11. DOPPELTE ÄNGSTE
Im Lager sitzt Toran an seinem Schreibtisch, den Kopf in den Händen, und kann nicht fassen, dass er dát getan hat. Diese Frau, die in seinen Augen eine der taffsten Frauen ist, die er seit Langem getroffen hat. Sie, die Einzige, die es wagt, ihm direkt ins Gesicht zu schauen, und ihn damit berührt, irgendwo tief in seinem Innern, wo er noch nie berührt worden ist. Wie macht sie das? Er hat das Bedürfnis nach dieser Berührung, ist hungrig danach.
Das Bemerkenswerte ist, dass von Berührung bis vor Kurzem überhaupt keine Rede war. Abgestumpft und betäubt war das vorherrschende Gefühl, wenn man es überhaupt ein Gefühl nennen kann. Es ist, als sei er aufgewacht aus einem unfassbaren und finsteren Albtraum. Trotzdem wandelt er noch immer durch diese grimmige Welt. Er ist wütend und frustriert und versteht erschreckend wenig von seiner Umgebung und von dem, was von ihm verlangt wird.
Und doch ist es anders als noch vor ein paar Tagen. Damals stand er völlig außen vor, hatte keinerlei Mitsprache und Kontrolle über sein Handeln. Es fühlte sich an, als würde er geführt, wie an einem unsichtbaren Faden. Seit Kurzem sickert etwas Halt durch die Gitterstäbe dieser Traumgefangenschaft, und glücklicher macht ihn das nicht. Er fühlt sich noch genauso machtlos wie zuvor.
Sein größter Antreiber ist Angst, stinkende, durchdringende, alles verschlingende Angst. Sie heult durch seinen Körper, hat ihn vollständig in ihrer Gewalt. Das Einzige, was er tun kann, ist so zu handeln wie zuvor, damit nicht auffällt, wie verängstigt er nun ist únd verwirrt. Und dann hat er getan, was er getan hat. Er kann es noch immer nicht fassen. Er hat es ihr angetan, aber noch viel mehr als das hat er es sich selbst angetan. Ér fühlt sich beschmutzt. Unvorstellbar, dass er sich noch schlechter fühlen kann, als er es ohnehin schon tat.
Sinne muss sich auch heute wieder bei Toran melden zum Dienstantritt. Diese erbärmliche Vorstellung von einem Mann will dabei zusehen, wenn sie zu spät kommt und so ihren neuen Posten verliert. Das hat er ihr jedenfalls neulich erzählt, und er kicherte dabei, wie nur gemeine Männer das können. Gerade noch nicht ins Fäustchen, wahrscheinlich weil man dann nicht für voll genommen wird, nicht einmal im Land der Gewissenlosen.
Da steht sie also, weit vor der Zeit, aber mit dem Schlaf kaum aus den Augen. Sie kommt immer später und später aus Omaria, obwohl sie dort das Gefühl hat, rechtzeitig auszusteigen, warum das ist...? Toran schaut sie heute nicht einmal an, und das ist selbst für diesen Mistkerl ein neuer Standard. Sie ruft: „Dann fange ich mal an, ja?"
Es gibt eine Bewegung hinter dem Schreibtisch und dann dreht sich der Stuhl doch um. „Es ist eine Schicht dazugekommen in Sektion 6. Ich nehme an, das ist kein Problem?" Heute brüllt er nicht, auch das ist neu. „Es bringt dir eine Extraportion Ration ein."
Sinne traut ihren Ohren nicht... eine Extraportion für ein einziges Klosett mehr. Sektion 6 liegt zwar abgelegen, ist aber nur für eine Handvoll Leute am Außenrand des Lagers gedacht und hat deshalb nicht die vier Pinkelbecken wie in allen anderen Sektionen. Gut machbar, und der Fußweg dorthin ist bestimmt angenehm, dann kann sie die Beine etwas strecken nach all dem Sitzen und Hocken beim Schrubben. Sie nickt ihm zu.
„Gut. O, und was ich noch kurz sagen wollte...", sagt sie betont lässig. Es fällt eine Stille, und Sinne kommt etwas näher. „Du bist ein Mistkerl!", und sie spuckt geradewegs auf seinen Schreibtisch. Das hatte sie überhaupt nicht vorgehabt, aber nun ist es raus. Kein Zurück mehr, und sie fährt fort: „Was fehlt dir eigentlich, so mit Menschen umzugehen?!"
Toran starrt sie an, sagt aber nichts... Die Stille hängt schwer zwischen ihnen, und Sinne wird bewusst, dass sie ein gefährliches Spiel spielt. Toran steht langsam auf, sein Rücken angespannt, die Schultern gerade; eine bedrohliche Bewegung, die jahrelange Lagererfahrung verrät. Er schaut sie weiterhin an, mit einem barschen Blick in den Augen und einem rot angelaufenen Gesicht (vor Wut?). Es scheint, als vergingen Minuten, und Sinne wagt es nicht, noch ein Wort zu sagen. Sie wagt es kaum zu atmen, und ihre Knie zittern wie Espenlaub. Sie kann nur hoffen, dass er es nicht bemerkt.
Als er vor ihr steht, spürt sie seinen schlechten Atem auf ihrer Haut, und plötzlich ist sie so wütend auf sich selbst. Was reitet sie! Was denkt sie sich nur! Dass er sich das von ihr bieten lässt? Die Panik schlägt zu, und sie will sich beinahe umdrehen und so schnell wie möglich wegrennen, als er einen tiefen Seufzer ausstößt. „Du bist mir eine... kleine Landstreicherin...", er spricht die Worte langsam aus, und sein Ton verrät ein gewisses Maß an Respekt für sie. „Und jetzt raus hier!", brüllt er hinterher, dreht sich um und geht zur Ecke des Zeltes, wo eine kleine Küchenzeile eingebaut ist.
Sinne wartet nicht ab, um zu sehen, was er vorhat. Sie hat unglaubliches Glück gehabt, und das weiß sie nur zu gut. Und doch... denkt sie. Vielleicht hat sie recht, und ihre Dualitätstheorie ist gar nicht so verrückt. Er findet sie mutig, respektiert ihren Mut. Irgendwo tief in seinem Innern ist er ein mutiger Mann. Ja óder... sie hat Glück gehabt, würde ihr Vater kopfschüttelnd noch einmal wiederholen.
Sie verscheucht die Gedanken an ihren praktisch veranlagten Vater und geht mit dem Eimer und den Putzlappen unter dem Arm davon. Es wird wieder ein langer Tag, aber ein Gefühl tief unter der Oberfläche sagt ihr, dass er heute nicht zum Pinkeln kommen wird während ihrer Arbeit. Ein Fünkchen Hoffnung nistet sich in ihr ein: Sie hat einen kleinen Riss geschlagen in seiner Mauer der Gleichgültigkeit.
Tonio hat Sinne heute Morgen wie einen Wirbelwind aus dem Zelt stürmen sehen. Ein Gespräch zwischen ihnen war unmöglich durch die Eile, in der sie war. Das ist in Ordnung. Er weiß, dass sie sich zum Dienst melden muss und immer länger schläft, beängstigend, aber wahr. Wenn sie es noch eine halbe Stunde länger hinauszögert, kommt sie nicht rechtzeitig, und dann ist der Teufel los. Das weiß Tonio, und das weiß Sinne selbst auch. Er braucht also nicht davon anzufangen.
Sein Leben ist um einiges weniger aufregend, aber es ist eben das Leben, das ér führt. In letzter Zeit tut er das in aller Seelenruhe, nicht dass er eine andere Wahl hätte. Es ist in kurzer Zeit normal für ihn geworden. Es gibt ein paar Essensreste von gestern, die er ausgiebig zwischen seinen Kiefern zermahlt, bevor er schluckt, sodass der Speichel in seinem Mund es ihm etwas leichter macht, alles hinunterzubekommen. Seine Zähne sind weniger hilfreich als früher, und die verfügbaren Messer können kaum Messer genannt werden. Es stört ihn nicht.
Aufmerksam geht er auf im Augenblick. Und so kaut er mit einer erbarmungslosen Beständigkeit, unermüdlich kaut er, und kaut er. Den nächsten Bissen ergeht es genauso und den danach ebenso. Wie einfach das Leben sein kann und doch befriedigend. Er versteht nicht recht, woher die Ruhe kommt, aber sie ist willkommen.
Im selben Tempo steht er auf, wechselt sein Hemd und macht seinen ersten gewohnten Gang des Tages. Seit Tagen nimmt er Wasser mit für seine kleine Freundin, die immer noch ihr Köpfchen stolz erhoben hat. Wunderbar findet Tonio das. Am liebsten würde er es allen erzählen. Zugleich will er sie geheim halten. Stell dir vor, jemand tritt auf sie, dass sie von den anderen gar nicht so geschätzt wird wie von ihm. Es würde ihn nicht überraschen. Die Menschen sind im Allgemeinen versteinert und karg, und Schönheit wird nicht mehr erkannt. Sie sind zu weit entfernt von allem, was einst war, eine flüchtige Erinnerung an eine Welt, die langsam verblasst.
Er setzt sich neben sie und grüßt sie in Stille. Das bisschen Wasser spritzt er über ihren Fuß, dort, wo ihr Stängelchen die trockene Erde berührt. Und dann bleibt er neben ihr sitzen, in völliger Stille. Leider melden sich bald Menschen bei den Toiletten, und er muss Platz machen. Es ist etwas peinlich, sitzen zu bleiben, während andere ihr Geschäft verrichten. Sie grüßen ihn, ohne jede Veränderung in ihrer Mimik. Wahrscheinlich erkennen sie ihn nicht, aber mehr noch als das haben sie keine Emotion übrig, um den Gruß zu begleiten. Alle Lebenskraft ist erschöpft. Tonio fühlt mit ihnen. Er kann einzig Mitleid empfinden für jeden, der es bis hierhin geschafft hat. Er weiß wie kein anderer, was dafür nötig ist.
Sobald sie verschwinden, setzt er sich wieder neben das Blümchen, in Ruhe. Die Stille umhüllt ihn wie eine unfassbare Decke. Er dreht sich darin, tastet die unsichtbaren Ränder ab. Es gibt einen unendlichen Raum dort, wo es still ist; eine Welt zwischen den Wörtern, zwischen den Atemzügen. Er wird sich bewusst, dass er so nicht den ganzen Tag hier herumhängen kann. Es würde zu sehr auffallen, und dann bekommt man wieder Schwierigkeiten deswegen.
Er kehrt den Pinkelbecken den Rücken und schlurft langsam zurück zum Zelt. Im allerletzten Moment greift er in sein Revers und holt ein weiß gefaltetes Papier heraus. Das schiebt er unter dem Zelt der Nachbarn hindurch. Er weiß, dass sie tagsüber oft weg sind, und es hat also die größte Chance, dass sie es erst später heute entdecken werden. Es ist also nicht zu ihm zurückzuverfolgen, und so hat er es gerne.
Am Ende des Tages geht Sinne erschöpft und mit Schweiß auf der Stirn zum Vorratszelt. Das liegt neben dem Zelt der Wächter, und dort darf sie ihre Nahrung und Getränke abholen. Es ist zugleich der Ort, an dem sie ihren Eimer und dergleichen wieder los wird. Inzwischen darf sie selbst in die Besenkammer hineingehen, um ihre Sachen wegzustellen, und als sie das Licht anmacht, steht da vor ihrer erschrockenen Nase... Toran. ‚Toran der Schreckliche', denkt sie hinterher.
Er wirkt unbehaglich und ruft barsch: „Mach zu!" Er sieht ihr Zögern und fügt beinahe unhörbar murmelnd hinzu: „...bitte..." Sinne schließt langsam die Zeltklappe und steht plötzlich in einer kleinen Besenkammer mit diesem Mann, diesem Mann, der vor ein paar Tagen noch vor ihren Augen einen anderen Mann umgebracht hat. Ein Schauer zieht ihr den Rücken hinauf. Sie weiß nicht, was sie tun soll, also tut sie nichts, sagt sie nichts. Und so fällt eine Stille ein, eine Stille, die sie nicht zu überbrücken gedenkt.
Toran räuspert sich und schaut sie kaum an. „Ich kenne keine Menschen, die es wagen, mich so anzusprechen... Du hast Nerven." Er nimmt ein Stück Seife vom Regal und steckt es in seine Tasche. „Aber das kannst du dir nicht leisten, Kleine. Ich weiß nicht, ob dir klar ist, dass du beobachtet wirst. Du bist lästig. So sehen sie dich jedenfalls. Du hast zu viele Probleme hinter deinem Namen stehen. Keiner der Wächter wird dein Verhalten von vorhin durchgehen lassen. Und in diesem Fall darfst du froh sein, dass niemand dabei war."
Er schaut wieder auf das Regal und nimmt eines der sauberen Handtücher vom Stapel und eine Zahnbürste. „Ich habe schon einiges für dich ausfechten müssen, Kleine, und das hat mich meinen besten Wächter gekostet..." Sinne schluckt hörbar. „Sorge dafür, dass nicht noch mehr Leute dir ans Leder wollen, denn Wunder kann ich nicht vollbringen", und er packt sie, schiebt sie unsanft beiseite und verschwindet aus der Kammer, sie in Schockstarre zurücklassend.
Später im Zelt zittert sie noch immer, und Tonio kann ihr kaum folgen, als sie ihm alles erzählt. Er ist leichenbleich und fühlt sich plötzlich alt, wirklich alt. „Was treibst du alles, Sinne!" Er ist in Panik, sein Körper bebt und zittert. Die Ruhe der vergangenen Tage ist verschwunden, und ein Kloß bildet sich in seiner Kehle. Die Machtlosigkeit ist es, die ihn am meisten bedrückt, und er fühlt sich enorm frustriert. Er kann es nicht länger zurückhalten, und dann kommen die Tränen. Wie große Kindertränen rollen sie über seine Wangen, und bald geht es über in ein heftiges Schluchzen. Dies ist das Weinen eines Zehnjährigen.
Sinne setzt sich neben ihn, streichelt ihm über den Rücken, wie sie es immer getan hat, als er klein war. Sie versteht ihn nur zu gut. Sie hat wie er Angst, Todesangst sogar. Aber heute hat sie etwas in Torans Augen gesehen, das sie zu erkennen meint... es ist die gleiche Angst, die Angst vor Verlust, Verlust von jemandem, der einem lieb ist. Und diese Erkenntnis ist etwas, das sie nicht erwartet hatte und womit sie nicht gerechnet hat. Der Toran hier hat durchaus Gefühle. Sie kann es nicht in Einklang bringen mit allem, was er in der letzten Zeit anderen angetan hat, und sie hat die Puzzleteile bei Weitem noch nicht zusammen. Dennoch ist sie der Meinung, dass Toran kein gefühlloser Mensch ist. Er ist kein Schatten, kein gewissenloser Zombie, und das bietet Perspektive.
Sie streichelt Tonio weiter, bis das Weinen leiser wird und in sanftes Schluchzen übergeht. Sie versichert ihm, dass es gut wird, auch wenn es ein Versprechen ist, das sie vielleicht nicht halten kann. Es ist das Einzige, was sie im Angebot hat in diesem Moment, und er fühlt sich davon getröstet. Sie selbst fühlt sich davon getröstet.
Nicht viel später liegt Tonio hinten im Zelt und schnarcht. Sinne kann keinen Schlaf finden. Sie ist nicht bereit, gleich wieder auf Omaria zu erwachen. Sie wünschte, sie müsste nicht hin. Tonio kann sie ohnehin nicht helfen, so viel hat Toran ihr klargemacht, und sie ist müde, furchtbar müde. Eine wirklich gute Nacht ohne Abenteuer bietet bestimmt mehr Erholung.
Sie fragt sich, ob sie inzwischen noch eine Wahl hat, und dann wird ihr klar, dass sie die hat. Tonio ging auch nicht mehr, von dem Moment an, da er wirklich nicht wollte. Und sie will momentan wirklich nicht. Omaria wurde verfügbar, weil sie es wirklich wollte.
Wie dem auch sei, sie muss die Augen schließen, denn morgen steht ihr wieder ein langer Tag bevor. Schnell sucht sie noch hinten in der Büchertruhe, denn dort hatte sie noch einen Wecker liegen, meinte sie. Einen mechanischen Wecker, der aufgezogen werden muss, aber wenn es gut ist, funktioniert er noch.
Nachdem sie ihn auf sieben Uhr morgens gestellt hat, fällt sie rückwärts ins Bett. Zufrieden und mit einem festen Entschluss im Kopf schließt sie die Augen und lässt sich vom Schlaf mitnehmen.
...
Der Wind heult durch ihre Haare, während sie den Bug durch die Wolken steuert, jeder Schlag in den Wind liefert eine neue Empfindung. Mit jeder Wende scheint die Geschwindigkeit zuzunehmen, bis das Gefühl eher an eine Achterbahnfahrt erinnert als an einen befreienden Flug. Ihre gute Laune verblasst langsam, wird abgelöst von einer schwelenden Unruhe.
Sie greift nach den Schoten, versucht die Segel zu fieren, um das Tempo zu drosseln, aber die Leinen fühlen sich steif und unnachgiebig an unter ihren Fingern. Die Schot-Blockrolle verweigert den Dienst, als wäre alles plötzlich erstarrt. Panik schleicht sich in ihr Bewusstsein, während sie nach vorne stürzt, verzweifelt versucht, die Segel herunterzuziehen. Aber auch sie scheinen versteinert, unempfindlich für ihre Anstrengungen.
Das Schiff, einst eine Verlängerung ihrer selbst, fühlt sich nun fremd und unkontrollierbar an.
Ein schriller Schrei aus der Ferne, beinahe verloren im Tosen des Windes. Etwas schießt an ihr vorbei, so nah, dass sie den Luftzug spürt. Ein Aufblitzen von Rot in ihrem peripheren Blickfeld, gefolgt von noch einem, und noch einem. Gefiederte Geschosse tanzen um sie herum in einem schwindelerregenden Wirbel aus Farbe und Bewegung.
Angst greift ihr an die Kehle. So soll es nicht sein. Wo ist die vertraute Präsenz, die sie stets begleitet in dieser Traumwelt? Wo ist die beruhigende Kraft, die diese Wildnis zähmt und in etwas Magisches und Schönes verwandelt?
12. ERSTE ANZEICHEN
Sie will sich die Hände auf die Ohren pressen, bis ihr bewusst wird, dass sie sich im Bett herumwälzt und schweißgebadet ist. Mit einem kräftigen Schlag auf den Wecker macht sie dem hohlen Piepen ein Ende. Aus der Ecke ertönt ein schweres Stöhnen. Gut, sie ist rechtzeitig wach diesmal, und das ist schön. Sie hat Zeit, Tonio zu helfen, bevor sie ihre eigene Routine beginnt.
Tonio schüttelt den Kopf und winkt ab. „Ich komme gut zurecht, Sinne. Es geht langsam, aber das ist gut. Langsam ist gut..." Er schlendert demonstrativ langsam zu seinem Stuhl bei seinen Kleidern. Während er sich mit einem Stöhnen hinabsinken lässt, fragt er: „Du hattest eine unruhige Nacht, oder nicht?"
„Glaub es oder nicht, Tonio, aber ich war diesmal nicht auf Omaria... und doch irgendwie schon", murmelt Sinne geheimnisvoll. Sie lehnt sich im Stuhl gegenüber Tonio zurück, um sich einmal richtig zu strecken.
Er schaut zur Seite und zieht eine Augenbraue hoch. „Davon verstehe ich kein Wort, Sinne. Du musst etwas deutlicher reden, vor allem wenn du es mit meinem schlechten Ohr zu tun hast."
Sinne will eigentlich nicht darüber reden. „Ich habe mir gestern vorgenommen, vorerst nicht nach Omaria zu gehen und mich mal richtig auszuruhen. Du hast recht, ich werde immer später wach, und das ist nicht praktisch mit meinem neuen Dienstplan." Sie zögert kurz. „Ich war mir nicht sicher, ob es mir gelingen würde, hier zu bleiben und zu schlafen, aber der Vorsatz, nicht hinzugehen, reicht offenbar aus. Nur... naja, ich hatte einen bösen Traum, das ist alles." Mit diesen Worten steht Sinne auf, um das Thema zu beenden.
Aber Tonio lässt nicht so leicht locker. „Komm schon, wovon handelte er?"
Sie lässt sich wieder fallen und seufzt tief. „Es war auf Omaria, oder etwas, das so aussah... Aber es fühlte sich anders an. Toran war nirgends zu finden, und da waren diese... Wesen. Rote Blitze, die um mich herumkreisten, zu schnell, um sie richtig zu sehen. Es war beängstigend."
Tonio runzelt die Stirn. „Wesen? Was für Wesen?"
Sinne zuckt mit den Schultern, ihr Blick starrt in die Ferne, als versuche sie, die Bilder zurückzuholen. „Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht waren es Vögel? Sie hatten etwas von Kugeln, die durch die Luft schossen. Rote-Kugel-Vögel..." Ihre Stimme erstirbt. „Lass gut sein, es ist schwer zu erklären. Es war nur ein Traum und es ist nichts los. Du weißt, wie das ist mit manchen Träumen. Morgens kleben sie noch an einem, als wollten sie mit in den Tag hinein. Wirklich ausgeruht bin ich nicht. Morgen wieder eine Chance."
Betont fröhlich erhebt sie sich und nimmt sich die Zeit hinter ihrem Bett in der Ecke, um sich ordentlich zu waschen (mit dem zusätzlichen Wasser von gestern) und sich anzukleiden. Sie trinkt, isst ein wenig trockene Wurst (was für eine Überraschung das gestern auf einmal war!) und huscht noch schnell in die Ecke, um ihre Haare mit einer Nadel hochzustecken und etwas Fett auf die Lippen zu tun.
Tonio schaut bedenklich aus seiner Ecke zu. Was soll das denn jetzt! Für wen macht sie das um Himmels willen? Sie geht Pinkelbecken putzen! Er kocht innerlich, wohlwissend, dass Sinne vorhat, den Faden wieder aufzunehmen, wenn es um diesen abscheulichen Toran geht, mit allen Folgen, die das hat. Er versteht es nicht. Gestern haben sie sich ausgiebig darüber ausgesprochen. Hat das denn überhaupt keinen Eindruck auf sie gemacht?
Sie muss es selbst herausfinden, er hat die Nase voll davon. Dummes Mädchen. Tonio ertappt sich dabei, dass er sie plötzlich als jünger betrachtet. Das ist das erste Mal, seit er nicht mehr zehn Jahre alt ist. Das liegt an ihrem naiven Verhalten, rechtfertigt er vor sich selbst. Alter hat damit nichts zu tun! Er belässt es dabei, lässt sie für heute gewähren und konzentriert sich auf die paar Dinge, die er zu erledigen hat.
Sinne meldet sich wie immer im Zelt der Wächter. Toran ist heute nicht allein, zwei junge Soldaten sind bei ihm. Grün hinter den Ohren, so wie sie aussehen. Toran nickt ihr kurz zu hinter seinem Schreibtisch und schickt sie dann mit einer Handbewegung weg. Es würde ein Tag werden wie jeder andere.
Putzen. Putzen und noch mehr Putzen. Sie holt ihren Eimer, Putzlappen und Seife und stürzt sich sofort in ihre eigene Sektion, um anzufangen, dann hat sie es hinter sich. Es ist nämlich nicht gerade angenehm, Bekannten über den Weg zu laufen, wenn man auf den Knien die Reste ihrer Hinterlassenschaften wegschrubbt.
Dennoch geht ihr die Arbeit immer leichter von der Hand. Ihr Körper ist kräftiger geworden, und die Routine hilft. Die endlose Wiederholung derselben Bewegungen gibt ihrem Geist Raum zum Schweifen. Der Traum hat sie durcheinandergebracht. Sie hat seit Langem nicht mehr geträumt, weil sie immer auf Omaria war, also kann sie es deshalb wahrscheinlich nicht gut verkraften? Früher hatte sie so oft beängstigende Träume, die man abschüttelt und nach denen man mit seinem Tag weitermacht. Warum lässt es sie einfach nicht los?
Sektion 6. Sinne macht gemütlich Mittagspause. Diese Sektion liegt am Rand des Waldes, wohin sie nicht gehen dürfen, und auch nicht wollen. Manch einer, der versuchte zu jagen oder zu sammeln, kehrte nicht zurück. Das geht wie ein Lauffeuer durch das Lager. Sie haben es aufgegeben, und so liegt dort am Rand des Lagers ein Wald ohne jede Absperrung, weil es ohnehin niemandem in den Sinn kommt.
Sie holt ihre Papiertüte mit einer Wurst und einem Stückchen Brot aus ihrer Hosentasche, dankbar, dass sie jetzt wenigstens genug zu essen hat, um etwas davon mitzunehmen. Gedankenverloren starrt sie in den Wald, wo die Bäume sanft im Wind wiegen. Dies ist das Nächste an Natur, was sie in dieser Welt aus Staub und Stein erreicht. Was für ein Gegensatz zu Omarias üppigen Landschaften.
Ein Schatten fällt über sie und sie erschrickt nicht, als sie Toran über sich aufragen sieht. „Hallo", sagt sie ohne Umschweife. Er setzt sich neben sie, und Sinne fallen einige Dinge auf. Er hat sich rasiert, die Haare geschnitten (gar nicht schlecht, findet sie) und er stinkt nicht mehr so. Offenbar hat er sich gewaschen, oder bildet sie es sich nur ein? Schließlich steht sie den ganzen Tag im Gestank der Pinkelbecken, ihr Geruchsinn dürfte nicht mehr allzu scharf eingestellt sein.
Er schaut sie von der Seite an, und sie bemerkt, dass er dieselben eindrucksvollen grünen Augen hat wie Toran auf Omaria. Davon erschrickt sie kurz, dass sie die Augen dieses schrecklichen Mannes offensichtlich ‚eindrucksvoll' finden kann. Bisher war es ihr noch nicht aufgefallen, also warum jetzt? Er hat etwas Übergewicht, aber immer noch eine stattliche Figur, genau wie Toran... Sie verbietet sich, weiter darüber nachzudenken. Sie will diesen Mann nicht auf diese Weise mustern. Sie will ihn den Mistkerl finden, der er ist, und dazu gehört ein angsteinflößendes und unappetitliches Äußeres. Sie senkt den Blick und schaut auf die Furchen in ihren Händen. Neben sich hört sie ihn stocken.
Toran sucht nach Worten. Er hat sich nämlich etwas vorgenommen, aber er braucht Hilfe dabei. Allein wird es nicht gehen. Die Einzige, die ihm einfällt und die ihn nicht verraten wird, ist diese kleine Landstreicherin hier neben ihm, diese Frau, die offenbar etwas in ihm auslöst. Er hat gewartet, bis sie in Sektion 6 sein würde, denn die Männer hier sind alle gerade in den Steinbrüchen bei der Arbeit. Das weiß er, denn er hat sie dorthin zur Arbeit eingeteilt.
Frauen wohnen nicht in dieser Sektion, eigenartigerweise, oder vielleicht doch nicht so eigenartig... Es sind ziemliche Raubeine, diese Kerle, kommen ursprünglich aus der Gefangenschaft und haben es nicht leicht gehabt. Sie lassen sich gut für schwere Arbeiten einsetzen. Niemand vermisst sie, wenn sie draufgehen und am Ende des Tages nicht zurückkehren; etwas, das ihn früher nie auf Gedanken gebracht hat.
Aber jetzt schon. Es hält ihn nachts wach. Er hat heute sogar erwogen, die Arbeit von fitteren Männern erledigen zu lassen oder in Schichten aufzuteilen. Ein bemerkenswerter Gedanke. Genau deshalb braucht er ihre Hilfe. Für seine Arbeit darf er keine sentimentalen Gedanken hegen. Sie lenken ab, machen alles unnötig komplex. Ausgerechnet er kann sich das nicht leisten.
In letzter Zeit gehen alle möglichen Schubladen auf, Erinnerungen, die auftauchen. Er versteht es nicht. Wo kommen sie her? Es ist alles höchst verwirrend.
„Ich muss mit jemandem reden, und diese Jemand bist du!", platzt er heraus.
Sinne schaut ihn verdutzt an und nickt unsicher.
„Wir können das nicht im Lager tun, denn das fällt zu sehr auf, und ich muss dir wohl nicht erklären, dass mit niemandem darüber gesprochen werden darf, niémandem! Nicht einmal diese Bohnenstange, die bei dir wohnt, Tónio, nicht wahr?", und er betont seinen Namen.
Sinnes Augen sind nun weit aufgerissen, und ihr Herz klopft schneller. ‚Das ist nicht gut', denkt sie. Aber sie sagt nichts. Sie presst die Lippen fest aufeinander.
„Jeden Tag um diese Zeit treffen wir uns hier und gehen dann in den Wald hinein, dort werden wir nicht gestört, verstanden?"
Sinne nickt langsam, aber Angst steht ihr ins Gesicht geschrieben. Er rückt etwas näher und flüstert nun: „Wen hast du im Wald verloren?"
Sie hält den Atem an und sagt noch immer nichts. Die Antwort wird ihn nicht interessieren. Wieder schätzt sie ihn falsch ein.
„Das tut mir leid, kleine Landstreicherin, das tut mir wirklich leid", sagt er ruhig und steht dann gelassen auf. Ohne zu grüßen geht er davon, und Sinne schaut ihm schweigend nach, bis er aus dem Blickfeld verschwunden ist.
Am Ende des Tages meldet sie sich wieder ab und holt Essen und Trinken. Seit ihrem Gespräch grübelt sie unentwegt darüber, was er von ihr will. Reden? Das ist doch schlichtweg seltsam? Das kann es nicht sein, und sie macht sich Sorgen... Er hatte sich gepflegt, soweit möglich natürlich... und er will sie mitnehmen an einen Ort, wo niemand sie sehen kann... in den Wald hinein, aus dem nie jemand zurückkehrt. Sie schüttelt den Kopf vor lauter Abscheu.
Aber sie weiß, dass es keine Wahl gibt, es sei denn, Tonio und sie fliehen, und wohin sollte das sein, mit ihm in diesem hohen Alter. Nein, ihre Schlussfolgerung war die richtige, sie hat tatsächlich keine Wahl. Sie fragt sich, warum sie plötzlich so viel Widerstand spürt. Das war der ursprüngliche Plan gewesen: ihn verführen und dazu bringen, dass sie ihm etwas bedeutet. Natürlich hatte sie gehofft und gewünscht, dass sie sich dafür nicht ausziehen müsste.
Wen macht sie hier etwas vor? Bei dieser Art von Männern weiß man im Voraus, wie so etwas läuft. Leider hat sie es schon viel zu oft erleben müssen. Die Tatsache, dass sie nie einen Mann gewollt hat und sich fernhielt, wenn es um Intimität ging, hat im Lager einiges an Frustration ausgelöst, als sie noch jung war und gerade ihre Eltern verloren hatte. Die Männer wollten sie umso mehr, und es gab niemanden, der sie an Abenden beschützte, wenn man meinte, es sich nehmen zu dürfen.
Sie ist stolz darauf, dass sie es nicht einem einzigen dieser Kerle in solchen Situationen leicht gemacht hat, und keiner ist je zurückgekommen für mehr. Sie hat sich mit Händen und Füßen gewehrt und sich damit ihre Unabhängigkeit erkämpft. Was zusätzlich dazu beigetragen hat, ist, dass sie nie um Beschutz gebeten hat. So ein ‚Beschützer' hätte sie zu der Seinen gemacht, und dann wäre sie keinen Schritt weiter gewesen, das wusste sie von anderen Mädchen.
Sinne wollte frei sein, ungebunden, und die Männer im Lager reizten sie auch nicht. Die meisten waren humorlos, rau, abgestumpft... Und so hat sie gekämpft und verloren, noch mehr gekämpft und noch mehr verloren, aber mit dem Ergebnis, dass man sie schließlich in Ruhe ließ. Die Männer, die es dennoch versuchten, kamen nämlich nicht unbeschadet nach Hause, und ihre Mutter, Frau, Freundin, Schwester konnte es ihnen ansehen. Es fehlte bloß noch, dass es in Zahnabdrücken auf ihren Körpern eingraviert stand: ‚Finger weg von Sinne!'
Jetzt ist es anders. Bei Toran kann sie sich nicht wehren und begreift, dass sie es über sich ergehen lassen muss, wie sie es zuvor nie getan hat. Dieser Toran ist knallhart, ein Mörder, wie sie mit eigenen Augen hat mit ansehen müssen, und es klafft eine grauenhafte Leere in ihm, weil seine Seele anderswo weilt. Sein wahres Wesen wohnt in der Person, mit der Sinne sich durchaus verbunden fühlt und die auf Omaria auf einem majestätischen Drachen umherfliegt.
Sie vermisst ihn schon nach einem Tag, und der Gedanke, zusammen sein zu müssen mit dieser leeren Variante von ihm... die Schauer laufen ihr über den Rücken zum Nacken, und ihr wird übel bei dem Gedanken. Sie wird das Beste daraus machen müssen, für den Toran, den sie liebt, und erst recht für die Menschen um sie herum, die wie sie gefangen sind in einem Dasein, in dem kein Platz für sie geschaffen wird, und die ein Leben führen müssen ohne Sinn und Bedeutung.
Vielleicht kann sie sich einbilden, dass er der Toran ist, den sie kennengelernt hat und der sie mit seinen schönen grünen Augen erleuchtet und tief in ihrem Innern berührt hat. Sie geht heute Nacht nach Omaria; sie muss ihn sehen... sie braucht ihn, seine Wärme, sein herzliches Lachen. Es wird ihr helfen in dem Moment, da... und sie schluckt. Sie will nicht weiter darüber nachdenken.
***
„Wo warst du?", sind Torans erste und bissige Worte, als Sinne den Steg hinuntergeht auf dem Weg zur Aszension.
„Bin ich dir Rechenschaft schuldig?", gibt sie zurück, und Sinne versteht nicht, wozu dieser Ton auf einmal nötig ist.
„Ich verlasse mich doch darauf, dass du kommst! Wir haben zusammen Pläne, Sinne, da kannst du dich nicht einfach aus dem Staub machen!", er klingt enttäuscht und sogar ein wenig verzweifelt. Sinne kann es nicht recht einordnen. Sie haben überhaupt keine festen Verabredungen getroffen, daran kann sie sich jedenfalls nicht erinnern.
Nun, da sie genauer hinschaut, sieht sie, dass er blutunterlaufene Augen hat, eine fahle Hautfarbe und dass seine Haare wirr zusammengebunden sind. So hat sie ihn noch nicht gesehen. Die Luft über Omaria fängt diese Spannung auf; die Wolken ziehen sich langsam zusammen, nicht bedrohlich, aber wachsam, stille Zeugen der Emotionen, die sich zwischen ihnen bewegen.
„Was ist los, Toran? Geht es dir nicht gut?", fragt sie nun besorgt, während sie beim Einsteigen ihre Hand auf seinen Arm legt.
„Nein, wieso?", bricht es unzufrieden aus ihm heraus.
Sie nimmt sein Gesicht mit beiden Händen und schaut ihm direkt in die Augen. „Du siehst nicht gut aus. Was ist passiert?"
Er murmelt vor sich hin, und Sinne versteht ihn nicht: „Was sagst du, Toran?"
Er schaut sie nun unter seinen Augenbrauen hervor an und sagt etwas lauter: „Ich habe dich vermisst, das ist alles...", und er lässt sich auf der Steuerbordseite der Kajüte nieder, während Sinne ihr Boot öffnet und die frische Luft hereinlässt. Das Wasser unter der Aszension kräuselt sich sanft bei seinen Worten.
„Es tut mir leid, aber ich habe keine Möglichkeit, dich im Voraus zu benachrichtigen, soweit ich weiß. Gibt es etwas, das ich übersehe? Ich brauche meinen Schlaf dringend, Toran. Ich war erschöpft. Die Arbeit im Lager ist schwer und die Tage sind ziemlich lang. Ich kam hier immer mühsamer und später weg und fühlte mich morgens beim Aufwachen ungenügend aufgeladen. Ich brauche Nachtruhe, und Abenteuer hier helfen da nicht. Ich bin ein paar Mal fast zu spät gekommen."
Toran schweigt und schaut wieder unzufrieden. Ein leichter Schatten gleitet über das Deck, kaum wahrnehmbar. „Bei wem?", fragt er dann mürrisch, „... oder muss ich das nicht fragen?", spottet er.
„Hör zu, Toran. Das geht so nicht. Ich gebe mein Bestes, und es fällt alles nicht leicht. Was ich von dir brauche, ist deine Unterstützung und nicht dieses Genörgel!", und sie geht rasch zum Vordeck, um die Leinen loszumachen. Das Holz unter ihren Füßen ächzt leise, wie ein Echo ihrer Empörung. Sie will einen Tag lang sorglos fliegen und hatte auf freundlichen Umgang mit dem Toran gehofft, der WÓL nett ist. Das ist er in diesem Moment ganz und gar nicht, dann kann er ebenso gut gehen. Das braucht sie jetzt nicht auch noch, nicht heute.
Er kommt hinter ihr her und packt sie am Arm, um sie zu sich heranzuziehen. Das Wasser unter der Aszension kräuselt sich leicht, eine kleine Störung im gewohnten Muster. „Warum läufst du immer vor mir weg? Weißt du eigentlich, wie unhöflich das ist?"
Sinne starrt ihn nun mit offenem Mund an. „Lass mich los", zischt sie zwischen den Zähnen hervor. Ein kühler Windstoß streicht an ihnen vorbei. „Derjenige, der hier unhöflich ist, quetscht gerade meinen Arm! Offenbar bist du mit dem falschen Fuß aufgestanden, Toran. Auf diese Laune von dir warte ich nicht. Geh in dein Nest und lass mich in Ruhe!", sie schreit gerade noch nicht. Das liegt daran, dass sie diejenige sein möchte, die noch etwas Kontrolle über ihre Emotionen hat, und nicht...
‚Was für ein Idiot', denkt sie. ‚Als hätte er irgendein Anrecht darauf; für wen hält er sich eigentlich?' Toran lässt sie los und schaut verwirrt und dann schuldbewusst. Er weicht zurück und murmelt „Tut mir leid", bevor er weiter nach hinten geht und mit einem geschickten Rückwärtssprung über die Reling auf dem Steg landet. Die Wolken über der Aszension verdichten sich kurz, ein kaum sichtbarer Atemzug der Unruhe.
„Wo ist Dali?", ruft Sinne ihm nach. Sie sieht ihn gerade noch die Schultern zucken, bevor er ihren Steg weiter hinuntergeht. Merkwürdig, das. Sie macht die Leinen los und flieht, flieht vor ihm und vor den aufwühlenden Emotionen, die nun durch ihren Körper jagen.
Wen hat sie eben am Kai zurückgelassen? Das ist bestimmt nicht der Toran, den sie kennt. Sie schüttelt den Kopf und versucht so, diesen unangenehmen Gedanken hinter sich zu lassen. Also gut, keine schöne Zeit mit Toran. Sie fühlt sich aufgelöst. Sie ist nun hier, und ein wenig herrlich unbekümmert über das schöne Omaria zu fliegen ist sicher keine schlechte Zeitverwendung, redet sie sich ein. Viel anderes bleibt ihr nicht übrig.
Sie steigt über die Wolken, und plötzlich spürt sie einen kräftigen Wind an Backbord. Dali streckt ihren Kopf über das Achterschiff. „Mädelchen!", ruft sie begeistert und zögert nicht, Dali über ihren großen Kopf zu streicheln. Die liebe Drachin schließt die Augen und schnurrt aus voller Seele. Die Luft um sie herum vibriert einen Moment, ein feiner Atemhauch der Verbundenheit. „Vorsicht, Dali, ich muss hier kurz aufpassen, sonst verpatze ich es", und sie steuert routiniert bei, damit sie nicht zu dicht am Berggrat entlangkommt.
„Warum bist du hier?", fällt ihr plötzlich ein, und offenbar hat sie es laut ausgesprochen. Über ihnen kräuseln sich die Wolken kurz, eine stillschweigende Frage. Dali schaut sie mit leerem Blick an.
„Warum bist du nicht bei Tora..."
Das Letzte wird unterbrochen von einem kreischenden Heulen, das dicht an Sinnes Kopf vorbeischießt und sie vor Schreck erstarren lässt. „War das ein Roter-Kugel-Vogel, Dali?" Dali nickt, und Sinne reißt die Augen weit auf. Der Wind um sie herum fällt weg, ein Moment absoluter Stille, während die Realität zu ihr durchdringt. ‚O nein', denkt sie. ‚Nicht mein Traum, bitte nicht mein Traum!'
„Ich muss zurück, Dali, und du musst dich um Toran kümmern. Er steht auf meinem Steg. Hol ihn und tut, was ihr immer tut, ja?" Die Panik in ihrer Stimme dürfte der schützenden Drachin nicht entgangen sein, denn von einem Moment auf den anderen ist Dali verschwunden.
Sinne geht hastig über Stag und lässt sich mit achterlichem Wind zurück zum Steg tragen. Sie wird nicht, bestimmt nicht heute, zwischen den Roten-Kugel-Vögeln hindurchfliegen. So verrückt ist sie gerade noch nicht, denkt sie ironisch. Noch nie hat sie einen einzigen gesehen, und ausgerechnet nach so einem Traum schießt einer haarscharf an ihrem Kopf vorbei! Es ist doch zum Schreien, wie schlecht dieser Tag hier verläuft! Die Wolkenränder sammeln sich, ein feiner Schatten, der ihre Frustration atmet.
Während das Einzige, was sie braucht, ein ruhiger und gemütlicher Tag auf Omaria ist, um nach den Schwierigkeiten im Lager mal zur Besinnung zu kommen. Stattdessen herrscht hier Chaos. Toran ist offensichtlich nicht er selbst, Dali schien verwirrt, Omaria wirkt instabil, und sie selbst, ihr geht es kein Stück besser.
Mit dem Mut in den Schuhen legt sie ihr Boot an und beschließt niedergeschlagen, dieses verrückte Land mit seinen verrückten Bewohnern hinter sich zu lassen, um eine noch verrücktere Welt zu betreten... Sie lässt einen tiefen Seufzer hören.
Während sie die Augen schließt, um auf der anderen Seite aufzuwachen, geschieht einfach nichts, rein gar nichts. Das Holz des Stegs verstummt, es fühlt sich an, als halte Omaria sie kurz fest. Sie öffnet die Augen wieder und schließt sie ungeduldig wieder. ‚Komm schon', denkt sie dabei. ‚Jetzt nicht schwierig tun, davon hatte ich für einen Tag genug.' Es nützt nichts, wieder geschieht nichts. Sie bleibt an ihrem Platz vor dem Steg auf Omaria stehen.
„Nicht das! Nicht jetzt!" Und wieder steigt die Panik in ihr auf. Ihre Stresshormone feiern in letzter Zeit eine Party. Die Luft über ihr zieht sich zusammen.
„Komm schon!", redet sie sich selbst zu, während sanft der Wind an ihrer Wange streicht: „Jetzt nicht den Kopf hängen lassen, das ist absolut nicht deine Art!"
Sie nimmt Platz auf dem großen Poller, der den Steg vom Festland trennt, und lässt den Kopf zwischen die Knie sinken, während sie die Arme darum schlingt. Sie blickt zum Horizont und seufzt einmal alles heraus, während sie langsam ihre Umgebung in ihrer Vollständigkeit wahrnimmt. Die Wellen am Fuß des Stegs werden ruhiger, ihr Rhythmus verlangsamt sich mit ihrem Atem. Und dann stellt sich doch noch etwas Dankbarkeit ein. Sie wird warten müssen, also wartet sie... Das ist hier doch bestimmt keine Strafe…
***
13. VERWIRRENDE GEDANKEN
Sinne wird wach. Ein besorgter Tonio steht neben ihrem Bett. „Dein Wecker klingelt schon eine ganze Weile! Wie kannst du davon nicht aufwachen? Ich wurde wahnsinnig von dem Ding und musste ihn ausstellen. Ich vermute, die Nachbarn sind auch wach." Er seufzt tief und geht zurück zu seinem Bett. Dort lässt er sich ruhig hinabsinken. „Du musst sofort los, Sinne, du hast keine Zeit mehr. In fünf Minuten musst du dich melden."
Sinne beeilt sich und versteht unterdessen überhaupt nichts. Sie hätte doch viel früher aufwachen können? All das nutzlose Warten auf dem Steg, und währenddessen klingelt hier längst ein Wecker. Nun hat sie keine Zeit, sich zu waschen, ausgerechnet an einem Tag wie heute. Was kümmert es sie auch! Als ob Toran eine saubere Frau verdient, wenn er tun wird, wovor sie solche Angst hat.
Und dieser Plan, den sie hatte, ihn zu verführen, damit er sie nett findet und sie eine gute Beziehung aufbauen können? Wozu? Damit dieser durchgeknallte Toran die Krone übernehmen und sich beim Regieren des Landes zum Narren machen kann? Von wegen. Soll er doch sehen, wo er bleibt. Sollen sie alle sehen, wo sie bleiben. Wozu gibt sie sich die ganze Mühe, während der Rest auch nicht einen Zentimeter mithilft! Nicht einmal ein kleines bisschen...
Sie ist enttäuscht und müde, als sie sich zum Lagerdienst Sanitär meldet. Toran sitzt wieder mit dem Rücken zu ihr und hebt lediglich den Finger als Zeichen, dass er sie registriert hat. Kein Wort, kein Zeichen des Erkennens. Sie hat ihn nicht einmal sehen können, dort im Halbdunkel seines Zeltes. Toran und Toran. Die können sich die Hand geben. ‚Idioten', denkt sie.
Sie schuftet sich durch die ersten vier Toilettenblöcke und merkt dann, dass sie Hunger hat. Das sorgt sofort für einen Knoten in ihrem Magen, es bedeutet, dass sie in Sektion 6 angekommen ist...
Sie schaut sich um und sucht nach ihm. Er ist offensichtlich noch nicht da. Sie setzt sich dorthin, wo sie zuvor auch ihr Mittagessen gegessen hat, auf eine kleine Absperrung der Sektion. Sie will ihre Tüte mit Essen hervorholen und bemerkt dann, dass sie heute Morgen keine Zeit hatte, etwas für mittags einzupacken. Als ob sie einen Bissen hinunterbekommen würde, denkt sie bitter.
Sinne erstarrt, als sie Schritte hört. Toran hat einen Hut auf und tippt daran als Gruß. Hm, das ist merkwürdig. So kennt sie ihn überhaupt nicht. Es wirkt beinahe wie eine respektvolle Art zu grüßen, wie früher ein Herr eine Dame begrüßte. Sie steht auf und wagt es nicht hochzuschauen.
„Kommst du mit, Kleine?", fragt er freundlich. Sie schaut ihn nun an und dann sofort wieder auf ihre Füße. Was ist mit diesem Mann geschehen? Er hat tatsächlich ein Lächeln im Gesicht und eine sympathische Ausstrahlung. Vielleicht hat er vor dem Spiegel geübt, denkt sie.
Sie wischt die Hände an ihrer Schürze ab und schämt sich für ihr Äußeres. Sie sieht aus wie eine Schlampe und riecht nicht viel besser. Es sollte ihr gleichgültig sein, aber trotzdem kriecht die Unsicherheit hoch. Toran hingegen wirkt gepflegt, eine auffällige Verwandlung im Vergleich zu einer Woche zuvor. Gibt er sich Mühe, besser auszusehen? Sinne wird nicht klug daraus.
Sie geht hinter ihm her in Richtung Waldrand und schaut sich mit einem Frösteln um. Hier ist keine Menschenseele zu entdecken. Die Männer werden wohl wieder bei der Arbeit sein. Wenn sie schreit, wird wahrscheinlich niemand sie hören, und wer es dóch hört, traut sich ohnehin nicht in den Wald. Was für eine aussichtslose Lage das ist. Und wieder muss sie sich eingestehen, dass sie ein dummes, dummes Mädchen gewesen ist mit naiven Plänen und nun die Folgen tragen darf.
Einmal über den ersten Rand der Bäume hinaus, entdeckt Sinne, dass es hier ziemlich dicht bewaldet ist, und sie kann gar nicht anders, als sich umzuschauen und zu genießen. Die Blätter rauschen leise, und das Licht fällt in Strahlen durch das dichte Blätterdach. Es ist wunderschön hier, stellt sie fest. So lange ist es her, dass sie die frische Luft von Bäumen einatmen durfte, und sie saugt den Duft tief in ihre Lungen. Es tut ihr einfach gut, und ihre Stimmung hellt sich merklich auf.
Dennoch ist sie hier mit íhm, und sie hat keine Ahnung, wohin er sie mitnimmt in diesem beeindruckenden Wald. Sie fühlt sich wie Rotkäppchen. Nachdem sie eine Weile schweigend hinter ihm hergetrabt ist, verlangsamt er seinen Schritt und gibt ihr mit einer Geste zu verstehen, dass sie neben ihm gehen soll. Sie tut, was er verlangt, und nebeneinander wandern sie noch eine Weile schweigend weiter.
Nach einiger Zeit bricht Toran das Schweigen. „Ich weiß, was du von mir denkst, Kleine, und du hast recht, es stimmt alles und es ist wahrscheinlich noch schlimmer. Ich werde dich nicht ermüden mit allem, was ich auf dem Kerbholz habe, die Liste ist lang, und wir hätten beide nichts davon. Das ist auch nicht der Sinn der Sache, aber..." Toran stockt, und Sinne schaut verwirrt zur Seite. Ist er etwa unsicher?
„Frag mich nicht wie", fährt er mit leiser Stimme fort, „es sieht so aus, als hätte ich kürzlich eine Schublade geöffnet, in der mein Gewissen lag, und jetzt habe ich keine Ahnung, was ich damit anfangen soll!" Toran klingt wie ein kleines Kind, dem eine zu komplizierte Rechenaufgabe vorgelegt wurde. Allerlei widersprüchliche Gefühle steigen in Sinne auf, und sie gerät davon durcheinander. Hat sie etwa Mitleid mit ihm? Trotzig reckt sie das Kinn und versucht, sich nichts anmerken zu lassen.
„Ich sehe dich denken — was habe ich damit zu tun? — und das ist dein gutes Recht. Du bist mir nichts schuldig, aber vielleicht ist einem verwirrten Mann zuzuhören besser als Pinkelbecken zu putzen?" Er schaut sie kurz an, und sie hebt lediglich eine Augenbraue. Er räuspert sich, und die Ratlosigkeit tropft ihm vom Gesicht.
„Dieses Gewissen kommt ganz unvermittelt wie ein Teufel aus der Schachtel, und das, während ich mich schuldig gemacht habe an..." Toran bricht ab, schüttelt den Kopf. Er tritt einen Stein weg, der über den Waldboden rollt und an einem Baumstamm zum Stillstand kommt. Der innere Kampf steht ihm ins Gesicht geschrieben.
„Wie soll ich damit umgehen?" Er zieht einen Ast von einem Strauch, bricht ihn ziellos in kleinere Stücke. „Ich empfange Befehle von einer Königin, die ich nie zu Gesicht bekomme." Knack. Der Ast bricht. „Ich trage denselben Namen wie der König, der den Verstand verloren hat." Knack. Noch ein Stückchen. „Und das alles wäre noch zu verkraften..."
Ein Vogel schießt über ihre Köpfe, lässt Toran aufblicken. Er holt tief Luft, versucht, seine Frustration zu bändigen.
„Bis vor ein paar Tagen war alles ein vager Nebel: eine in Dunkelheit gehüllte Welt der Angst und Wut, der Vergeltung und Maßlosigkeit, des Chaos und der Hässlichkeit. Mir fehlen die richtigen Worte dafür, aber das ist... war... meine Welt bis vor Kurzem. Klein, stickig, ohne jedes Mitspracherecht und auch ohne das Verlangen danach. Ich tat schlicht, was man mir auftrug. Nichts und niemand konnte mich berühren. Frag mich nicht warum. Seit Kurzem berührt es mich also doch, während die Befehle noch genauso gnadenlos sind wie zuvor. Sonst hat sich nichts verändert, die Welt ist genauso aussichtslos wie vorher. Nur kann ich nicht mehr aufhören zu grübeln, zu zweifeln, mich zu schämen, zu bereuen, und immer wieder in den Spiegel zu schauen, nur um dort einen gewaltigen Idioten zu sehen, der Dinge tut, die nicht zu vereinbaren sind mit dem Gefühl, das ich dabei habe. Und zu allem Überfluss fehlt mir ein großes Stück meiner Erinnerung! Wer bin ich überhaupt? Ich kann es dir nicht sagen. Mehr noch, ich weiß nicht einmal, wer meine Eltern sind!"
Die Erzählung gerät bei diesen Worten ins Stocken. Dieses Wissen schmerzt ihn zutiefst. Es ist sichtbar, und Sinne wird davon berührt, vor allem weil sie die Antwort auf seine Frage kennt. Es fühlt sich ziemlich scheinheilig an, hier zu stehen und über diesen Mann zu urteilen, der selbst keine Ahnung hat, dass er gefangen genommen wurde. Er lebt wie in einer Höhle, sieht Schatten an der Wand und glaubt, dass er mit der Welt um sich herum interagiert, während diese in Wirklichkeit so viel größer ist. Er hat keine Ahnung von seiner eigenen Reichweite.
Als hätte er ihre Worte in seinen Ohren nachhallen hören, fährt er fort: „Ich weiß nichts über mich selbst, meine Herkunft, wie ich aufgewachsen bin, warum ich hier bin und vor allem warum ich tue, was ich tue. Ich kann keine Erklärung dafür finden, merke aber, dass ich es anders machen will und mich dann wahrscheinlich besser fühle. Nur kánnn ich nicht anders, weil sie es niemals zulassen würden. Ich bin, wo ich bin, weil ich ohne zu fragen gnadenlos sein kann. Ich bin ein besteuerbares Monster!" Toran schaut kurz weg. Die Stille übernimmt, und Sinne beißt sich auf die Lippe. Beinahe unhörbar murmelt er: „...ich wár ein besteuerbares Monster." Seine Stimme klingt verzweifelter, als er fortfährt: „Jetzt bin ich ein ungelenktes Geschoss! Ich führe Befehle aus und könnte danach heulen. Heulen! Warum? Warum muss ich auf einmal heulen, während ich das nie getan habe?"
Sinne atmet leise aus und hat nicht einmal bemerkt, dass sie die Luft angehalten hatte. Der Mann vor ihr leidet. Sie kommt nicht umhin anzuerkennen, wie groß das Leid ist, und fühlt Mitgefühl. „Aber gut, kleine Landstreicherin. Ich muss etwas tun, um meinem Schuldgefühl einen Platz geben zu können und nicht durchzudrehen. Deshalb will ich bei dir beichten... oder so etwas Ähnliches..."
Sinne dachte kurz, sie hätte ihn falsch verstanden, aber dem ist nicht so. „Ein Kollege hat mir vor nicht allzu langer Zeit davon erzählt. Es ist eine Art, Buße zu tun und dann weitermachen zu können. Weil niemand erfahren darf, in welchem Zustand ich bin und wie meine Buße aussieht, habe ich beschlossen, es bei dir zu tun. Und wenn ich sage, dass niemand davon erfahren darf, dann meine ich, dass NIEMAND davon erfahren darf. Wenn irgendjemand auch nur ein Wort mitbekommt von dem, was du und ich besprechen, dann wirst du danach mit niemandem mehr irgendetwas zu besprechen haben, verstanden? Wie das aussieht, überlasse ich deiner lebhaften Fantasie. Ich vertraue darauf, dass du die hast", und plötzlich grinst er, während er diese letzten Worte ausspricht.
Aus heiterem Himmel steht da wieder ein Mann vor ihr, der weiß, was er will und wie er es anpacken muss. Ein Mann, der das Aussprechen von Drohungen nicht problematisch findet und schon gar nicht ihr gegenüber, offensichtlich. Sinne nimmt das einigermaßen gelassen hin. Sie hatte erwartet, inzwischen mit Rissen in der Kleidung und Schlamm im Haar in einem Wald zurückgelassen worden zu sein, aus dem niemand zurückkommt. Da ist dies ein Glücksfall, wenn auch ein höchst absurder.
„O, und denk nicht, dass ich dich plötzlich mag... Ich respektiere deinen Mut, und ich verstehe, dass du kämpfst für das, was du wert bist. Nach unseren Spaziergängen und Gesprächen vergisst du alles, was ich dir gesagt habe. So einfach ist diese Abmachung. Noch etwas: überleg dir, was ich für dich tun kann, damit ich nicht bei dir in der Schuld stehe. Das ist mir nämlich zuwider."
Sinne zuckt mit den Schultern. „Du setzt mich unter Druck, bedrohst mehr oder weniger meinen Zeltkameraden, du hast eine lange Liste von Befehlen, und du magst mich nicht, dennoch willst du mir hier etwas dafür zurückgeben. Das verstehe ich nicht so recht, aber ich werde darüber nachdenken."
„O, und ich weiß nicht, wie unsere Gespräche aussehen werden, aber ich lege keine Worte auf die Waagschale. Das geht bei mir nicht. Ich sage, was mir in den Sinn kommt, und damit musst du dann zurechtkommen."
Sie streicht sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. „Und noch etwas..." Und Sinne lässt eine eindrucksvolle Stille eintreten: „Ich mag dich auch nicht. Was mich betrifft, haben wir das Spielfeld nun einigermaßen geebnet."
Toran spannt den Kiefer und schaut sie durchdringend an. „Du bist ein Spaßvogel, großartig", sagt er erschöpft. „Das kann ich jetzt auch noch gebrauchen."
Sie gehen eine Weile schweigend weiter, wobei Sinne sich nicht wohler fühlt.
„Ich kann nicht einfach so etwas über mich erzählen", teilt er plötzlich mit. „Das habe ich noch nie getan. Du musst mir schon Fragen stellen."
Ah, das hatte er auch noch nicht erwähnt. Du meine Güte, das wird immer verwickelter. Welche Fragen soll sie ihm denn stellen?
„Spielt es eine Rolle, welche Frage ich stelle, und bekomme ich dann eine ehrliche Antwort?" Er zögert kurz und sagt dann ja. „Eine ehrliche Antwort bekommst du, sonst ist es keine Beichte, oder?" Sinne nickt. Das stimmt.
„Hast du dich jemals gefragt, warum du keine Erinnerung hast, die weiter als ein paar Jahre zurückreicht?" Sinne beißt sich auf die Lippe, denn das interessiert sie brennend. Er schaut sie an und zuckt mit den Schultern.
„Ehrlich? Nein, das habe ich nicht, das heißt..." Torans Hand geht zu seiner Stirn und reibt an seinen Schläfen. „Bis vor Kurzem eben. Ich wünschte, ich könnte dir erzählen, warum alles davor in so einen dichten Nebel gehüllt zu sein scheint. Zum Beispiel mein Handeln der letzten Jahre, und glaub mir, ich versuche nicht, es mir leicht zu machen, aber es ist, als hätte ich dem als Außenstehender zugesehen. Gleichzeitig bin ich mir mehr als bewusst, dass ich selbst diese Handlungen ausgeführt habe."
Sinne ist beeindruckt, wie Toran sich auszudrücken vermag. Sie hielt ihn für eine oberflächliche, nichtssagende Figur, aber jetzt entdeckt sie eine überraschende Tiefe, die an den Toran auf Omaria erinnert.
Es ist so ein sonderbarer Umstand, diese voneinander getrennten Torans, die beide ein Leben führen, als wären sie zwei verschiedene Personen. Sie muss sich bewusst bleiben, dass Omaria nicht wirklich ist. Nur Torans Geist weilt dort, ein Teil davon... Der andere Teil scheint in einem verwahrlosten Körper zu erwachen, der die ganze Zeit von einer Königin gesteuert wurde, die ihm an den Kragen will. Sie hat Mitleid mit ihm. Von wegen, dass sie sich dávon auch nur das Geringste anmerken lassen wird.
„Das Grübeln darüber, warum ich getan habe, was ich getan habe, wobei es größtenteils Befehle waren, die ich ausgeführt habe, ist das, was mich nachts wach hält", erzählt Toran stoisch, womit er Sinnes Gedankengang unterbricht. Sein Gesichtsausdruck und seine Haltung scheinen im Widerspruch zum Inhalt seiner Worte zu stehen. Sie hat längst erkannt, dass er ein Meister darin ist, seine Gefühle zu verbergen.
Irgendwo in der Tiefe seines glasigen Blicks glaubt sie, seine Verzweiflung gespiegelt zu sehen und die Enttäuschung. Oder gibt sie Toran zu viel Kredit. Was sie mit Sicherheit weiß, ist, dass sie Informationen über ihn hat, die er selbst nicht hat, und das fühlt sich ungerecht an, aber sie kann sie jetzt noch nicht bei ihm loswerden. Er würde sie für verrückt erklären, und damit wäre sie von einem Moment auf den anderen eine ungeeignete Gesprächspartnerin. Dieses Risiko will sie nicht eingehen.
Diese Abmachung ist geradezu kurios, aber es ist auch ein Strohhalm, an den sie sich klammert. Dieser Deal ermöglicht es, das Leben zusammen mit Tonio vor Ort zu verbessern, aber mehr als das spürt sie einen Schimmer Hoffnung auf etwas Besseres in der Zukunft... Wie, das kann Sinne noch nicht überblicken. Sie will daran glauben, denn was bleibt sonst übrig? Schritt für Schritt, denkt sie bei sich. Nicht voreilig sein.
Sie weiß nun, was sie im Gegenzug für diese Gespräche mit Toran verlangen kann: besondere Fürsorge für Tonio. Sein Leben darf ruhig etwas behaglicher werden. Eine Lesebrille zum Beispiel wäre kein überflüssiger Luxus für diesen alten Mann. Sie wird es Toran später vorlegen.
An diesem Nachmittag redet sich der Lagerführer gehörig alles von der Seele. Er spricht über den Zusammenhang, den er nicht versteht, auf den er keinen Zugriff bekommt. Sinne weiß warum. Er erzählt von seiner Vergangenheit, an die er sich nicht erinnern kann, als käme er von einem anderen Planeten. Sinne weiß warum.
Immer wieder muss sie sich auf die Zunge beißen, und das nagt an ihr. Es ist ihr klar, warum er diese Gespräche braucht. Er verirrt sich in seiner Unwissenheit und wird frustriert, weil es so viele Lücken gibt, dass er das Ganze nicht zusammenfügen kann. Er muss Dampf ablassen, sonst dreht er wahrscheinlich durch.
Sinne hmmt nach Herzenslust. Ein Hmm hier und ein Hmm da. Und mehr ist an diesem Nachmittag offenbar nicht nötig.
Als sie am Ende des Tages ihr Essen und Trinken abholt, stellt sie fest, dass es ein recht angenehmer Nachmittag gewesen ist. Sie musste zum Beispiel nicht weiter putzen, denn eigens dafür hat er sie für die kommenden Nachmittage vom Dienst befreit. Sie hat einen erfrischenden Spaziergang im Wald gehabt (und ist auch wieder aus dem Wald herausgekommen!). Sie durfte einen intelligenten Gesprächspartner zu seinem Leben befragen (und er hat sie mit keinem Finger angerührt!).
Alles in allem ein gutes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass sie sich im Vorhinein etwas ganz anderes davon vorgestellt hatte. Wer hätte das gedacht? Und sie lacht innerlich. Und als Zugabe zu diesem unerwarteten Glücksfall wird Toran sich auch noch um Hilfsmittel und besondere Fürsorge für Tonio kümmern.
Zurück im Zelt nimmt Tonio dankbar das Essen an, und das vergrößert das gute Gefühl über den Tag und die Arbeit im Allgemeinen. Sie kann jetzt so viel besser als vorher für Tonio sorgen. Er ist munter, stellt sie fest, und hat seine Zeichensachen wieder auf dem Tisch liegen. Das kommt in letzter Zeit öfter vor, und es tut ihr gut. Auch jetzt wieder kämpft er mit Linien, wobei er die Zungenspitze zwischen den Lippen hervorstreckt. Sie muss lachen. In dieser Hinsicht ist er noch immer zehn Jahre alt und keinen Tag älter, völlig unschuldig und unbefangen in seinem Ringen mit den Materialien.
Tonio geht ganz darin auf, verliert sich darin. Ob alte Menschen das genauso gut können wie junge Kinder, fragt sie sich. Ach, was weiß sie schon. Sinne setzt sich aufs Bett und schaut dem Geschehen am Papptisch zu. Er nimmt sich nicht einmal die Zeit zum Essen, so sehr geht er in dem auf, was er tut. Er wird es nicht stehen lassen, das weiß sie, aber es sagt doch viel über die Situation, in der sie sich plötzlich befinden.
Und tatsächlich, etwas später sitzen sie zusammen gemütlich beim Essen, Tonio zeichnend... und summend. Wahrhaftig. Sie spürt das Lächeln um ihre Lippen. Das Leben ist für einen Augenblick gut. Diesen kleinen Moment in der Zeit dürfen sie genießen. Weit weg in ihren Gedanken wird ihr bewusst, dass sie Toran dafür zu danken hat.
14. TIEFERE VERBINDUNGEN
Am nächsten Morgen klingelt der Wecker wieder früh, aber trotzdem fühlt sie sich ausgeruht. Sie hatte ein paar Schlummerträume, an die sie sich nicht mehr erinnern kann, und genau so will sie es gerne. Keine stürmischen, abenteuerlichen Nächte, gut ausruhen, tief schlafen und vor allem bei der Sache bleiben tagsüber.
Denn was hier im Gange ist, ist alles andere als harmlos. Sie begreift, dass es gefährlich ist, extrem gefährlich, und nicht nur für Tonio und sie selbst, nun also auch für Toran, der ein großes Risiko eingeht, indem er sie, eine Lagerbürgerin, ins Vertrauen zieht. Sollten andere Wächter Wind davon bekommen, hätte das weitreichende Folgen für alle. Es wird das Klima im Lager nicht verbessern, und Regeln werden noch strenger durchgesetzt werden, wenn dies herauskommt. Der große Chef, der sein Ventil bei einem Lagermädchen findet; ausgerechnet sie, die auf der Liste der Problemkampbewohner steht. Sie muss also aufpassen und vor allem den Kopf nicht über die Oberkante hinausstrecken.
Während sie sich für den Tag fertig macht, sieht sie Tonio schon wieder an seiner Zeichnung arbeiten. Er hat es schwer, weil es so dunkel im Zelt ist. Trotzdem hält ihn das offenbar nicht ab. Es ist angenehm, dass er etwas hat, womit er sich an den langen Tagen beschäftigen kann und worüber er sich freut. Sie grüßt ihn kurz und geht dann ins Zentrum zur Dienstmeldung.
Einmal in Torans Zelt angekommen, muss sie warten. Es ist unruhig, zwei Kommandanten stehen mit Toran zusammen und starren ausgiebig auf etwas und regen sich sichtlich mächtig auf. Der Chef zuckt die Schultern und schaut ernst. Sie bleibt ruhig in der Ecke stehen und macht sich so klein wie möglich. „Landstreicherin!", brüllt er aus der Ecke, „Nimm deine Sachen und an die Arbeit!", und damit ist das Gespräch beendet. Sie dreht sich rasch um und geht zum Vorratsschrank.
Sektion 1 bis 3 und danach der Fußweg in die Abgeschiedenheit und den Wald. Sie weiß nicht warum, aber sie ist aufgeregt. Das Wort Vorfreude wäre zu hoch gegriffen, aber sie stellt fest, dass sie neugierig ist auf diesen Mann, vor allem neugierig darauf, was er mit der Verantwortung des Selbstbestimmens anfangen wird.
Denn es sieht so aus, als hätte er das nun, Selbstbestimmung. Es scheint, als träfe er seine eigenen Entscheidungen und nicht mehr von innen heraus gesteuert werde durch etwas anderes (wovon nur Sinne weiß, dass es ein Zauberspruch gewesen ist). Wie ist es so weit gekommen? Das fragt sie sich, und was für ein Mann ist er eigentlich, wenn er nicht mehr in den Fängen von Mara, der Hexe, steckt.
Wird er das Richtige tun wollen (was auch immer das genau sein mag), und ist es in seiner Position möglich, das Ruder herumzureißen? Ein Stück Kontrolle fehlt ihm natürlich, denn ganz vollständig kann er nicht sein, solange Toran auch noch auf Omaria herumfliegt. Die Erinnerung daran... sie spürt das Unbehagen in ihrem Körper.
Wie unangenehm war es, wie Toran sich ihr gegenüber benommen hat! Sein aufdringliches Gehabe tut der einst so entspannten Atmosphäre auf Omaria keinen Gefallen. Es ist nicht verwunderlich, dass sie darauf im Moment überhaupt keine Lust hat. Gleichzeitig spürt sie die Unruhe an sich nagen und kann nicht umhin, sich zu fragen, was mit ihm los ist. Das dárf sie jetzt nicht zu sehr einnehmen. Ihr Fokus liegt eindeutig gerade woanders...
An diesem Morgen schrubbt sie, als hinge ihr Leben davon ab, und ehe sie sich versieht, ist die Vormittagsarbeit getan. Es fällt ihr immer leichter, ihr Körper ist kräftiger geworden, und die Routine hilft. Den Snack für den Mittag isst sie im Gehen auf dem Weg zu Sektion 6, und dort wartet er schon auf sie, leicht verstimmt. Er brummt ihr einen Gruß entgegen, und unmittelbar darauf machen sie sich auf den Weg in den Wald.
Sobald die Bäume sie verdecken und sie außer Sichtweite sind, dreht er sich um. „Ich will dich erst etwas fragen. Weißt du irgendetwas von Protestflugblättern, die durchs Lager gehen?" Sinne schaut ihn überrascht an, und er kann sehen, dass sie keine Ahnung hat. „Vergiss es", murmelt er beinahe unhörbar. Er will offenbar nicht weiter darüber reden.
Während sie gehen, fällt ihr auf, dass er mit dem rechten Fuß nachzieht. „Was ist mit deinem Fuß?", fragt sie dreist. Keine Ahnung, ob solche Fragen auch erlaubt sind, aber es ist raus, bevor sie es merkt. Toran stöhnt. „O, das fällt also auf. Schade. Ich habe gestern kräftig gegen meinen Aktenschrank getreten. Das hätte ich nicht tun sollen, seitdem kann ich nicht richtig darauf stehen. Das geht schon wieder vorbei", und er beschleunigt seinen Schritt, wobei sich bei jedem Tritt sein Gesicht verzieht.
„Toran, ich glaube, dein Fuß schmerzt aus einem Grund. Schneller gehen scheint mir gerade nicht die beste Idee. Gib deinem Fuß Ruhe. Hier, auf diesem Stamm können wir uns gut hinsetzen. Dann wandern wir heute eben nicht?" Toran schaut den Stamm an, als krabbelten Maden darüber, geht dann aber doch sitzen.
„Ich habe so viel Unruhe in mir, dass ich das Sitzen kaum aushalte. Ich werde ganz verrückt davon und will dann irgendwo gegen treten, und naja, davon wird es eben nicht besser, wie du siehst." Es ist mehr als offensichtlich, dass er die Wahrheit spricht. Sein gesundes Bein ist ununterbrochen in Bewegung, und er schaut unruhig immer wieder neben sich und hinter sich.
„Hast du das Gefühl, dass dir jemand auf den Fersen ist?", fragt sie mit einem Nicken zu seinem Bein. „Ähm, ich glaube, so fühlt es sich wohl an. Ich habe keinen einzigen Grund dafür. In meiner Umgebung hat sich nichts geändert, soweit ich weiß, außer mir selbst."
„Denkst du, dass es vielleicht jemandem auffällt, dass du nicht mehr auf Zombie-Modus stehst?" Sinne schaut ihn unter ihren Wimpern hervor an. Es ist eine gewagte Frage von ihr. „Zombie-Modus, so so...", er scheint plötzlich in Gedanken zu versinken, und Sinne gibt ihm etwas Zeit, bevor sie leise räuspert, um ihn wissen zu lassen, dass sie noch da ist. Toran schaut sie von der Seite an.
„Es kommen langsam immer mehr Bruchstücke von Informationen bei mir an. Ich habe keine Ahnung, woher sie stammen, und meistens kann ich mir keinen Reim darauf machen! So hatte ich gestern plötzlich ein Bild im Kopf von dir, wie du mitten in einem See herumtriebst", und er schaut dabei etwas unglücklich drein. Dabei lacht er wie ein Bauer mit Zahnschmerzen.
„Es ist offensichtlich Unsinn, aber es fühlt sich nicht wie Unsinn an. Und das ist erst die Spitze des Eisbergs. Ich habe Visionen von Welten, die gar nicht existieren, und Situationen, die unmöglich sind! Verstehst du? Es ist alles Fantasie, unwirklich, ein Tagtraum bei hellichtem Tag. Ich fürchte, das sind die ersten Anzeichen von Wahnsinn. Nachts werde ich davon verfolgt. Ich schlafe kaum und versuche, diese Bilder zu unterdrücken, aber sie kommen immer wieder: Fetzen von etwas, das nie existiert hat, zusammenhanglos und absurd..." Die Worte bleiben ihm im Hals stecken...
Sinne hat ihm die Hand auf den Arm gelegt, als Beruhigung. Er schaut auf ihre Hand und wieder zu ihr. Sinne zieht sie rasch zurück und fragt sich, woher diese Geste auf einmal kam. Wie unpassend, verflucht sie sich selbst. „Danke", sagt er leise.
Sie bleiben schweigend sitzen. Im Stillen fragt sie sich, wann jemand diesen Mann zum letzten Mal liebevoll berührt hat. Er kämpft mit Dämonen, deren Ursprung er nicht begreift, verletzlich und verloren.
Sie brennt darauf, ihre Erkenntnisse mit ihm zu teilen, aber Angst hält sie zurück. Er kann kaum seine eigenen bruchstückhaften Erinnerungen fassen und lacht seine Verwirrung weg, indem er sich selbst für wahnsinnig erklärt. Was würde er erst denken, wenn er ihre Geschichte hörte?
Sie schaut noch einmal zur Seite und sieht einen geschlagenen Mann. Und doch kann sie nicht leugnen, dass er trotz allem immer mehr Ähnlichkeiten aufweist mit dem Toran, den sie auf Omaria kennengelernt hat. Seine Erzählungen berühren sie, was angesichts ihrer gemeinsamen Geschichte nicht verwunderlich ist. Der Toran auf Omaria hat schließlich einen Platz in ihrem Herzen erobert.
Der Mann neben ihr ist unverkennbar dieselbe Person, wenn auch unter völlig anderen Umständen. Sie muss sich einschärfen, stark und wachsam zu bleiben. Sinne weigert sich, Mitgefühl zu empfinden für diese Person, die selbst keinerlei Mitleid zeigt mit wem auch immer und allen im Lager die Daumenschrauben anzieht.
Wenn sie ehrlich ist und an ihre letzte Begegnung mit ‚ihrem' Toran zurückdenkt, dann ist auch das Bild des überwältigend schönen und tapferen Mannes aus Omaria, der auf Drachen fliegen kann, ins Wanken geraten. Sie weiß es alles nicht mehr, und dann ist es besser, auf der Hut zu sein.
Zu Hause sitzt Tonio schon wieder gebeugt über einer Skizze. Sinne kann ihre Freude darüber nicht länger zurückhalten. „Wie toll, dass du so schön beschäftigt bist! Du darfst gern das Papier aus meinem Tagebuch verwenden, wenn du möchtest, ja? Ich komme schon an neues Papier. Heutzutage bekomme ich ja hin und wieder etwas hin", und sie zwinkert Tonio zu. Er bedankt sich flüchtig und hat seinen Kopf dann schon wieder in der Zeichnung.
Sinne ist enorm neugierig auf das, was er bis jetzt gemacht hat, aber sie will ihm nicht auf die Pelle rücken. Er zeigt es ihr, wenn er so weit ist. Sie packt das Essen aus und winkt Tonio herbei. „Wollen wir heute Abend zusammen essen?"
Tonio murmelt Unverständliches.
„Tonio?"
„Äh ja, warte, ich komme gleich", woraufhin er wieder ganz und gar von seiner Arbeit vereinnahmt wird und vom Erdboden verschwindet.
Sinne muss lachen. „Schon gut." Sie fängt an zu essen und lässt ihre Gedanken über den Tag schweifen. Die besonderen Tage häufen sich zusehends. Die Gespräche mit Toran sind sehr persönlicher Art, und das gibt ihren Begegnungen etwas Vertrautes. Er ist offen und ehrlich ihr gegenüber, und es erstaunt sie, wie leicht ihm das fällt. Sie versteht zwar, dass er es loswerden muss und sonst niemanden hat, und trotzdem fühlt sie sich auf eine unangebrachte Weise geschmeichelt.
Ihre Gespräche verlaufen angenehm. Toran ordnet seine Gedanken, indem er laut spricht, und ist offen für Sinnes Beiträge. Die Angst tritt in den Hintergrund, auch wenn sie auf der Hut bleibt. Seine undurchdringlichen Blicke lassen sie zuweilen zweifeln, aber ihr wird bewusst, dass auch er überrascht ist über ihre wachsende Verbundenheit.
Sinnes Theorie scheint zu stimmen: Wenn Toran sein Gefühl erreicht, findet er sich selbst wieder. Sie macht sich Sorgen, ob er dem gewachsen ist, fühlt sich aber bestärkt darin, dass sie für ihn da sein kann. Sie ist fest entschlossen, ihn hindurchzulotsen, in dem Wissen, dass sich hinter der Verzauberung ein besonderer Mensch verbirgt. Sie hofft, dass er als verantwortungsvoller Anführer daraus hervorgehen wird, ist sich aber bewusst, dass es kein leichter Weg sein wird.
Wieder eine Nacht gut geschlafen und rechtzeitig aufgewacht. Sinne fühlt sich bestärkt in ihrer Entscheidung, Omaria eine Weile nicht aufzusuchen. Trotzdem vermisst sie es, vermisst sie Toran. Sie hofft, dass er es versteht, sobald sich die Gelegenheit ergibt, ihm alles zu erzählen.
Tonio war wieder früh wach gewesen und hatte sich sofort an seine Zeichnung gesetzt. Sie hatten in letzter Zeit wenig miteinander gesprochen. Gestern, nach dem Essen, konnte sie ihm eine Lesebrille überreichen, die sie unten in der Tasche gefunden hatte, in einem eigens dafür entworfenen Etui. Es war kein billiger Kram, das sah sie sofort. Wahrscheinlich hatte sie einmal irgendeinem hohen Tier gehört, das nicht mehr unter den Lebenden weilte.
Wie auch immer, in dem Moment traute sie ihren Augen nicht! Wie Toran das hineingesteckt hatte, ohne dass sie es bemerkte? Und Tonio! Er war sprachlos, gerührt sogar. Er hatte die Brille sofort aufgesetzt und nach eigener Aussage ging ihm eine Welt auf. Es war ein schöner Moment, und wieder durchströmte sie eine Welle der Dankbarkeit. Noch so ein unvergesslicher Augenblick dazu. Die würde sie von nun an sammeln.
Danach hatte Tonio sich, wo immer möglich, mit noch größerer Hingabe in sein Zeichnen gestürzt, wodurch ihr Austausch auf ein Nichts zusammenschrumpfte. Sinne hat kein Problem damit. Sie freut sich für ihn. Außerdem hat sie nur Sachen zu besprechen, die sie mit niemandem besprechen dárf, umso einfacher ist es, sich nicht zu verplappern.
Sie tritt vor die Tür und geht diesem Tag tatsächlich mit wenig Widerwillen entgegen. Vielleicht freut sie sich sogar darauf, Toran später zu sprechen, auch wenn sie sich das nicht eingestehen will.
Bei Sektion 1, wo sie immer mit dem Sanitär anfängt, gibt es einen kleinen Auflauf. Wie kann das sein? Um diese Zeit ist hier sonst nie jemand. Die Leute sorgen stets dafür, dass sie sich so wenig wie möglich in den öffentlichen Bereichen aufhalten, weil es oft Ärger mit den Lagerwächtern gibt. Aber nun stehen dort einige Männer und diskutieren lautstark miteinander. Sobald sie Sinne sehen, verstummt das Gespräch. Einer der Männer wirft dem anderen noch einen scharfen Blick zu, aber dann verdrücken sie sich nach Hause.
Sinne ist schon erleichtert, denn einen Zwischenfall mit Männern, die solches Feuer in den Augen haben, danach steht ihr am frühen Morgen nicht der Sinn. Was heißt, danach steht ihr eigentlich nie der Sinn. Sie fragt sich allerdings schon, worum der Aufruhr ging.
Während sie eifrig die Becken schrubbt und die Wände putzt, bedenkt sie, dass es vielleicht noch merkwürdiger ist, dass sie nicht öfter aufgebrachte Leute zusammenkommen sieht. Es gibt genug, worüber man wütend sein könnte, findet sie. Aber die Menschen hier sind im Allgemeinen fügsam. Nein, zahm ist das richtige Wort. Sie lassen sich die Regeln diktieren und laufen brav im Glied. Alles, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Verständlich auch, denn abweichendes Verhalten kostet einen immer mehr, als man dafür aufbringen will, nicht zuletzt dank Toran und seinen oft radikalen Sanktionen.
Sie hat den Boden geschrubbt und ist so gut wie fertig, als sie versehentlich gegen ihren Eimer tritt. „Mist!", wie ungeschickt. Es gibt ohnehin so wenig Wasser, und jetzt muss sie zurück, um neues zu holen. Während sie den Eimer aufhebt und ihre Tücher zusammensammelt, sieht sie zu ihrer großen Freude ein kleines, liebes Blümchen, versteckt hinter einer Holzabsperrung.
Du meine Güte, was macht die denn hier, fragt sie sich. Wie überlebt sie unter den rauen Bedingungen in diesem Lager? Kein Wasser, nur Sonne und Trockenheit. Erst ab Sektion 6 wird es etwas grüner. Dort sind es hauptsächlich die Ausläufer des nahe gelegenen Waldes. Aber ansonsten ist im ganzen Lager kein Pflanzenleben zu entdecken. Es ist hier schlicht nicht der Lebensraum dafür.
Bemerkenswert, entscheidet sie und gießt den letzten Rest Wasser, den sie im Eimer noch übrig hat, über das Pflänzchen. „Da schau her, Kleines. Das kannst du bestimmt gebrauchen, denke ich", und sie strahlt, weil sie das Gefühl hat, etwas beigetragen zu haben. Zurück zum Lager für Wasser musste sie ohnehin, und sie geht mit forschen Schritten, damit sie nicht zu weit hinter ihrem Dienstplan zurückfällt.
Später am Tag erreicht sie Sektion 6 etwas zu spät und sieht Toran schon ungeduldig warten. „So hatten wir das nicht abgemacht, kleine Landstreicherin. Ich kann hier nicht so lange sichtbar herumstehen, da fangen die Leute an sich etwas zu denken!" Sinne beißt sich auf die Lippe. „Es tut mir leid, ich hatte ein kleines Missgeschick in Sektion 1 und habe dadurch Zeit verloren." Torans mürrischer Blick verschwindet, und sie bildet sich ein, dass er besorgt schaut. „Heute Morgen gab es Ärger in der Sektion, habe ich von einem Kollegen gehört. Haben sie dich belästigt?" Sinne weiß nicht, was sie denken soll. Macht er sich Sorgen um sie? „Komm, lass uns schnell gehen", gibt sie ihm zu verstehen und erklärt, dass sie die Männer zwar gesehen hat und dass sie verschwanden, als sie ankam. Toran nickt und geht zügig mit.
Einmal im Wald, außer Sicht, dreht er sich um. „Es ist unruhig im Lager. Ich weiß nicht, was genau los ist, aber die Männer finden, dass durchgegriffen werden muss. Ich brauche nur ein Startzeichen zu geben und merke, dass sie mich dafür schief ansehen, dass ich es nicht längst getan habe. Aber was soll man tun? Es sind ein paar aufrührerische Pamphlete im Umlauf, Memes, wie sie es nennen. Ich kann es nicht zurückverfolgen und weigere mich, einfach irgendwelche Leute dafür büßen zu lassen, nur um ein Zeichen zu setzen. Aber genau so handhaben wir es hier, und ausgerechnet jetzt lasse ich, der große Chef in ihren Augen, es schleifen."
„Wenn du wüsstest, wie sehr die Wächter darauf brennen, mal wieder zuzuschlagen. In letzter Zeit war wenig los rund um das Zelt, und die Männer fangen an, sich zu langweilen." Sinne versteht sein Dilemma. Er wird demnächst etwas unternehmen müssen, sonst greift ein anderer vor, und er wird von seinem Alphathron gestoßen. Es ist wie bei einem Wolfsrudel in dieser Hinsicht.
Was für einen Einfluss kann er im Lager haben, wenn er nicht mehr als der Oberanführer angesehen wird? Und was tut Tatuma, wenn sie bemerkt, dass ihr abgerichteter Hund seine falschen Haare verliert? Was, wenn ihr auffällt, dass die Verzauberung gebrochen ist? Uff, sie brauchen wirklich mehr Zeit. Vor allem Toran braucht mehr Zeit, um die Lage zu ordnen.
Sie ist durchaus für einen Aufstand, aber es wäre schön, wenn dieser Aufstand auch tatsächlich etwas einbringen könnte anstatt nur noch mehr Verwundete und Tote. Und mit Toran an ihrer Seite könnte sich das Blatt wenden, aber ohne Toran gibt sie dem nicht die geringste Chance.
„Ich habe da eine Idee", sagt sie. „Darf ich einen Vorschlag machen?" Sie zupft an einer Haarsträhne, was Sinne eine etwas unsichere Haltung verleiht.
Toran nickt bedächtig.
„Vielleicht könntest du eine Art Ringkämpfe organisieren für dein Team. Sie müssen etwas von ihrer Energie loswerden, und das funktioniert hervorragend im Wettbewerb. Es lenkt sie ab und hält sie ordentlich auf Trab. Währenddessen können sie Dampf ablassen." Toran schaut sie mit großen Augen an. Er würde sie beinahe umarmen wollen. Sie hat völlig recht! Schlicht und einfach ein guter Plan! Nur lässt er sich das nicht anmerken. Diese Frau soll bloß nicht denken, dass er auch nur irgendetwas von ihr annimmt. Ér hat die Zügel in der Hand.
„Tja, es ist wohl gut, dass nicht du das Sagen hast im Lager. Frauen!", seufzt er mit übertriebener Betonung und schüttelt den Kopf. Sinne ist fassungslos über seine Reaktion! Was für ein arroganter Mistkerl! Was sie vorgeschlagen hat, ist ein prima Plan. Er hat offenbar keinen Verstand. Sinne platzt beinahe, und Toran sieht es aus der Entfernung geschehen.
‚Was für ein aufgeregtes Hühnchen', denkt er insgeheim genüsslich. Er findet diese Frau auf so vielerlei Art reizvoll, dass es anfängt, ihm wehzutun. Und doch ist das nebensächlich. Er darf seinen Fokus nicht verlieren. Es könnte gefährlich werden, wenn er seine Gefühle für diese Frau zur Schau stellte, nicht zuletzt für sie. Nein, ein typischer Fall von ‚falsche Zeit, falscher Ort', denkt er bitter.
„Ruhig, Frauenzimmer", sagt er, „es ist nicht ganz schlecht. Ich nehme es in Erwägung und damit hat sich's."
Sinne beißt sich beinahe die Zunge ab, aber sie schafft es, eine Entgegnung zu unterdrücken. Dieser Mann saugt ihr das Blut unter den Nägeln hervor. ‚Was ist das bloß mit diesen Torans', denkt sie verärgert.
„Gebannte Leser. Erschreckt nicht, da bin ich wieder... Gebt es zu, ihr hattet mich vergessen... Es sieht so aus, als käme Toran momentan ein wenig zu gut an seine Emotionen heran. So gut sogar, dass er Gefühle für Sinne entwickelt. Sie ihrerseits könnte ihn am liebsten an die Wand klatschen. Es wird noch eine erhebliche Herausforderung für den Lagerführer, seine Gefühle auf allen Fronten im Griff zu behalten... und was treibt Tonio unterdessen? In die Künste vertieft? Tatsächlich...?
Währenddessen spulen wir langsam vor... Die Ringkämpfe nehmen den Männern etwas von dem Druck. Es wird gelacht, gesoffen, einander mächtige Hiebe versetzt und verbrüdert. Die Bürger laufen wieder auf Zehenspitzen, aufgrund ernsthafter Drohungen in unmissverständlichen Worten auf kleinen Flugblättern, die bei geheimen Zusammenkünften die Runde machen. Tonio wirkt nervös auf Sinne, bei der langsam ein Licht aufgeht, aber sie sagt ihm nichts davon. Er hat die Stifte vorläufig wieder unter seinem Bett versteckt, und ihr Tagebuch ist seither nicht dünner geworden. Und dann sind da noch die täglichen Begegnungen zwischen Toran und Sinne. Beide verstecken sich hinter den getroffenen Abmachungen miteinander. Es ist eine hervorragende Tarnung, und keiner von beiden muss die Hosen herunterlassen, denn was hinter der Fassade beiderseitigen Interesses verborgen bleibt, ist... so viel mehr..."
15. DIE UNRUHE WÄCHST
Sinne hat ihren Rhythmus gefunden im täglichen Leben des Lagers. Latrinen putzen ist kein Traumjob, aber sie hat jetzt ein Ziel und, wichtiger noch: Sicherheit in Bezug auf Essen und Unterkunft für sich und Tonio. Sie spürt festen Boden unter den Füßen.
Ihre Gespräche mit Toran im Wald haben sich verändert. Es sind keine Monologe mehr von seiner Seite, sondern echte Gespräche über alltägliche Dinge und tiefgründigere Fragen. Es ist eine unerwartete Gegenseitigkeit entstanden. Sie machen Witze, teilen Einsichten, spüren eine Verwandtschaft, die unter diesen Umständen beinahe ungehörig ist. Trotzdem erlaubt sie sich, in seiner Nähe ein Gefühl von Schutz zu empfinden. Diese aufblühende Freundschaft ist bemerkenswert, aber willkommen.
Trotz ihrer verbesserten Umstände sieht Sinne nach wie vor klar, wie das Lagerleben anderen zusetzt. Menschen gehen tagtäglich gebeugt unter Regeln und Einschränkungen, oft direkt auferlegt von Toran selbst. Er muss nach außen hin der gnadenlose Anführer bleiben, während er nun mit seinem Gewissen ringt über den Schmerz, den er verursacht hat. Sein Spagat wird immer unhaltbarer. Sinne spürt die Spannung sich aufbauen. Diese Situation kann nicht mehr lange Bestand haben, ohne zu zerbrechen.
Sie begreift nur zu gut, dass es für Toran nicht einfach ist. Am liebsten würde Sinne ihm näherkommen, die schwierigen Fragen stellen... ihm eine Umarmung geben. Sie erschrickt über ihren eigenen Gedanken und wird sich dann bewusst, dass sie ihn vermisst. Dieses Gefühl trifft sie wie ein Hammerschlag. Natúúrlich vermisst sie ihn...
Durch all die Aufregung und die harte Arbeit ist sie nicht mehr dazu gekommen, Omaria aufzusuchen, den Ort, an dem ihr guter Freund Toran weilt. Nun überfällt sie ein heftiges Verlangen; nach ihm, nach der Freiheit dort, nach dem Gefühl, dass alles immer wieder anders sein darf anstatt jeden Tag dasselbe. Denn auch wenn es für Sinne behaglicher ist als lange Zeit, ist der Trott umso erdrückender. Das bloße Beschäftigtsein mit der Sicherung der grundlegendsten Bedürfnisse und der Sicherheit drückt ihre Kreativität platt. Sie sehnt sich danach, wieder inspiriert zu werden, aufs Neue im Bann des Unwahrscheinlichen zu stehen. Und wo sonst als auf Omaria wäre das möglich?
Beschlossen. Heute Abend geht sie wieder hin.
Mit Tonio konnte sie ab und zu noch ein Gespräch führen über dies und jenes, aber er ist in letzter Zeit nicht mehr so zugänglich, widerspenstig sogar. Es fühlt sich an, als mache er ihr Vorwürfe.
Sinne ist in Gedanken bei ihrer Reise nach Omaria heute Abend und geht mit ihrem Putzwasser zur nächsten Sektion. Hinter ihr ertönen leise Schritte, aber sie gehen unter in ihrem Gemurmel. Summend setzt sie die Arbeit fort, dank ihrer guten Laune unbeirrt von dem Dreck, den die Lagerbewohner hinterlassen haben; normalerweise hätte sie hier gestanden und über die Sauerei geschimpft.
Wie ein Wirbelwind fegt sie hindurch und setzt im selben Tempo die Arbeit in Sektion 4 fort, sodass sie reichlich Zeit hat, mit ihrem Mittagstütchen unter dem Arm zu Sektion 6 zu spazieren.
In letzter Zeit wartet Toran im Wald auf sie, und sie geht mit sicherem Schritt auf den Rand zu, bis plötzlich eine laute Stimme ertönt, die sie innehalten lässt.
„Wo gehst du hin?"
Sinne schaut sich um und sieht einen Mann mittleren Alters stehen. Soweit sie weiß, hat sie ihn nie zuvor gesehen. Ihr wird schlagartig bewusst, dass sie hier absolut nicht sein darf. Sie ist nachlässig geworden durch die Routine der letzten Zeit mit Toran. Wie dumm von ihr. Der Wald ist ausdrücklich und für jedermann verbotenes Gebiet. Wie soll sie das erklären?
Sie geht ein Stück zurück, damit sie den Mann nicht anschreien muss. Währenddessen arbeiten ihre Gedanken auf Hochtouren, und ihre Stimme klingt weit sicherer, als sie sich fühlt, wenn sie spricht: „Ja, das klingt etwas seltsam, aber im Wald wächst ein kleines Pflänzchen, das sich zum Putzen verwenden lässt. Es wirkt Wunder, besonders bei hartnäckigen Flecken... Ich habe es von meiner Großmutter gelernt."
Der Mann schaut sie spöttisch an, und ihr wird klar, dass er kein Wort davon glaubt.
„Hör zu, Mädchen, ich beobachte dich schon eine ganze Weile, und für jemanden, der ein Pflänzchen sucht, bist du jedes Mal ziemlich lange weg."
Sinne traut ihren Ohren nicht.
„Warum beobachtest du mich?", ruft sie entsetzt aus. „Wer gibt dir das Recht?!"
Der Kerl kommt näher und packt sie am Arm. „Spiel dich nicht so auf, ich kann dich dafür anzeigen, und das weißt du!" Seine Stimme senkt sich zu einem bedrohlichen Flüstern, sein Ton messerscharf.
Sinne reißt sich los, spürt die Angst wie eiskalte Finger an ihrem Rückgrat hinaufkriechen. Was will dieser Raufbold von ihr? Er mustert sie von oben bis unten mit einem Blick, der ihr die Haut kribbeln lässt. „Du siehst gut aus, viel fülliger als viele der Damen im Lager."
Sie tritt einen Schritt zurück, fühlt sich begafft. Wo nimmt dieser Kerl die Dreistigkeit her! Sie zögert keinen Augenblick (denn Angriff ist die beste Verteidigung) und springt in einer blitzschnellen Bewegung auf ihn zu.
Der Angreifer erschrickt, fängt sich aber überraschend schnell. Sein sehniger Körper birgt eine unerwartete Kraft. Er rollt rückwärts und dreht sie geschickt zu Boden, klemmt sie fest mit seinem vollen Körpergewicht. Sinne strampelt wild, schreit ihm ins Ohr und kratzt mit ihren Nägeln überall, wo sie hinreicht.
Der Angreifer gibt nicht auf. Mit einem geschickten Griff fixiert er ihre Handgelenke über ihrem Kopf. Sie versucht verzweifelt, einen Kopfstoß zu geben, zu beißen. Er weicht ihr jedes Mal mit einem Katz-und-Maus-Spiel an Bewegungen aus. Sinne kämpft verbissen weiter, jede Faser angespannt, muss aber nach all dem Widerstand eingestehen, dass ihr Gegner die Oberhand hat.
Sie liegt jetzt stocksteif da und fragt sich, warum er nicht längst versucht hat, ihr Kleid hochzuzerren, damit er gut herankommt. Die Male, die sie dies erlebt hat, unterschieden sich komischerweise kaum voneinander in der Vorgehensweise, als würden die perversen Dreckskerle es einander vormachen. Warum läuft es diesmal anders? Er schaut sie mit zusammengekniffenen Augen an, und Sinne spürt seine Verachtung.
„Du weißt, wie man sich wehrt. Gegen mich kannst du nur nicht gewinnen. Ich habe ein Feuer in mir, das du dir nicht mehr vorstellen kannst, dreckige Überläuferin!", und er spuckt das Wort aus, als wäre es Gift auf seinen Lippen. Sinne stockt der Atem vor blankem Entsetzen, und sie starrt ihren Angreifer, der so nah ist und so viel Abscheu im Gesicht trägt, fassungslos an.
Langsam legt sich der Nebel, und es beginnt ihr zu dämmern... was er möglicherweise beobachtet hat... die Schlüsse, die unausweichlich darauf gefolgt sind... Wie unglaublich naiv von ihr, dass sie mit diesem Szenario nicht gerechnet hat! Natürlich denkt dieser Lagerbewohner, dass sie übergelaufen ist.
„Ich will mit dir lieber nichts zu tun haben. Meine Frau würde mir die Augen aus dem Kopf kratzen, wenn sie sehen könnte, dass ich hier auf dir liege... Du bist nichts weiter als eine ordinäre Hure!"
Sinne schießen die Tränen in die Augen bei dieser Erkenntnis. Denn auf gewisse Weise hat sie sich tatsächlich verkauft, und er sieht es ziemlich klar. Verkauft an den Feind für ein besseres Dasein. Dass er nichts weiß von den dahinterliegenden Motiven, die er ohnehin nie begreifen würde, ändert daran nichts. Dás ist es, wie man sie ansehen wird, wenn es bekannt wird, und was sie stets zu vermeiden versucht hat.
Wie kann sie ihm klarmachen, dass sie auf ihrer Seite steht, der Seite der Hungernden. Er hat verdammt nochmal recht, dass sie neuerdings mehr Fleisch auf den Knochen hat als der durchschnittliche Lagerbewohner. Und sie stöhnt innerlich, weil sie wenig Ausweg sieht in dieser Lage. Der Angreifer drückt sie ruppiger gegen den Boden und fährt fort: „Ich brauche dich leider, und damit hast du alles Glück der Welt. Du wirst mir dein Essen geben!"
Essen. Darum geht es, denkt Sinne. „Dann lass mich los! Darüber können wir in Ruhe reden, das muss doch nicht auf diese Art?", hört sie sich selbst stammeln unter dem Atem dieses wütenden Mannes.
„Ich lass dich gar nicht los! Als ob Frauen wie du vernünftig wären und reden wollten, ha!", ruft er beinahe wahnsinnig aus. Der ausgehungerte Kerl ist rasend, und sie scheint es mit ihren letzten Worten nicht besser gemacht zu haben. „Du wirfst dich auf mich und denkst dann, dass ich dich loslasse? Für wie verrückt hältst du mich? Du hast deine Seele an den Teufel verkauft, und jetzt darfst du die Früchte davon ernten!"
Der Teufel höchstpersönlich erscheint plötzlich hinter dem Mann und packt ihn am Kragen, um ihn in einer einzigen Bewegung von ihr herunterzureißen. Ein tiefes Grollen ertönt aus Torans Kehle, und der Mann liegt Sekunden später ein Stück weiter entfernt mit dem Rücken an einem Zaun und krümmt sich vor Schmerzen. Sinne sieht den besessenen Blick in Torans Augen und fürchtet das Schlimmste. Er macht große Schritte in Richtung des Mannes, der nun hastig versucht, auf die Beine zu kommen, als Sinne schreit: „Nein! Toran, tu es nicht! Bitte!"
Der geschlagene Lagerbewohner schaut von seinem eindrucksvollen Gegner, der aus dem Nichts aufgetaucht ist, zu ihr und wieder zurück zu dem Mann, den er fürchtet. Sein Gesicht ist verzerrt vor Angst. Toran steht mit einem Mal still, und für einen kurzen Moment scheint sich niemand zu rühren, aber dann rappelt Sinne sich auf und geht rasch auf ihn zu.
„Dieser Mann hat Hunger, Toran, und mir geht es gut, er hat mir nichts getan." Sinne zittert am ganzen Leib, und sie sieht den Spott in Torans Augen aufblitzen.
„Nichts! Das nennst du nichts, Kleine! Er lag auf dir, und wenn ich nicht gekommen wäre, dann hätte er wahrscheinlich...", weiter kommt er nicht, und seine Stimme klingt erstickt.
Der Fremde stöhnt nun hilflos, und bevor Toran sich bewegen kann, ist Sinne an ihm vorbeigeschossen und kniet neben ihm. Ihr Herz hämmert noch vor Schreck, ihre Hände zittern, aber etwas an seiner gebrochenen Haltung berührt sie.
Er weicht vor ihr zurück, die Augen wild vor Angst und Hunger.
„Bleib mir vom Leib!", zischt er schwach.
„Ich... ich tue dir nichts an", stammelt Sinne, noch benommen von dem Angriff. Sie zögert, ihr Verstand schreit, dass sie fliehen soll, aber seine eingefallenen Wangen und zitternden Hände erzählen eine andere Geschichte.
Eine lange Stille. Dann, behutsam: „Du hast Hunger."
Der Mann schaut weg, beschämt, nun, da seine Wut verebbt ist.
„Ich verstehe", sagt sie leise, mehr zu sich selbst als zu ihm. „Es ist unfair, wirklich schrecklich unfair. Ich habe in letzter Zeit nur an mich selbst gedacht, mich selbst gewärmt, mich selbst genährt." Die Worte kommen langsam, als begreife sie sie erst jetzt wirklich. „Du hast genauso viel Recht auf Essen und Trinken."
Sie schaut zu Toran, auf der Suche nach... was? Zustimmung? Verständnis? Er steht da und schaut mit verblüffter Miene zu.
„Kannst du aufstehen?", fragt sie den Mann schließlich.
Sie hilft ihm hoch und greift in die Tasche ihrer Arbeitshose. „Ich habe das meiste aufgegessen, aber hier, das ist für dich", und sie reicht ihm die Tüte. „Ich habe mehr für dich, sobald ich meine Vergütung abhole. Ich kann dafür sorgen, dass du und deine Frau heute Abend etwas zu essen haben, ja?"
Der Ausgehungerte stöhnt noch einmal und flucht laut. Sinne sieht die Wut dem Verzweifeln weichen. „Mein Sohn ist krank und braucht Essen, um wieder zu Kräften zu kommen", die Worte hängen schwer in der Luft.
Sinne schaut noch einmal zu Toran um und weiß, dass ihre Abmachung auf der Straße liegt, dass sie beim Kontakt ertappt worden sind und dieser Verzweifelte es wahrscheinlich in kürzester Zeit im ganzen Lager herumerzählen wird. Ihr Blick verrät ihre Gedanken jedoch nicht, sondern ist vielmehr ein stummes Flehen an Toran. Sie hofft auf sein Einfühlungsvermögen, sein Mitgefühl und seine Vergebung und vor allem hofft sie auf die Bereitschaft, diesem Unglücklichen zu helfen, so wie er auch ihr geholfen hat.
Toran weiß offensichtlich nicht, was er mit der Situation anfangen soll, und Sinne wendet sich wieder der Person neben ihr zu. „Ich sorge dafür, dass ihr in der kommenden Zeit regelmäßig zu essen bekommt, damit dein Kind gesund werden kann. Ich verspreche es", und sie streicht sich übers Herz, während sie das Versprechen ausspricht.
Ihr ehemaliger Angreifer schaut sie an mit einem Blick voller Verwirrung. So hatte er sich das keineswegs ausgehen sehen, und er muss sich umstellen auf die Erkenntnis. Die Erkenntnis, dass Sinne keine Hure ist, dass Toran sie beschützt und dass er, wenn er es annimmt, heute Abend Essen für seine Familie hat. Er nickt und gibt Sinne vorsichtig die Hand. „Abgemacht?", bringt er hervor. Sinne schüttelt seine Hand und sagt mit Bestimmtheit: „Abgemacht!"
Sie tauschen noch einige praktische Informationen aus. Sinne verlangt nicht von ihm zu schweigen. Das wäre zwecklos. Wenn der Mann reden will, kann sie ihn nicht daran hindern. Der Verzweifelte verschwindet daraufhin rasch aus dem Blickfeld, und das war es dann, denkt Sinne, wir haben keinen Einfluss mehr darauf, was von nun an geschehen wird.