
Er wird gereizt. Die Segel der Aszension flattern kurz, scharf, ein Echo seines aufkommenden Ärgers. „Wir wollten doch nach der Zeitmaschine suchen?" Er lässt sich auf den Poller an Backbord fallen und mustert sie von Kopf bis Fuß. „Oder hast du inzwischen einen anderen Plan?"
Sinne schüttelt den Kopf, wobei ihr Pferdeschwanz locker hinterherschwingt. „Bestimmt nicht! Aber ist es nicht gerade praktisch, Dali dabeizuhaben?" Sie schaut verwirrt.
Fühlt sie sich unwohl? Toran kann es nicht ganz einordnen.
„Was hat sie davon mitzufliegen, während wir versuchen, einen Plan auszuarbeiten? Und warum machst du so ein Theater deswegen!" Toran ärgert sich jetzt rundheraus. Er runzelt die Stirn und hat die Arme verschränkt. Die Luft um sie herum verdichtet sich, bekommt etwas Drückendes.
„Na, immer mit der Ruhe! Was bist du auf einmal aufgebracht!" und sie fängt an zu lachen.
Er schaut sie von der Seite an und kann nicht anders als mitzulachen. Sie weiß ihn gehörig auf die Palme zu bringen. Mit ihrem Lachen bricht die Spannung; die Luft öffnet sich wieder, der Druck fällt ab.
„Ähm, tja, schuldig. Meine Mutter hat so was auch mal zu mir gesagt... Ich hatte hier nur lange niemanden, um das mal schön auszuleben", und ein breites, verschmitztes Grinsen ziert sein hübsches Gesicht, „...bis jetzt also."
„Pffff, dann hast du dir schön die Falsche ausgesucht... Pech für dich, aber ich bin aufgewachsen mit zwei Brüdern und einem ziemlich rauen und anspruchsvollen Vater. Da musst du schon mit was Besserem kommen." Sie ballt die Fäuste, richtet den Rücken und nimmt eine ziemlich unfrauliche Pose ein.
Toran kann nicht erklären warum, aber es lässt sein Blut schneller fließen. Der Wind nimmt zu, streicht an seinen Wangen entlang, spielt mit ihren Haaren.
„Komm doch, wenn du dich traust!", sagt sie mit ernstem Ausdruck im Gesicht.
Er muss lachen und stellt sich vor sie mit erhobenen Fäusten. Das Holz des Decks knarrt leise unter ihren sich bewegenden Füßen, antizipiert die Herausforderung.
Sinne hat es schon immer von ihrer Schnelligkeit haben müssen. Ihr Vater hat ihr beigebracht, dass bei ihren Brüdern der Angriff die beste Verteidigung ist. Und so platziert sie ohne Vorwarnung einen kräftigen Schlag in seinen Bauch. Zack! Und ebenso unerwartet folgt ein Tritt gegen sein Schienbein hinterher.
Toran pfeift durch die Zähne. Er ist beeindruckt, aber wenn sie denkt, dass er aus dem Gleichgewicht gebracht ist? Noch bevor sie über den nächsten Schlag nachdenken kann, hat er sie an der Taille gepackt und über seine Schulter geworfen. So ein Leichtgewicht!
Sie ist offensichtlich nicht einverstanden und hämmert ziemlich unsanft mit den Fäusten auf seinen Rücken. „Lass mich los!", schreit sie. Die Wolken über ihnen ziehen sich zusammen bei ihrem Aufschrei, verdichten sich zu kompakten Formationen. Sie schreit so laut, dass Dali aus der Ferne angeschossen kommt, ihre Flügel eine Sturzflut in der Luft.
Sinne ist davon einen Moment still. Diesen Moment nutzt Toran.
„Dali, Achtung!", und in einer schnellen Bewegung wirft er die kleine zappelnde Dame über die Reling.
Sinne gibt keinen Schrei von sich, während sie durch die Luft fliegt. Mit einem Platscher landet sie im Wasser. Sie schwimmt so ruhig wie möglich zur Badeleiter am Heck, auch wenn der Dampf aus ihren Ohren ihre Gemütslage verrät, und sie schmiedet unterdessen Rachepläne. Toran hat die Leiter bereits für sie ins Wasser gelassen. Er spielt angeblich den feinen Herrn! Und als er ihr auch noch eine helfende Hand reicht, naja, dann bittet er darum! Während er sie heraushelfen will, macht sie eine schnelle Zugbewegung und hängt sich mit ihrem vollen Gewicht an seinen Arm. Eine halbe Sekunde später platscht auch er ins Wasser.
Toran liegt nun neben ihr und strampelt im von der Sonne gewärmten Wasser. Es gibt gewiss schlimmere Situationen, als zusammen mit einer schönen Frau im betörenden azurblauen Wasser Omarias zu treiben. Er muss schon wieder lachen.
Sinne tut gespielt böse, hält das aber nicht durch... Das Wasser lässt es nicht zu, bemerkt sie erstaunt. Von Wut keine Spur. Sie war eher zufrieden mit ihrer Racheaktion. Und das ist das Komische, denn genau díeses Gefühl nimmt an Stärke zu, quillt in ihr hoch. Dann verändert es allmählich seine Form und verwandelt sich in ein allgemeines Wohlbehagen.
Sie legt sich auf den Rücken, die Arme weit ausgestreckt, und schaut eine Weile treibend nach oben, zu den Wolken, die ruhig dort vorbeiziehen, vom Wind getrieben. Unter ihrem Rücken formt das Wasser ein weiches, stützendes Kissen. Die Wassertropfen auf ihrer Haut leuchten mit einer eigenartigen, beinahe ätherischen Klarheit. Dali ist neugierig, hasst aber Wasser, also kreist sie ängstlich ein Stück über ihnen in graziösen langen Bewegungen. Dadurch verschwindet hin und wieder die Sonne und macht dem Schattenriss der eindrucksvollen Dame über ihnen Platz.
‚Mein Himmel! Das ist Glück', denkt sie. ‚Das ist reines, lauteres, alles verzehrendes Glück.' Sie fragt sich zum zweiten Mal, ob das Wasser etwas damit zu tun hat. Es ist auch egal. Es ist vollkommen, seligmachend. Alles ist vollkommen. Selbst dieser unmögliche Mann dort im Wasser ist vollkommen. Sie bemerkt, dass auch er ein breites, glückliches Lächeln auf den Lippen hat, während er sie anschaut.
Wow! Dieses Wasser ist genial, und sie bricht in Gelächter aus. Bei jedem Lachen entstehen kleine Kräuselungen auf der Wasseroberfläche, die sich in alle Richtungen ausbreiten und eine leuchtende Spur hinterlassen. Toran bleibt nicht zurück, und zusammen lachen sie ausgiebig. Sinne stellt dabei fest, dass Schwimmen und Lachen eine schlechte Kombination ist. Prustend schwimmt sie zur Leiter, um sich aus dem Wasser zu hieven.
Ihre Fröhlichkeit wird etwas verhaltener, sobald sie aus dem Wasser ist, aber die Dankbarkeit, die sie empfindet, und die Glückseligkeit bleiben in ihrem Körper und Kopf gegenwärtig. Das Wasser rinnt von ihr ab und bildet auf dem Deck ein sanftes, melodisches Muster. Toran kommt nun ebenfalls heraus und grinst noch immer. Was für eine besondere Erfahrung!
Sinne begreift, dass dies wieder so ein Omaria-Mysterium sein muss. In dieser Welt scheint alles darauf zu reagieren, was man innerlich fühlt. Das Wasser nimmt vielleicht auf, was man bereits in sich trägt, und flüstert es zurück, lauter als zuvor. Eine stille Unterströmung, die plötzlich hörbar wird. Sie muss schon wieder lachen. Rings um sie färbt sich das Wasser tiefer blau, dringt der Farbton in die Luft darüber, vermengt sich mit der Atmosphäre. So blau wie die Luft ist, so ist es auch in ihrem Kopf. Kein einziger Gedanke bleibt lang genug haften, um ihm Bedeutung zu geben. Kein einziger Gedanke bleibt lang genug haften, um ihm Bedeutung zu geben.
Sie starrt Toran mit offenem Mund an. „Wie wunderbar ist das! Richtig entspannend. Ich wünschte, ich könnte mich immer so fühlen!", bringt sie begeistert hervor.
Toran nickt bestätigend, und ein verschmitztes Grinsen erscheint auf seinem Gesicht. Die Sonnenstrahlen konzentrieren sich einen Moment auf die Wassertropfen in seinem Haar, wodurch glitzernde Reflexionen entstehen. Er zieht sein nasses Hemd aus, kommt zu ihr und schlägt ohne Vorwarnung seine Arme um sie. Überrascht wie sie ist, bricht sie wieder in Gelächter aus und versteht plötzlich sein Grinsen: er wusste davon! Er wusste, was das Wasser auslösen könnte. Völlig unerwartet kriecht eine überwältigende Empfindung ihre Wirbelsäule hinauf. Reine Ekstase nistet sich unter ihrer Haut ein und kribbelt an ihren Fingerspitzen. Das Kribbeln sitzt auch in ihrem Bauch, in ihrem Kopf, in ihrem Herzen.
Sie weiß einen Moment nicht, was sie damit anfangen soll, bis sie mit ihren Fingerspitzen Torans Brust berührt und sofort eine Reaktion bekommt. Eine seltsame Art Entladung im Moment, da ihre Haut sich berührt. Sobald sie loslässt, baut sich die Spannung wieder auf.
„Toran! Spürst du das!", und sie stößt einen Freudenschrei aus. Die Planken des Decks vibrieren sanft bei ihrem Ausruf. Ihre Hand berührt nun seinen Arm, und kleine Ausbrüche von Glück explodieren in ihrem Herzen, ihrem Bauch, ihrem Kopf. Jetzt macht sie eine lange, streichende Bewegung von seiner Schulter nach unten. Das Kribbeln folgt der Bewegung und wird zu einer ausgedehnteren Empfindung, fester, tiefer verankert in ihrem Inneren. Es raubt Sinne den Atem.
Toran geht es nicht besser. Er dreht sie um ihre Achse und setzt sie auf die Bank in der Dachkajüte. Ein Hauch von frischem Holz und Gewürzen füllt plötzlich den kleinen Raum, schärft ihre Sinne. „Setz dich mal hin... Wenn du fühlst, was ich fühle, dann kannst du kaum auf den Beinen stehen!"
Sinne atmet nun ruhig aus und schaut ihn an. „Du spürst das also auch?"
„Ja", und er schmunzelt. „Für mich ist das auf diese Art auch neu. Ich bin schon mal nach dem Schwimmen auf Dali herumgeflogen, und das war bereits ziemlich intensiv. Das hier ist...", Toran verstummt, während er in ihre tiefblauen Augen schaut. Die Temperatur in der Kajüte steigt merklich, macht die Luft zwischen ihnen beinahe greifbar.
Er ergreift ihre Hand, und sofort beginnen die kleinen Ausbrüche wieder. Die Luft in der Kajüte bekommt einen goldenen Schimmer, der im Rhythmus ihres gemeinsamen Herzschlags pulsiert. Sinne stöhnt nun leise. Sie kann das Geräusch nicht mehr zurückhalten. Das ist alles ziemlich überwältigend! Er reagiert darauf, indem er ihr Gesicht in seine Hände nimmt. Das warme Gefühl breitet sich aus, und die Berührung zieht durch ihren ganzen Körper und umfasst sie. Ihre Lippen öffnen sich leicht, und eine Art Trance legt sich über sie.
Toran kann das Gefühl in seiner Brust und seinem Bauch kaum ertragen. Das Verlangen ist so intensiv, dass es schmerzt. Die Begierde zerrt an ihm, wird immer unersättlicher.
‚Scheiße. Das geht nicht!'
Dieser Gedanke kommt wie ein Blitz bei ihm an. Er reagiert darauf, indem er sie abrupt loslässt und Abstand nimmt. Sinne erschrickt. Der goldene Schimmer verblasst, zieht sich zurück in die Ecken der Kajüte. „Sinne, ich kann das nicht... es ist zu...", er beendet seinen Satz nicht und schaut ratlos auf die Frau, die nun verloren vor ihm sitzt. Dies ist vielleicht eines der schwierigsten Dinge, die er je getan hat, und in seinem Fall will das etwas heißen.
Sinnes erste Reaktion ist Unglaube. Die Leidenschaft ist sichtbar in seinen Augen, und sie hat ein Gefühl wie dieses noch nie zuvor gehabt... es ist bezaubernd... warum also...? Die Planken unter ihren Füßen kühlen ab, ein plötzlicher Temperatursturz, der ihre Verwirrung widerspiegelt.
Toran wartet ihre Reaktion nicht ab, steht auf und verlässt mit schnellem Schritt die Kajüte. Dali hat es kommen sehen. Er schwingt sich auf ihren Rücken, und ohne Umschweife steigen sie auf und verschwinden aus dem Blickfeld. Der Wind kommt plötzlich auf, kreist in scharfen Böen um das Schiff. Die Wolken oben teilen sich, um das fliegende Gespann durchzulassen, und schließen sich danach wieder. Nicht viel später ist ihre Anwesenheit in der Luft nicht mehr spürbar.
Die Erinnerung bleibt zurück auf Sinnes Haut. Überall, wo seine Berührung war, spürt sie diese noch. Die Stellen glühen sanft, und das wird im Laufe des Tages langsam verblassen, wie Morgennebel, der träge in der Wärme der Sonne aufgeht.
Sinne ist nicht imstande, auch nur irgendetwas zustande zu bringen. Die Wirkung des Wassers klingt lange nach. Sie wischt alle Vorsätze vom Tisch und beschließt, einen Tag auf dem Vordeck zu faulenzen. Das Holz des Decks formt sich subtil nach ihrem Körper. Sie genießt das Glitzern auf dem Wasser und das plätschernde Geräusch, das sie immer wieder auf Reisen in ihrem Kopf mitnimmt.
Sie kommt nicht umhin, immer wieder bei dem intensiven Zusammensein mit Toran nach dem Schwimmen zu landen. Kleine Wellen plätschern gegen das Schiff und wiederholen den Rhythmus ihrer Gedanken. Sie denkt darüber nach, was gerade geschehen ist, wie das Wasser auf Omaria offenbar die Emotionen verstärkt; dieses wunderliche, beinahe magische Wasser, das Gefühle intensiviert und vertieft.
Sie fragt sich, warum das Wasser bei Tonios Rettung nicht denselben Effekt hatte. Oder hatte es das? Sie erinnert sich an seine tiefe Trauer auf dem Vordeck, die Art, wie er seine Emotionen auszuschütten schien, nachdem Toran ihn aus der Rakete gerettet hatte. Vielleicht hatte das Wasser mehr gewirkt, als ihr damals bewusst war.
Sie muss trotz dieses traurigen Szenarios in Erinnerung kurz lächeln. Es kommt ihr ein Gedanke, der genau in ein Bläschen passt und leuchtend aufleuchtet. Vielleicht kann Toran auch einmal bei ihr zu Besuch kommen in ihrer Traum- und Gedankenwelt? Denn dieses Gedankenbläschen ist besonders, und seine Bedeutung wagt sie kaum sich selbst einzugestehen.
Sie grinst selig und lacht dann über sich selbst. Als ob es in diesem Moment möglich wäre, diesem Gefühl zu entkommen. Álles macht sie jetzt glücklich. Sie wird erst diesen Zustand hinter sich lassen müssen, bevor sie ein klares Bild von der Situation bekommt. Sie lässt sich wieder in die Kissen sinken und entspannt.
Nicht einmal Torans plötzlicher Abgang kann das Lächeln auf ihrem Gesicht verblassen lassen. Die Luft über ihr zeigt sanfte, sich stets verändernde Muster, ein Kaleidoskop aus Blautönen, das ihre Gemütsruhe widerspiegelt. Und so faulenzt sie den Rest des Tages, bis sie in einen zufriedenen Schlaf sinkt.
***
Beim Aufwachen spürt sie ein unbehagliches Gewicht. Das Gewicht der Welt, denkt sie. Es ist schwer. Sie setzt sich schnell darüber hinweg, denn heute ist der erste Tag ihres neuen Arbeitslebens. Sie schleppt sich hoch und schaut auf die kleine Uhr am Bett. Himmel! Es ist schon spät, sie muss sich beeilen.
Tonio schaut sie vom Stuhl aus an und sagt leise: „Guten Morgen, Sinne." Er richtet sich auf und schaut sie an mit einem ernsten Blick in den Augen. „Du bist jeden Morgen später und nachts sehr unruhig. Geht es dir gut dort auf Omaria?"
Sinne fühlt sich ertappt. Sie ist verkatert und kann es nicht ertragen, dass Tonio sie so sieht. Am liebsten würde sie ihn anfahren. Sie kann sich beherrschen. Zum Glück kann sie sich beherrschen. Das hat er nicht verdient. Seine Sorgen sind berechtigt.
Was ihr vergangene Nacht auf Omaria widerfahren ist, war himmlisch, ein unglaublicher Rausch. Es war auch eine verpasste Gelegenheit, ein Tag, der wieder nicht im Dienste der Suche nach der Zeitmaschine gestanden hat. Der Egoismus tropft von ihr ab. Es ist logisch, dass Tonio frustriert ist, weil er selbst nichts tun kann. Es würde sie nicht wundern, wenn er das Gefühl hätte, zu kurz zu kommen. Diese Gefühle kennt sie nur allzu gut.
Sie hat einen ganzen Tag auf Omaria herumgelegen. Was reitet sie nur? Sie hat sich in Ekstase verloren, sich der Liebe hingegeben... Liebe? Denkt sie das wírklich...? Sie stöhnt noch einmal.
Schnell setzt sie sich auf, greift nach ihren Kleidern, nimmt den Fetzen von einem Dienstplan dazu und liest ihn noch einmal durch. Sie muss beim Sanitärbereich in Sektion 1 anfangen. Das ist ihre eigene Sektion. Erst muss sie sich im Hauptzelt melden. Sie spürt, wie ihr Herz schneller schlägt bei dem Gedanken. Keine Zeit dafür...
Sie gibt Tonio eine Umarmung, beruhigt ihn und eilt hinaus.
Ja, ja, es kommt alles in Ordnung, sagt sie... als ob Tonio darauf vertrauen würde. Er sieht doch mit eigenen Augen, was jede Nacht mit ihr geschieht! Er lässt es vorerst auf sich beruhen. So schnell wie möglich will er nachschauen, ob es noch da steht. Das schöne, fragile Blümchen, das so stolz seinen Kopf über die Erde gestreckt hat. Er hat ein Fläschchen Wasser eingesteckt und freut sich auf ihr Wiedersehen.
Heute Morgen, als Sinne noch schlief, hatte er die Farbstifte genommen und eine kleine Skizze gemacht. Die Sonne schien durch das Plastikloch im Zelt genau auf die Stelle, wo er saß und zeichnete. Er hatte sich ganz darin verloren, wie er es früher auch immer gekonnt hatte. Es waren bedeutungslose Striche und Flecken, aber er gab sich Zeit. Die Bedeutung würde von selbst entstehen.
Er weigert sich, an seine Zeichnung der Rakete zu denken. Es war eine gute Zeichnung gewesen, das schon. Es hatte seine Fantasie angeregt. Es hatte eine Öffnung gegeben in das Wunderland seiner Träume und Gedanken. Auch wenn seine Reise nach Omaria ein Fiasko war, hat sie ihm doch etwas gebracht. Sie, das schöne Blümchen, hat ihm auch etwas gebracht. Die Summe davon hat zu einer bestimmten Einsicht geführt.
Man kann durchaus gefangen sein in seinen Gedanken, vor allem wenn diese nur aus Sorgen bestehen. Er will seine Fantasie wieder anregen. Und er hat sich vorgenommen, auch andere Menschen damit anzustecken. Er will ihnen etwas anderes geben, auf dem sie kauen können, als das tägliche harte Dasein.
Tonio betrachtet die kleine Zeichnung noch einmal, die er in den Händen hält. Ja, heute Nachmittag geht es weiter. Er hat ein Ziel. Wer weiß, kann er doch einen Unterschied machen.
Langsam schlurfend biegt Tonio um die Ecke und bekommt die Urinale in Sicht. Sein Tempo ist ruhig. Warum sollte er es eilig haben? Er kann hier den ganzen Tag für brauchen, wenn es sein muss. Er lehnt sich kurz an ein kleines Gitter, und sobald er wieder zu Atem gekommen ist, setzt er seinen Weg fort.
In der Ferne sieht er einen blonden Pferdeschwanz hin und her schwingen. Offenbar stand ihre Sektion als Sinnes erste Aufgabe auf dem Plan. Er seufzt. Es ist überhaupt nicht schön, sie schuften zu sehen. Er will ihr helfen, aber um Himmels willen wie? Wenn er erst einmal auf den Knien sitzt, kommt er nie mehr hoch. Er würde keine Luft mehr bekommen bei der ganzen schweren Arbeit, und es würde ihn den Rest des Tages kosten, sich davon zu erholen.
Trotzdem will er gerne dem Blümchen Wasser geben. Er will ihre Überlebenschancen vergrößern. Von ihrer Umgebung hat sie nichts zu erwarten. Sie kann jede Hilfe gebrauchen, und er hat auf sie gesetzt.
Er beschließt zu tun, wofür er gekommen ist, und setzt den rechten Fuß wieder vor den linken. Stetig kommt er näher, bis er eine barsche Stimme rufen hört. Tonio ist zu nahe, um umzukehren! Mitten auf dem Weg kann er auch nicht stehen bleiben. So schnell es geht, versteckt er sich hinter dem erstbesten Zelt, das links von ihm am Weg steht. Er schaut um die Ecke und verbeißt sich... wenn etwas passiert, kann er NICHTS tun! Die Frustration ist groß.
„Ah, immer noch hier, kleine Landstreicherin!", Toran schaut von oben herab auf die hart arbeitende Frau zu seinen Füßen. Sinne schluckt hörbar und dreht dann den Kopf. „Ich bin gleich fertig für die Toiletten in Sektion 2." Ohne ein weiteres Wort schrubbt sie gründlich mit ihrer Bürste über die Plane auf dem Boden.
Toran schnaubt genüsslich. „Das sind unbedeutende Details für mich." Er stellt sich direkt neben sie und öffnet seinen Hosenschlitz. Der gewaltige Strahl prallt hart gegen das Becken, und es ist deutlich, dass es nicht seine Absicht ist, unbedingt ins Becken zu pinkeln. Ein kleines Machtspielchen, das die Luft vor Demütigung erzittern lässt. Sinne bleibt still sitzen mit dem Kopf so weit wie möglich nach unten und der Bürste reglos in der Hand. Tränen stechen in ihren Augen, aber sie wird sie nicht fallen lassen. Nicht hier. Nicht jetzt.
Toran grunzt etwas Unverständliches, schiebt das Ding zurück in seine Hose, schließt den Hosenschlitz und dreht sich um. „Mach vor allem weiter mit der guten Arbeit!" und mit diesen Worten verschwindet er schnell aus dem Blickfeld.
Tonios Blick folgt Sinne, während sie sich fängt, eine Rolle Papier nimmt, alles trocken abwischt. Sie geht sparsam mit Wasser um, denn jeder Tropfen ist kostbar hier. Ihre Bewegungen sind beherrscht, aber Tonio sieht das Zittern in ihren Händen.
Er weiß nicht, worüber er erschütterter ist. Toran mitten zwischen den Baracken zu sehen mit Schmutz auf der Kleidung und einem schäbigen roten Zöpfchen im Nacken. Oder mitzuerleben, was er seiner lieben Freundin direkt vor seiner Nase antut! Der Toran, den er auf Omaria kennengelernt hat, war nicht nur ein schöner Mann, gepflegt, zivilisiert, sondern auch freundlich und hilfsbereit. Und dieses Monster... dieses Monster ist... Er schüttelt traurig den Kopf.
Dass Sinne es hat geschehen lassen! Am liebsten wäre er wie ein tollkühner Stier auf die Szenerie losgegangen und hätte diesem Mistkerl einen Tritt in den Schritt versetzt. Es hätte keinem von ihnen etwas gebracht, wenn er das getan hätte. Jetzt steht er sich hier die Zähne zusammenbeißend und weiß, dass er es aussitzen muss. Er will nicht verraten, dass er dabei gewesen ist. Weggehen geht auch nicht, denn sie würde ihn im Handumdrehen bemerken; er bewegt sich nun einmal nicht mehr wie früher.
Tonio atmet noch einmal tief ein und aus und versucht seine Wut herunterzuschlucken. Was für eine gemeine Schweinerei und was für eine Demütigung. Der Kloß in seinem Hals bleibt noch lange hängen.
***
10. VERBORGENE VERBINDUNGEN
Sinne sieht die Aszension an der Längsseite des Stegs liegen, und sofort hebt sich ihre Stimmung. Sie will heute den Plan ausarbeiten, am liebsten allein. Die Planken des Stegs festigen sich unter ihren Füßen, begrüßen ihre Rückkehr. Toran lenkt sie nur ab. Außerdem braucht sie sein Gesicht gerade nicht zu sehen nach allem, was im Lager geschehen ist.
Es ist nicht fair, das weiß sie. Es wird immer schwieriger, diese beiden Torans getrennt voneinander zu sehen. In Gedanken erschien es ihr machbar, den vernachlässigten Toran zum Leben zu erwecken. Sie dachte, durch Interesse und den Versuch, eine Verbindung mit ihm einzugehen, würde er auftauen oder aufwachen.
Die Luft über ihr verdunkelt sich subtil, spiegelt ihren inneren Konflikt wider. Was gestern passiert ist, hat diesen guten Mut in einem Augenblick vom Tisch gefegt. Er wird sie nicht heranlassen. Er ist vollkommen verschlossen, das ist ihr jetzt schmerzlich klar. Und welchen Anteil die Zaubersprüche daran haben, oder die Tatsache, dass Toran sich versteckt und der Realität nicht stellen will... Im Moment tappt sie im Dunkeln.
Und auch das ist nicht fair. Es ist ihm gegenüber nicht gerecht, darüber ein Urteil zu haben. Sie hat nicht die leiseste Ahnung, wie sie selbst in seiner Situation handeln würde. Obendrein hat sie auch keine Vorstellung davon, wie stark die Ketten von Maras Zauberei sind. Wassertropfen steigen von der Oberfläche auf, schweben einen Moment in der Luft, fangen das Sonnenlicht in winzigen Prismen, bevor sie zurückfallen.
Sie ist noch lange nicht bereit aufzugeben, absolut nicht. Aber solange sie hier auf Omaria verweilt, scheint es ihr klüger, etwas mehr Abstand zu halten von diesem Mann. Der Fokus liegt jetzt auf dem Finden der Zeitmaschine, denkt sie entschlossen. Die geheimnisvollen Kräfte Omarias werden sie hoffentlich zu den Antworten führen, die sie sucht. Das Holz des Stegs knarrt zustimmend unter ihren Schritten, während sie weitergeht.
Toran sitzt offensichtlich auf einem anderen Gedankengleis. Er wartet in ihrer kleinen Kajüte auf sie und hat sogar Tee gemacht! Das Holz der Kajütenwände glüht warm, reagiert subtil auf seine Anwesenheit. An diesem Mann gibt es kein Entkommen! Zum Glück entdeckt sie jedes Mal aufs Neue, dass er in nichts seinem Doppelgänger im Lager gleicht, nicht einmal in Haltung und Statur. Doch alles sehr eigenartig, grübelt sie. Sie wünschte, es gäbe einen klareren Weg. Sie muss auf ihr Bauchgefühl hören, aber ist das verlässlich?
Toran zieht eine Augenbraue hoch. „Auch guten Morgen", sagt er, und lässt die Augenbraue sofort wieder sinken, als er ihren Gesichtsausdruck sieht. Die Teekanne auf dem Tisch reflektiert seine Besorgnis mit einem leisen Zittern. „Geht es dir gut?"
Sie hat nicht vor, ihm von dem Vorfall mit dem anderen Toran zu erzählen. Leider eilt der Gedanke ihr voraus, und er fischt ihn einfach so aus der Luft.
Toran weicht zurück und schaut sie an, als hätte er sie soeben höchstpersönlich geschlagen. Abscheu und Schuld zeichnen sein Gesicht. Das Licht in der Kajüte dimmt kurz, ein stiller Atemzug, der sich mit seiner Empfindung mitbewegt. Sinne hat Mitleid mit ihm. Wie ist es in Gottes Namen möglich, dass eine Person zwei so verschiedene Gestalten annehmen kann? Sie muss sich besser abschirmen gegen seine Neigung, einfach in ihre Gedanken einzubrechen.
Ganz unvermittelt wird es ihr klar. Es ist Klarheit in ihrem Gedanken, und sie hat ein warmes Gefühl im Bauch. Das ist auch so bemerkenswert hier auf Omaria. Die Wahrheit wird unmittelbar spürbar im Körper und leuchtet auf im Geist. Es ist, als tippe ein Löffelchen gegen ein Kristallglas. Glasklar. Das Wasser unter dem Schiff kräuselt sich leise. Die Oberfläche bewegt sich mit ihrer wachsenden Erkenntnis, formt kleine Kreise, die sich ausbreiten, so wie ihr Verständnis sich vertieft.
Sie nennt es der Einfachheit halber ‚das Dualitätsprinzip' und findet es einen ziemlich seriösen, beinahe wissenschaftlichen Begriff. Aus welchem Hut sie dieses Wort gezaubert hat? Dennoch fühlt sich das Prinzip richtig an, wie ein Echo einer alten Wahrheit: wo Licht ist, muss Schatten sein. Wo Stärke ist, besteht Schwäche. Die Planken unter ihren Füßen resonieren mit diesem Gedanken, ein kaum merkliches Beben, das ihre Überzeugung bestätigt.
Wo eine Person in zwei geteilt wird, entstehen Gegenpole. Nicht einfach zwei getrennte Wesen, sondern komplementäre Hälften; jede Eigenschaft in der einen Hälfte spiegelt sich als Gegenteil in der anderen. Was die eine Hälfte gewinnt, verliert die andere vielleicht. Die Luft draußen verdichtet sich, eine stille Zeugin ihrer Entdeckung. Das empfindliche Gleichgewicht zwischen den zwei halben Torans verschiebt sich mit jedem Gedanken, jeder Handlung. Der Kreis von Ursache und Wirkung dreht sich weiter, unsichtbar, aber unerbittlich.
Sie tritt einen Schritt auf Toran zu und schüttelt den Kopf. „Das war nicht für deine Ohren bestimmt. Du solltest etwas diskreter umgehen mit dem Nehmen meiner Antworten, Toran!" Es kommt wütender heraus als beabsichtigt. Unter der Aszension zieht sich das Wasser zurück wie ein Tier, das kurz innehält, um danach weicher und ruhiger gegen den Rumpf zu klatschen.
Etwas ruhiger fährt sie fort: „Du bist nicht ér. Und ja, das ist seltsam, denn du bist ihm offensichtlich doch... aber..." Sinne stockt kurz, suchend nach den richtigen Worten. „Es gibt einen Unterschied zwischen euch. Hier hast du Verfügung, dort offensichtlich nicht."
Eine sanfte Brise streicht an ihren Wangen entlang, wie ein Flüstern von Verständnis zwischen ihnen. Der Dampf des Tees in ihren Tassen kräuselt sich nach oben in Mustern, die sich kurz verändern mit der Verschiebung in der Luft.
Toran schlägt die Augen nieder, überwältigt von Schuldgefühl. Er kann keine Verantwortung übernehmen für seine Taten im Lager, aber das erleichtert sein Gewissen nicht. Der Gedanke an das, was seine andere Hälfte angerichtet hat, raubt ihm den Atem. Wie konnte er, selbst in getrennter Form, zu so etwas fähig sein? Ein Gefühl der Machtlosigkeit überfällt ihn, so allumfassend, dass es ihn zu lähmen droht. Der Schatten in der Kajüte vertieft sich fast unmerklich, die Ecken werden dunkler, während das Licht um seine Gestalt schwächer wird.
Sinne sieht den Schmerz in seinen Augen und spürt einen Stich des Mitgefühls. „Ich glaube ein klein wenig zu verstehen, wie du dich fühlst", sagt sie leise. Die Luft zwischen ihnen atmet kurz, wird leichter. Eine subtile Veränderung in der Atmosphäre begleitet ihre Worte. „Mir begann gerade etwas zu dämmern, das uns vielleicht weiterhelfen kann, aber dafür brauche ich etwas von dir: Offenheit. Ich muss dir ein paar schwierige Fragen stellen, sehr persönliche Fragen. Wenn du antworten kannst, dann habe ich eine Chance, um..."
Ihre Stimme stirbt weg, die Worte bleiben hängen in der geladenen Stille zwischen ihnen. Das Schiff schaukelt. Sie beißt sich auf die Lippe, schmerzlich bewusst der Unfairness ihres Anliegens. Wie kann sie von ihm verlangen, sich zu öffnen, während sie selbst nicht bereit ist, dasselbe zu tun? Das Bewusstsein, dass sie etwas von ihm verlangt, was sie nicht erwidern kann, zeichnet sich auf ihrem Gesicht ab als eine Mischung aus Scham und Entschlossenheit. Die kleine Flamme der Öllampe in der Kajüte flackert kurz.
Toran schaut sie an, sein Blick zugleich verletzlich und durchdringend. Er weiß, dass sie etwas vor ihm verbirgt, aber er drängt nicht. Stattdessen holt er tief Luft und nickt langsam. „Frag schon", sagt er heiser. „Ich werde versuchen, so ehrlich wie möglich zu sein."
Seine Bereitwilligkeit gibt Sinne den zusätzlichen Anstoß, den sie braucht. Sie will ihn ins Vertrauen ziehen und erzählt ihm in Kürze ihre Geschichte. Wie sie die Lagerdienste auf sich genommen hat in dem Versuch, die Zuneigung des anderen Toran zu gewinnen — in der Hoffnung, dass er, wenn er wieder etwas fühlen kann, auch andere Teile seiner selbst ansprechen kann. Vielleicht kann er dann langsam, Stück für Stück, sich selbst wieder zusammensetzen.
„Die Idee basiert auf einer Hypothese, die ich entwickelt habe", erklärt sie, ihre Augen aufblitzend.
‚...auf heißer Luft also', denkt Toran sarkastisch. Sinne hat das hauchdünne Bisschen Hoffnung ergriffen und ist voll darauf losgegangen! Toran ist völlig überrumpelt davon. Was diese Frau hier alles in ihm auslöst?! Außer wilder Frustration, Wut und totaler Hilflosigkeit... Nun, dabei will er es vorerst belassen.
Die Segel knarren leise im Wind, ein angespannter Rhythmus, der seine Unruhe widerspiegelt.
Was bildet sie sich ein? Ist sie nicht ganz bei Verstand? Er schiebt seinen Stuhl nach vorne und streckt fast den Finger unter ihre Nase, um so etwas wie ‚Junge Dame, was hast du dir dabei gedacht' oder etwas in der Art zu sagen. Darauf würde sie wahrscheinlich nicht besonders gut reagieren.
Sieht sie nicht, wie klein und zerbrechlich sie ist und wie gefährlich dieses ganze Unternehmen? Es betrifft zwar ihn selbst, aber dann auch wieder überhaupt nicht. Dieser andere, der er auch ist, ist alles andere als sympathisch, und dabei drückt er sich noch mild aus. Dieser Toran ist — und es ist bemerkenswert, nicht seine eigene, sondern íhre Erinnerung zurate zu ziehen — eine leere Hülle. Er ist nicht einmal gefühllos zu nennen, denn dafür müsste man doch írgendwo noch etwas fühlen?
Das Wasser unter ihnen liegt nun still, wie ein Spiegel, der auf die nächste Kräuselung wartet. Die Luft rund um die Aszension hält den Atem an.
„Du bist nicht einverstanden. Es strahlt dir aus allen Poren. Aber sag mir mal, Toran: Was sind unsere Chancen, wenn wir nichts tun? Was ist dein Plan dann?"
Sinne ist schrecklich aufgebracht. Sie fühlt sich nicht ernst genommen. Eine leichte Brise zieht auf, kaum merklich, aber gerade genug, um ihre losen Haare zu bewegen. „Ich glaube, dass ich etwas auf der Spur bin, und es wäre schön, wenn du dein männliches Ego kurz beiseiteschieben und mir zuhören könntest. Wer weiß, können wir dich retten, und glaub mir, in diesem Moment finde ich das nicht einmal so wichtig!", ruft Sinne spöttisch aus.
„Was viel größer ist als du und ich zusammen, ist, wie wir als Kollektiv weitermachen sollen, und das kann doch sicher nicht auf diese Weise sein? Du, Toran, hast eine Aufgabe zu erfüllen als König und Anführer deines Volkes. Als Anführer bist du imstande, gerecht zu handeln. Es ist wichtig, dass jemand ans Steuer kommt, der sich für die Menschen interessiert. Wir brauchen jemanden, der wírklich sehen, zuhören will, der sich einfühlen, mitfühlen will. Jemanden, der aus dem Herzen handelt und genug Macht hat, die jetzt herrschende Ordnung außer Kraft zu setzen. Und dieser Jemand kannst dú sein, Toran! Mehr noch, dieser Jemand músst du sein!" Während ihre Worte die Kajüte füllen, reflektiert das Licht anders gegen die Wände. Sinne betrachtet es als Omarias stille Bestätigung der Wahrheit in ihrer Rede.
Toran steht auf und beginnt durch die Kajüte zu laufen. Das Holz knarrt leise unter seinen Schritten. Die Öllampe in der Mitte des Tisches flackert, Schatten und Licht tanzen über sein gespanntes Gesicht. Sie sieht ihm an, dass er dies nicht erwartet hat und dass es ihm schwerfällt. Er hat Angst. Er hat sich in sein Schicksal gefügt. Es sieht so aus, als sei es ihm nicht eingefallen, dagegen zu kämpfen!
Sinne erschrickt. Dann fällt es ihr ein. Genau dies könnte eines der Dualitätsprinzipien sein. Toran ist nämlich nicht heilig, nicht vollkommen und komplett hier auf Omaria. Sonst hätte dieses Gespräch völlig anders ausgesehen. Er findet bestimmte Aspekte im Leben herausfordernd, genau wie jeder andere.
Und zum Glück, denkt Sinne, denn damit kann ich etwas anfangen. Die Planken unter ihren Füßen werden wärmer und reagieren subtil auf ihre wachsende Einsicht. Wenn ihre Hypothese ‚das Dualitätsprinzip' tatsächlich in Wirkung ist, dann bedeutet das, dass der Toran im Lager auch eine positive Seite hat. Das Gegenteil, denkt Sinne. Feigheit hier (um das Kind beim Namen zu nennen) ist Tapferkeit dort? Und was noch? Denn wenn sie das weiß, kann sie versuchen, die empfindlichen Saiten anzuschlagen, statt immer wieder ins Blaue zu schießen.
Das Wasser unter ihnen plätschert ruhig, ein sanftes Rhythmus, das ihre Gedanken begleitet. Die Schatten in den Ecken der Kajüte ziehen sich zurück, machen Platz für das neue Licht ihres Verständnisses.
„Du willst wissen, was an mir nicht stimmt? Das ist es, was du meinst, Sinne? Glaubst du, ich fühle mich nicht schon beschissen genug wegen dieser ganzen Situation! Verdammt! Wie viel glaubst du, kann ein Mensch ertragen?" Und so schimpft er sich gehörig alles von der Seele.
Sinne wird ziemlich mürrisch davon. Es kann nicht sein, dass síe alle Opfer bringen muss. Er braucht sich nur kurz unter die Lupe zu nehmen. Na und? Selbstreflexion kann doch nicht schaden? Oder ist man davon befreit, wenn man ein König ist? Denn dann fängt da auch gleich das Problem an... Es ist Sinne anzusehen, dass sie nicht angetan ist davon, wie dieser Mann, der nun vor ihr steht, versucht sich aus der Affäre zu ziehen. Vielleicht hat sie sich geirrt, und er ist nicht der König, den sie vor sich sieht.
Während sie diesen Gedanken durch ihren Kopf gehen lässt, geht plötzlich ein Licht auf... Das ist es, was der Toran im Lager vielleicht doch kann und will. In sich selbst hineinschauen!? Pff, dann hätte er das doch längst getan? Aber das tut man erst, wenn man etwas empfinden kann, oder?
Und während der Toran vor ihr noch mehr Gründe anführt, um Sinne davon zu überzeugen, dass dieser Plan wírklich nicht funktionieren wird, vertieft sie sich unterdessen in ihrem Kopf weiter in die Idee. Stoisch lässt sie ihn zurück in der Kajüte, wo die Worte langsam verstummen. Die Luft in der Kajüte klart auf, ihre klaren Gedanken vertreiben die Schwere.
Sie hat den idealen Platz für diese Denkarbeit: das Bugsprietnetz. Der Wind streicht sanft über ihr Gesicht, während sie nach oben klettert. Das Segel, das dort ordentlich seitlich aufgerollt liegt, fühlt sich warm an unter ihren Fingern. Über ihrem Kopf verschieben sich die Wolken, öffnen sich gerade genug, um einen Sonnenstrahl durchzulassen, der ihren Weg erhellt. Dies ist der schönste Platz an Deck, um die Gedanken zu ordnen. Hier wird alles auf die Spitze getrieben, wodurch man nicht mehr darum herumkommt.
Sinne will diesen Punkt erreichen, wenn es um diese Materie geht. Sie wird so lange sitzen bleiben, bis sie dort ist. Dort, wo sie wieder einen Schritt vorwärts machen kann. Das Wasser unter der Aszension beruhigt sich zu einer glänzenden Oberfläche, spiegelt ihre Konzentration wider, wartet auf die Welle der Einsicht, die kommen wird.
Toran hat sich keine Mühe mehr gegeben, sie auf andere Gedanken zu bringen. Nach einem kurzen, etwas kühlen Gruß ist er schnurstracks zu seinem Nest geflogen mithilfe von Dali. Das treue Mädchen ist sofort herbeigeflogen und hat ihn in aller Eile nach Hause gebracht.
Er ist ziemlich durcheinander, und das ist ihm hier noch nicht passiert. So soll es auf Omaria auch nicht sein. Dass er Tonio aus dem Wasser retten musste, war schlimm genug. Jetzt auch noch dies. Sinne bringt nur Probleme mit, und er verliert langsam den Boden unter den Füßen.
Dieser Ort ist sein Zufluchtsort. Der Ort, an dem er er selbst sein darf und niemand Erwartungen an ihn hat, die er nicht erfüllen kann. Früher wollten die Menschen immer etwas von ihm, weil er dazu bestimmt war, König zu werden. Man darf sich nicht vorstellen, dass man dann ruhig sein Leben führen kann. Niemand hat ihn je gefragt, ob er überhaupt Lust dazu hat, geschweige denn bedacht, ob er dafür überhaupt geeignet wäre.
Er hat schlichtweg keine Wahl gehabt, und das Volk um ihn herum ebenso wenig. Er will gerade noch nicht sagen, dass Mara ihnen allen einen Gefallen getan hat, aber irgendwo tief in seinem Inneren hat er die Gelegenheit, diese Verantwortung abzugeben, mit beiden Händen ergriffen. Und ja, dafür schämt er sich.
Aber die Situation scheint völlig aussichtslos. Als ob er hier weg könnte! Warum grübeln über Dinge, die nicht verwirklicht werden können. Aber gut, Sinne denkt offenbar anders darüber. Sinne hat ebenfalls Erwartungen an ihn, und davon wird Toran nervös, und nicht zu knapp.
Ob er ein guter König sein könnte? Er zweifelt daran, wenn er sich an die Regierungszeit seiner eigenen Mutter hält. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Dalis warmer Atem streicht an seinem Nacken entlang, eine subtile Berührung, die ihn daran erinnert, dass er nicht allein ist. Die Luft um sie herum erwärmt sich, hüllt sie ein in eine schützende Kuppel der Sanftheit.
„Dabei vergisst Toran geflissentlich, dass auch sein Vater der Baum ist, von dem er als Apfel gefallen ist, nicht wahr... lieber Leser? Er versteckt sich auf Omaria vor sich selbst, und solange er das tut, wird er es nie herausfinden. Toran hat Angst, nicht gut genug zu sein. Zum Glück hält das Sinne nicht auf... denn schlimmer als Mara ist kaum vorstellbar..."
Nun da sie im Bugsprietnetz liegt und alle Aufmerksamkeit auf Torans Problematik gerichtet ist, bemerkt sie, dass sie ihre Prioritäten nicht richtig geordnet hat. Die Zeit hier kann sie besser einsetzen für die Lösung von Tonios Problem. Zeit, damit darf sie sich befassen.
Das Netz wiegt sanft unter ihr, ein subtiler Rhythmus, der ihre Gedanken begleitet.
Wie funktioniert die Zeit hier genau? Momente personalisieren, sich zu eigen machen, damit hat sie bereits spielen dürfen, und es fasziniert sie unendlich. Zurück in der Zeit scheint nur unmöglich, und doch ist es genau das, was geschehen muss, wenn sie Tonio sein junges Leben zurückgeben wollen.
Erst einmal auf etwas zoomen, das sie schon versteht und öfter getan hat. Sie verlangsamt und sucht nach der Stille, der Stille in sich selbst vor allem. Sie braucht es, einen Moment nicht in Beschlag genommen zu werden von all dem Gerede in ihrem Kopf. Es ist zum Verrücktwerden, und manchmal denkt sie sogar, dass diese Worte in ihrem Kopf genau dafür gedacht sind, als eine Art Folterwerkzeug.
Die Stille zu erreichen braucht Zeit, und die nimmt sie sich. Sie dehnt die Zeit, dehnt noch mehr und dehnt noch viel mehr. Die Luft um sie herum scheint mitzuatmen, verlangsamt sich in ihrem Rhythmus. Und sie bleibt still, still während sie auf das Wasser starrt, still während sie ihre Kajüte aufräumt, still während sie eine Zeichnung in ihrem Notizbuch macht, still während sie unter der Dusche steht, still während sie ausgestreckt auf der Bank liegt und an die Decke schaut.
Die Stille ist überall zu finden. Man muss sich Zeit dafür nehmen und Raum dafür schaffen. Was für eine Ironie, denkt sie plötzlich. Zeit und Raum ist genau das, worauf die duale Welt sich stützt, auf die Chronologie, das Dort versus Hier. Aber wie kommt man von dort hierher in der Zeit? Wird an einem Rad gedreht? Das Wasser unter dem Schiff schimmert im Licht, rippellos wie ein Spiegel, in dem Vergangenheit und Zukunft einander begegnen.
Sie tastet ab, ohne sich zu sehr anzustrengen. Sie reicht danach, greift es aber nicht. Sie philosophiert in aller Freiheit drauflos. Zeit existiert vielleicht nebéneinander? Vielleicht gibt es verschiedene Zeitdimensionen, zwischen denen man reisen kann, sodass man sich von der einen Zeit in der Zukunft zu einer anderen Zeit in der Vergangenheit bewegen kann? Aber wie? Ja, genau, wie, das ist die Gretchenfrage...
Sie beschließt, Toran zu fragen, ob er mehr weiß über den Aufbau von Zeit und Raum auf Omaria. Dann eben durch den Streit hindurch zusammen. So kann sie es auch nicht belassen, und das ist zú wichtig, Tonios Leben hängt verdammt nochmal davon ab! Allein kommt sie nicht weiter. Sie hat jeden Winkel ihres Geistes durchkämmt, bleibt aber jetzt hängen wie eine Nadel auf einer alten Platte.
Dank ihrer Übung im Verlangsamen hat sie genug Zeit übrig. Immer wieder diese Zeit, schmunzelt sie innerlich. Sie holt die Schiffsleinen ein und beschließt, sofort zu Toran zu fliegen. Das Wasser unter der Aszension kräuselt sich subtil; es reagiert auf ihre Entschlossenheit. Sie schafft es, scharf am Wind zu bleiben, sodass sie in einer geraden Linie darauf zuhalten kann und in kürzester Zeit (da ist sie wieder, die Zeit!) beim Nest ankommt.
Dali begrüßt sie begeistert und gibt ihr einen Kopfstoß, was dank ihres Formats Sinne kurz ins Wanken bringt. Sie wird dadurch nicht weniger froh, Dali ist lieb! Toran steckt den Kopf um die Ecke der Öffnung. Meine Güte! Sinne traut ihren Augen nicht! Dies ist ein beeindruckendes Bauwerk, das eher an ein hölzernes Baumhaus erinnert als an ein herkömmliches Nest. Es ist wahnsinnig groß und stattlich! Eines Königs würdig, denkt Sinne. Der Raum verändert sich, während sie ihn betrachtet, nicht physisch, aber im Gefühl; Wärme und Geborgenheit strahlen von den Wänden, so anders als die Kälte der Lagerwelt.
Toran hat sich zum Glück beruhigt und wirkt freundlich und offen. Er lädt sie ein hereinzukommen, und sie ist froh, einen Blick werfen zu dürfen. Sie ist wahnsinnig neugierig auf den Lebensraum dieses Mannes. Er hat eine geschmackvolle, stimmungsvolle Einrichtung, viel Licht dank großer Aussparungen, schöne schwere rostbraune Stoffe, die als Vorhänge dienen, robuste Holzmöbel und überall Steine, Blumen und Federchen ausgestellt. Es ist schließlich ein Nest...
Sinne lässt sich nieder auf seiner Eckbank. „Du bist einer der Schöpfer dieser Welt, oder? Oder ist das Grundprinzip vollständig von Mara?"
Toran schaut sie an mit einem rätselhaften Blick in den Augen. „Ich kann dir nicht genau sagen, woraus die Basis besteht. Ich bin einfach hineingesprungen, verstehst du. Du musst es dir als eine Art Back-up-System vorstellen." Die Luft außerhalb des Nestes verdunkelt sich eine Spur. Die Erinnerungen an Maras Einfluss werfen Schatten.
„Das klingt sehr technisch, ich weiß nur nicht, wie ich es anders in Worte fassen soll. In Wirklichkeit ist es ziemlich abstrakt nämlich. Hattest du je einen Computer, Sinne?" Er schaut sie neugierig an.
„Ja, als kleines Mädchen kann ich mich an so etwas erinnern", flüstert sie. „Zu Beginn des Großen Krieges hatten wir noch über einen Bildschirm Kontakt mit meinem Vater. Aber ich war sehr jung und bin inzwischen so weit davon entfernt, ich weiß es nicht mehr genau."
„Wie meinst du das?", fragt Sinne überrascht.
„In dem Moment, als du auf Omaria hereingeschneit bist", lacht Toran, „hast du selbst auch angefangen, Schichten zu erschaffen", fährt er nun ernst fort. „Diese Welt gehört bestimmt nicht nur mir. Jeder, der hier verweilt, trägt sein Scherflein bei. Das tut man einfach, indem man da ist, lebt, lacht, denkt, handelt, liebt, Fragen stellt..." er lässt eine kleine Pause und lächelt neckend. „Deine Gedanken, deine Erwartungen, deine Emotionen, sie bauen hier alle am Dasein mit."
Sinne schaut ihn nachdenklich an. „Also habe ich auch Markierungen angebracht? Oder ist das eine dämliche Frage?" sie schaut etwas verdutzt dabei.
„Äh, nein, an sich eine gute Frage, nur dass ich lediglich davon ausgehen kann, dass es so ist, aber nicht weiß, wie das bei dir aussieht, das ist nämlich persönlich und einzigartig. Ich würde deine wahrscheinlich nicht erkennen."
„Wenn man diese Markierung kennt und in eine Schicht zurückgeht, die früher entstanden ist", fragt Sinne nun ohne jede Umschweife, „geht man dann auch zurück in die Zeit, in der diese Schicht oder Version entstanden ist?" Bei dieser Frage zittert die Luft kaum merklich, eine Welle geht durch die Struktur Omarias selbst.
Toran ist nun derjenige, der verwirrt ist. „Warum fragst du das, Sinne? Wer will denn zurück zu einer früheren Version, die viel weniger gut entwickelt ist als die neueste, mit allen Risiken, die das birgt?"
Sinne beißt sich auf die Lippe. „Es ist rein hypothetisch, Toran...", sie schweigt kurz und schaut ihn keck an, „...aber stimmt das?" Sie seufzt ungeduldig.
Toran zuckt mit den Schultern. „Ja, ich denke schon..." Er schaut sie nun direkt in die Augen und fährt in ernstem Ton fort: „Du musst wissen, Sinne..." und er legt eine kleine Pause ein, um zu unterstreichen, was er im Begriff ist zu sagen, „...dass man dann auf ein anderes Niveau zurückschießt, wodurch die Entwicklungen, die danach stattgefunden haben, verschwinden. Das ist unumkehrbar und kann auf alles Mögliche zutreffen: Wahrnehmungen, Freundschaften, Ideen... und wie du weißt, verändert sich die Umgebung mit." Die Schatten im Nest werden tiefer, womit der Raum selbst den Ernst seiner Worte widerspiegelt.
„Ich kann mir nur Schwierigkeiten vorstellen, wenn ich über so ein Szenario nachdenke. Ich hoffe nicht, dass das ist, was du unter Zeitmaschine suchen verstehst?"
Toran hat ein Glas Wasser für sie hingestellt. Durst hat sie natürlich nicht, aber gesellschaftlich ist es angenehm. Dann ist es, als wäre das alles vollkommen normal, auch wenn die Rätsel sich weiter auftürmen. Es gibt hier keinen geraden Weg, weil alles in Veränderung ist. Offenbar, das weiß sie jetzt, hat das mit dem Einfluss der Menschen zu tun, die Omaria erleben, oder in Torans Fall bewohnen. Es gibt so viele Faktoren, die mitbestimmen, welche Farbe das Bild bekommt, dass sich nichts Sinnvolles darüber sagen lässt.
Und dann ist da auch noch diese unbeantwortete Frage, die im Hintergrund mitspielt: Hat Mara etwas Wesentliches zu dieser Welt beigetragen im Anfangsstadium, wovon Sinne wissen muss? Sie denkt zurück an das, was sie über Omarias Ursprung weiß. Mara hat Toran nicht absichtlich darin einsperren wollen, dafür war das Land ursprünglich nicht gedacht gewesen. Omaria ist entstanden, um dem Rat und der Bevölkerung Sand in die Augen zu streuen, mehr nicht. Es sollte eine Welt sein, die von außen ansprechend wirkte. Toran hat das Land später eingenommen, ohne je Maras Genehmigung dafür erhalten zu haben. Dieser Gedanke beruhigt sie etwas. Die Temperatur im Nest steigt eine Spur.
Toran setzt sich neben sie auf die Holzbank und nimmt ihre Hand. Die Bank formt sich nach ihren Gestalten, warm und einladend. „Ich weiß, dass du mit einem Schuldgefühl herumläufst wegen Tonio. Du hast so sehr versucht, das Beste für ihn zu tun, und es ist anders ausgegangen. Die Umstände wurden nicht von dir geschaffen. Die Welt ist hart und Tonios Verlust tragisch. Du weißt, wie schmerzhaft es ist, beide Eltern kurz nacheinander zu verlieren. Aber dú kannst nichts dafür, Sinne. Es ist nicht deine Schuld!"
Sinne kann ihn kaum ansehen. Sie weiß, dass er recht hat. Es fühlt sich nur an, als habe sie ihn persönlich hineingelegt. „Sieh mich an", drängt er sanft, seine Finger warm um die ihren. „Du hast versucht, Tonio zu retten. Hattest du andere Möglichkeiten?" Sie schüttelt unsicher den Kopf.
„Zehn Jahre alt zu sein war für ihn lebensbedrohlich, und das ist er jetzt nicht mehr. Betrachte es von dieser Seite!"
Sinne sitzt noch immer zusammengesunken auf seiner Bank. Toran versucht es von einer anderen Seite: „Was bedeutet Alter überhaupt? Es ist nur eine Momentaufnahme. Lang, kurz, unfassbar, das ist Zeit. Spielt es eine Rolle, wo auf dem Zeitpfad man sich befindet? Sobald es hinter einem liegt, scheint es verflogen." Er lacht bitter. „Was hat er wirklich versäumt? Mehr Elend, Leid, Hunger? Vielleicht hast du ihm sogar einen Gefallen getan."
Toran sieht ihr Leid und versteht ihre Motive, aber sie muss wissen, wie gefährlich das ist. „Bevor du Dinge tust, die noch viel größere Folgen haben... als..." Er verstummt. Die Luft zittert kurz. „Omaria ist nicht stabil und als etwas Vorübergehendes konzipiert. Ich mache das Beste daraus, aber es ist verletzlich." Sinne schaut ihn an und sieht Torans aufrichtige Sorge. Er hat recht. Sie weiß es. Außerdem hat sie keine Ahnung, welche Markierungen Tonio für sich selbst geschaffen hat. Die Suche nach so einem persönlichen Anker in dieser veränderlichen Welt fühlt sich an wie das Jagen nach einem flüchtigen Traum. Toran legt seine Hand an ihre Wange. Seine Berührung ist warm, tröstend, als versuche er etwas zu sagen, das er selbst noch kaum in Worte fassen kann.
„Glaubst du mir, wenn ich sage, dass ich dir helfen will?" fragt er leise. „Ich glaube nur nicht, dass dies der Weg ist..."
Sie ergreift seine Hand und hält sie fest. So bleiben sie eine Weile sitzen, still, verbunden. Es fühlt sich an, als umschließe Omaria sie, wie ein Kokon des Verständnisses, wo nichts sein muss außer seiner Hand in der ihren.
Sein Herz zieht zu ihr, stark und unerwartet. Aber er weiß: das darf nicht. Nicht hier, nicht jetzt. Er ist gebunden: an seine Rolle, seine Vergangenheit, seine Versprechen.
Wie konnte es so weit kommen? Das war nie die Absicht gewesen.
Und doch... jeder Moment mit ihr fühlt sich an wie Sauerstoff.
Er klammert sich daran, wissend, dass es vorübergehend ist, aber ebenso unentbehrlich.
***