REISE 1 | DIE NACHTREISENDEN

OMARIA

Xandra Dupper



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ROMAN

Hanzehuis Verlag



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‚Für Heit, der wie kein anderer die stürmischen Gewässer zu befahren wusste'

www.hanzehuis.nl

www.xandradupper.nl

Erste Ausgabe: Merz 2026

Umschlaggestaltung: Robert Dupper

Umschlagillustration: Robert Dupper i.Z.m. Midjourney

Autorenfoto: Hans de Vries

Gestaltung Innenteil: Robert Dupper



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Haftungsausschluss

Dies ist ein Werk der Fiktion. Alle Personen, Orte, Ereignisse und Organisationen in diesem Buch sind erfunden. Die Welt Omaria und alle darin beschriebenen Phänomene sind Produkte der Phantasie der Autorin. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebend oder verstorben, oder tatsächlichen Ereignissen ist rein zufällig.

Dieses Buch behandelt Themen wie Krieg, Gefangenschaft, Sucht und psychologisches Trauma.

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Ausgabe darf vervielfältigt, in einem automatisierten Datenbestand gespeichert oder veröffentlicht werden, in irgendeiner Form oder auf irgendeine Weise, sei es elektronisch, mechanisch, durch Fotokopien, Aufnahmen oder auf sonstige Weise, ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlags.

ISBN 978 90 904 1298 6



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VORWORT

Vier Bilder. Kein Plan, nur Vertrauen.

Dieses Buch begann, wie meine Zeichnungen beginnen: mit einem Gefühl, einer Farbe, einer Bewegung, die Form werden will. Vier Illustrationen lagen auf dem Tisch.

Ich entdeckte ein Schiff, das sich über das Wasser erhob, wo oben und unten kaum voneinander zu unterscheiden waren. Während der Reise, die sich als Schreiben herausstellte, habe ich das Boot umgetauft in 'die Aszension'. Das zweite Bild schien zunächst nur eine abstrakte Form und Restform zu sein, bis ich die Rakete gewahrwurde.

Das allsehende Auge, das zum Auge des weisen Drachen Dali geworden ist, kam als drittes Bild aus meiner kreativen Quelle, und als letztes das verrückte, explodierte, liebreizend anmutende, aber lebensgefährliche Vögelchen: der Rote-Kugel-Vogel. It's all in the name, das wirst du bald entdecken. ;-) Die Bilder verlangten nach einer Geschichte.

Als bildende Künstlerin bin ich es gewohnt, aus der Intuition heraus zu arbeiten. Farbe fließt, wohin sie fließen will. Aber ein Buch? Das hat Kapitel, Chronologie, Charaktere, die konsistent bleiben müssen. Ich entdeckte, dass intuitives Schreiben bedeutet: erst alles entstehen lassen, dann puzzeln, bis es stimmt.

Monatelang schrieb ich, wie Sinne segelt — ohne Kompass, nach Gefühl. Omaria entstand von selbst, das Lager auch. Figuren, die ich nicht eingeladen hatte, spazierten herein. Ich wurde mitgenommen und durfte Schreiberin und Leserin zugleich sein. Eine herrliche Reise, auch für mich. Das Staunen, wenn etwas geschah, das ich nicht vorhergesehen hatte! Meine Notizen am Rand glichen einem Steuer, das Richtung gab, ohne das Ziel zu diktieren.

Dann kam die Konfrontation: 450 Seiten Chaos. Wunderschönes Chaos, aber immer noch Chaos. Zeitlinien, die nicht stimmten. Ein Erzähler, der manchmal selbst vergaß, wer er war. Technologie dort, wo die Zeit stillgestanden hat. Das inkonsequente Verhalten von Mara, der Hexe, trieb mich beinahe in den Wahnsinn. Der Idealismus ('lass die Geschichte sich selbst erzählen') prallte auf die Praxis ('ein Leser muss folgen können').

Dieser Zusammenprall wurde das Schönste am gesamten Prozess. So wie Sinne zwischen Omarias Freiheit und den Beschränkungen des Lagers navigieren muss, musste ich zwischen Intuition und Struktur navigieren. Das Buch wurde ein Spiegel seines eigenen Themas.

Die vier Bilder sind noch da. Das intuitive Herz schlägt noch. Jetzt in einer Form, die geteilt werden kann. Willkommen auf Omaria. Willkommen im Lager. Willkommen im Raum dazwischen. Ich bin überglücklich, dass ich es endlich mit dir teilen kann.



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Neugierig auf die Illustrationen? Du kannst sie dir auf xandradupper.nl/book oder in meinem Portfolio ansehen. Als Dankeschön für den Kauf dieses Buches hast du die Illustrationen als Grußkarten erhalten. Sie können auch separat bestellt werden.



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"Und wie wollt ihr euch über eure Tage und Nächte erheben,

wenn ihr nicht die Ketten brecht,

die ihr im Morgengrauen eures Verstehens

eurer Mittagsstunde angelegt habt?"

— Khalil Gibran, aus 'Der Prophet'



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PROLOG

Eine wilde, beinahe fiebrige Begeisterung treibt Sinne von Wolke zu Wolke. Ihr Schiff reißt durch Wolkenfetzen, die gegen den Wind tanzen, als hätten sie ihre eigene Choreografie verabredet. In pulsierender Synergie mit dieser besonderen Welt lässt sie die Segel ihres mystischen Schiffes zu beiden Seiten blähen und macht damit das Unmögliche möglich.

Dies ist der stetige Wandel, vollzogen in ihrem Flug in die Freiheit, in einer Umgebung, von der sie bis dahin nur träumen konnte. Sie darf sich hier bewegen, wie die Sonne sich bewegt, die sich immer wieder an einer anderen Stelle am Firmament zeigt, als treibe sie ihren Spott mit Sinne und mit den Schatten, die dadurch nicht entscheiden können, wo sie fallen werden.

Die außerirdisch anmutenden Bäume wiegen gegen den Wind und dann wieder mit. Ihre Äste strecken sich aus mit Blättern, die zugleich junggrün und herbstgold sind, und der Bergrücken, über den sie eben noch haarscharf hinwegflog, ist von oben nie derselbe. Er formt sich immer wieder anders, wie man es nur von Wolken erwartet. Dieselben Wolken, die sich hier gerade flüchtig wie Gedanken von hier nach dort bewegen und nur ausweichen, wenn sie den Kontakt vermeiden wollen.

Als sie unten das Wasser erblickt, fällt sie von einem Staunen ins nächste. So veränderlich ist es, von hellem, durchsichtigem Grün bis hin zu Kristallgrau mit Schaumkronen, die wie Finger nach oben greifen. Der Wind riecht nach Dingen, die noch nicht existieren: frisches Brot, das morgen gebacken wird, Regen, der gestern noch fallen muss.

Sinne steuert nicht. Sie schlägt vor. Ihr Fahrzeug interpretiert. Dies ist Omaria. Dies ist Freiheit. Dies ist, was geschieht, wenn du dich deinen Träumen hingibst und sie Wirklichkeit werden siehst.

I | DIE BEGEGNUNG

„Wer nach außen schaut, träumt;

wer nach innen schaut, erwacht."

— C.G. Jung



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1. SINNES WELTEN

Sinne hat den Großen Krieg praktisch in ihrem eigenen Hinterhof miterlebt, und was hat es gebracht? Keine Freiheit, nicht für sie. Nicht für die Menschen, die ihr wichtig sind, und sie glaubt nicht einmal, dass es sie für den Gegner gebracht hat, wenn es so etwas wie einen Gegner überhaupt gibt. Sie sieht die tiefe Spaltung überall: in der Politik, auf der Straße, in den Familien um sie herum. Meistens läuft es auf Verlust hinaus. Vor allem den Verlust von Offenheit, den Verlust von Freiheit im Inneren.

Es gibt so viel Widerstand, so viel Frustration und Wut, dass es unbegreiflich ist, dass der Krieg überhaupt ein Ende gefunden hat. Sinne spürt an allem, dass nur ein Schleier über das Ganze gelegt wurde. Der Kampf tobt in Wahrheit noch in vollem Gang. Was auch schon vorher der Fall war. Der Kampf hinter den Kulissen, die unsichtbaren Stiche, die ausgeteilt werden, lassen sich nicht auf den Krieg zurückführen und richten umso mehr Schaden an. Vor allem weil der Feind unsichtbar bleibt und viele nicht einmal bemerken, dass sie noch immer 'under attack' sind. Sinne bemerkt es durchaus und fragt sich zu Recht, warum dieser Kampf stattfindet... und worum es dabei eigentlich geht.

***

In der Nacht, wenn Sinne ihre Reise antritt, erwacht sie auf Omaria, dem Ort, an dem alles ineinanderfließt — ein Spiegel von Sinnes Sehnsucht nach einer Welt ohne die starren Grenzen des Lagers. Farben, Linien, Formen und auch ihre eigenen Gedanken und Geschichten fließen dort zusammen, befreit von den Beschränkungen, die sie im Lager so ersticken. Nichts hat hier eine feste Form. Alles ist beständig in Veränderung begriffen, auf eine fließende Weise. Es ist eindringlich und verwirrend, aber seltsamerweise auch beruhigend. Denn es ist ganz offensichtlich eine Tatsache, und also kann man sich darauf verlassen.

Du bist auf einer Reise durch ständig wechselnde Landschaften. Es geht hier nicht nur um die äußere Umgebung; die Innenwelt des Reisenden bewegt sich auf dieser Wellenbewegung mit. Gedanken und Emotionen geben dem, was du um dich herum siehst, seine Form. Es ist ein Ort, an dem die Logik der wachen Welt sich auflöst, und an dem Sinne sich heimisch fühlt im verwirrenden, aber befreienden Strom des Unmöglichen. Intuitiv wusste sie, dass sie hier ein passendes Fahrzeug brauchen würde.

Sinne hat sich nie davor gescheut, ihre Intuition als Kompass zu benutzen, während andere vor allem ihrem Verstand folgen. Ihre Gedanken sind hinreichend aufgeräumt, um zu verstehen, dass es wichtig ist, ein Fahrzeug zu haben, das in den Übergängen mitgehen kann, die hier so selbstverständlich sind. Ihr Schiff hat die Veränderung bereits in sich aufgenommen; es ist die Veränderung gleichsam. Sie kann die Segel hissen, die dann, prall gefüllt, kaum den Unterschied zwischen oben und unten kennen, zwischen Wasser und Luft, Tag und Nacht. Es spielt keine Rolle; nichts muss definiert werden, um dennoch treffsicher voranzutreiben und sie an Bord mitzunehmen zum nächsten überraschenden Moment.

Das eindrucksvolle, schöne, bauchige Schiff bringt sie immer weiter, dorthin, wo sie aus eigener Kraft nicht gelangen kann. Sie selbst stand an der Wiege dieses Fahrzeugs, auch wenn sie nie ein zweites auf dieselbe Weise konstruieren könnte. Sie hatte dafür nie ein Werkzeug in den Händen; es ist, wie alles auf dieser Welt, entsprungen aus reiner Aufmerksamkeit, Liebe und Vertrauen. Mehr war schlichtweg nicht nötig.

Sie vermutet, dass sie nie demselben Schiff begegnen wird, weil es sich wie ein Fingerabdruck anfühlt: eigen und einzigartig. Sie und das Schiff sind eins, miteinander verbunden in dieser Welt. Es bringt sie zu ihrer Freiheit, quer durch aufgewühlte See oder über glatte Wasser.

Jeder siebenjährige Junge würde vor Vergnügen schreien bei der Vorstellung, dass das Schiff sich vom Wasser lösen und aufsteigen kann bis an die Wolkendecke oder sogar darüber hinaus. Mit aller Leichtigkeit der Welt kann das Schiff manövrieren, indem es den Gedanken seines Kapitäns folgt.

Sinne hat sich die Tricks inzwischen angeeignet und befährt Omaria, als wäre sie mit allem verschmolzen. Auch wenn Fahren nicht länger der Begriff ist, der die Bewegung treffend beschreibt, die sie mit ihrem Schiff vollzieht; es kommt eher einem fortwährenden Elevieren gleich, einem Aufsteigen in höhere Sphären.

***

Das genaue Gegenteil ist der Fall im Lager, zur Zeit und nach dem Großen Krieg. Devaluieren ist das Wort, das nach Sinnes Empfinden den Zustand beschreibt, wenn sie sich umschaut und die Bewegung der Menschen deutet. Wie zivilisiert die ursprüngliche Idee auch sein mag, selbst wenn sie intelligent erdacht und eloquent formuliert ist, für Sinne läuft es immer wieder auf die Degradierung des allergrößten Gutes hinaus: der Liebe füreinander und miteinander. Man scheint nur noch Abstand davon nehmen zu können, weil es so schwer zu begreifen ist, dass man nach allem, was sie durchgemacht haben, noch von jemandem geliebt wird.

Es ist ein verständlicher Gemütszustand, und auch Sinne ist davon nicht verschont. Die aussichtslose Haltung, die viele eingenommen haben, vergrößert die Hoffnungslosigkeit, die sie dann überkommt. Die Leichtigkeit, mit der man die Schultern zuckt und die Zuneigung eines anderen als Zufall abtut oder bloß als Mittel zum Zweck, zeigt deutlich, wohin es ‚devaluiert' ist. Wieder spürt Sinne, wie treffend das Wort in diese Umstände und Umgebung passt. Dass sie regelmäßig die Flucht nach Omaria ergreift, darf da kein Wunder heißen. Manchmal muss man dem entfliehen, was sich nur als Überleben beschreiben lässt.

***

Sinne hat das Reisen zu einer wahren Kunst erhoben. Denn es verlangt mehr von dir als nur den Wunsch zu fliehen. Es verlangt Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit, groß zu träumen, und sich nicht allzu sehr von Realitätssinn treiben zu lassen. Es erfordert Humor und Leichtigkeit, große Gesten und Mut. Und damit ist gewiss noch nicht alles gesagt, aber es ist ein schöner Anfang.

Während Sinne die Schot — das Tau, das das Segel bedient — fieren lässt, um dem Schiff etwas Fahrt zu nehmen, fragt sie sich, wie sie überhaupt auf Omaria gelandet ist. Es scheint, als wäre sie immer schon dort gewesen, als wäre es eine Erinnerung, die sie sich nicht erinnern kann. Vielleicht ist es ein Geschenk, vielleicht eine Flucht, aber in ihren Augen beweist es, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als das bloße Auge sehen kann. Es ist ihr gegeben, so fühlt sie es, und das ist für sie der unauslöschliche Beweis einer höheren Macht. Es lässt sich nicht mehr daran rütteln, durch nichts und niemanden, und selbst die Nachwirkungen des Großen Krieges können ihren felsenfesten Glauben an das abenteuerliche Leben, die transzendente Liebe und das erhellende Licht nicht nehmen. Sie nennt es die Triade, diese Dreieinigkeit. Gott wäre auch ein gutes Wort dafür gewesen.

Sinne nimmt einen Sturzflug und sieht das Sonnenlicht über und dann unter sich erscheinen, als würde sie davon verschlungen. Sie entdeckt, wie einfach sich das Tempo verändern lässt. Sinne kann nicht zurück auf der Zeitlinie, das ist offensichtlich. Die Veränderung, die sie durchmacht, ist permanent, aber das Tempo hat sie selbst in der Hand. Es gibt ihr die Fähigkeit, bestimmte Momente äußerst minutiös zu erleben, während andere in einem Augenblick vorüberziehen.

Dieses höchst individuelle Zeitempfinden hatte sie schon immer, aber jetzt hat sie es im Griff. Sie kann den Moment physisch einnehmen (verlangsamen), sodass jede Sekunde sich zu Minuten dehnt, oder ihn passieren lassen (beschleunigen), wobei Stunden vorbeifliegen wie Sekunden. Es scheint eine Wahl zu sein, und doch geht es auch von selbst. Lustigerweise ist das mit vielem so auf Omaria. Es erfordert allerdings eine bestimmte Geisteshaltung. Krampfhaftes Festhalten an einer Situation gibt es hier nicht. Es ist wie Baden in einem Ozean der Hingabe. Das ist der einzig mögliche Modus Operandi, und der hat als Ergebnis jedes Mal wieder Freiheit.

Um sie herum scheint Omaria auf ihre Verwunderung zu antworten. Das Licht, das durch die Wolken fällt, bekommt ein goldenes Leuchten, glitzernd in Mustern, die ihren Bewegungen zu folgen scheinen. Wenn sie die Zeit verlangsamt, zeichnen die Sonnenstrahlen langsame Bahnen durch die Luft, wie Verlängerungen ihres eigenen Willens. Sie kann die einzelnen Lichtteilchen tanzen sehen, aufspritzend wie winzige Goldfunken. Der Wind streicht ihr über das Gesicht in genau der richtigen Stärke, als atme er mit ihrer Aufregung mit. Es ist ein stiller Dialog zwischen ihr und dieser Welt, ein Tanz, in dem beide Partner die Bewegungen des anderen vorausfühlen.

Sinne geht darin gerne unter. Sie gibt sich dem hin, wodurch sie mühelos durch diese faszinierende und befremdende Welt gleitet. Als hätte sie von Anfang an gewusst, wie es hier zugeht. Sie erinnert sich daran, ohne es konkret machen zu können.

„Das hat auf Omaria nämlich überhaupt keinen Sinn! Dinge konkret machen, meine ich. Es ist reine Zeitverschwendung. (‚Wer bin ich?', sehe ich dich denken. Aber sei beruhigt, ich komme später darauf zurück. Das ist jetzt noch nicht so wichtig. Bleiben wir zunächst bei Sinne.)"

***

Zurück von ihrer nächtlichen Reise nach Omaria liegt sie morgens wieder auf ihrem Bett im Lager und grübelt, mit mehr Fragen als Antworten. Das ist es, was diese Welt mit ihr macht. Es hat so viel Gewicht, dass man den Druck unweigerlich spürt. Sie sieht es überall um sich herum. Die Menschen können sich kaum fortbewegen, als hätten sie Blei in den Schuhen. Zum Glück hat Sinne Omaria, um sich abwechselnd leichter zu fühlen, sodass sie das Gewicht hier wieder eine Weile aushalten kann.

Dann kommt Tonio herein, ihr Nachbarsjunge. Er sieht sie an mit rot geschwollenen Augen und einem leeren, stumpfen Blick, der nichts verrät. Sinne richtet sich auf und spürt die Kälte in ihrem Körper aufsteigen. Das Leid überkommt sie so plötzlich, dass sie nur ihre Hand vor den Mund bringt, aber die Frage nicht aussprechen kann. Sie bleibt unausgesprochen im Raum hängen. Es ging Tonios Mutter so schlecht, dass dies beinahe eine Erleichterung ist, aber das ist es dann doch nicht... Der Tod ist ein Paradox.

Tonio ist zehn Jahre alt, aber seine Augen tragen das Gewicht von jemandem, der viel älter ist. Zu Beginn dieser Woche war seine Mutter von einem gnadenlosen Kontrolleur zusammengeschlagen worden, weil sie sich nicht an die Sicherheitsvorschriften gehalten hatte. Dafür hatte sie guten Grund. Es interessierte diesen gewissenlosen Mann nicht. Im Lager ist es so unerträglich heiß und trocken. Sauberes Wasser ist weit und breit nicht zu finden. Also suchte sie es jenseits der Grenzen des Lagers. Der Junge und die Kleinen der Nachbarn litten an Dehydrierung. Was hätte sie anderes tun sollen? Sie hat einen unbezahlbaren Preis dafür zahlen müssen.

‚Null Toleranz' nennen sie es, weil die große Menge an Menschen sonst nicht zu bändigen wäre. Sinne fragt sich mit Tränen in den Augen, ob ein Aufstand nicht dem Elend und der Armut vorzuziehen wäre. Eine Einschränkung nach der anderen und keinerlei Transparenz. Warum sind sie so streng, und warum muss die Regelung derart rigide sein?

Tonio geht wie ein Zombie auf Sinnes Bett zu und lässt sich darauf fallen. Er weint stille Tränen, nachdem schon so viele aus ihm geflossen sind. Seine zwei kleinen Schwestern sind vor ein paar Jahren an Hunger und Durst gestorben. Sein Vater ist im Großen Krieg gefallen, und nun hat er nicht einmal mehr seine Mutter.

Sinne ist dankbar, dass Tonio noch weinen kann, denn die meisten Menschen hier sind leere Hülsen, emotionslos. Es verlangt zu viel von ihnen. Sie streichelt ihm über den mageren Rücken und gelobt sich selbst, dass sie alles tun wird, um ihn zu beschützen, wie Tonios Mutter es immer getan hat. Sie war die Mutter der Mütter. Sie wachte über die Kleinen der Nachbarschaft mit derselben Hingabe wie über ihren eigenen Sohn. Heimlich behielt sie auch Sinne im Auge, obwohl Sinne nicht zugeben wollte, dass sie das noch brauchte. Die anteilnehmenden Fragen dieser Frau waren wie eine warme Decke an kalten Tagen. Sie konnte sich darin einkuscheln und fühlte sich dann geborgen.

Nun, da er die wichtigste Person in seinem Leben verloren hat, will Sinne ihn mehr denn je nach Omaria mitnehmen, damit sie vielleicht wieder ein Lächeln auf seinem Gesicht sehen kann. Sie würde viel dafür geben. Für jetzt ist schweigend trösten das Einzige, was sie für ihn tun kann.

Am nächsten Tag schon findet die Verbrennung von Tonios Mutter statt, auf dem großen Scheiterhaufen, zusammen mit zwei Unbekannten, die am Tag zuvor gestorben waren. Es wird eine kleine Zeremonie abgehalten, aus einer Art Pflichtgefühl seitens der Lagerleitung. Aber von einem würdigen Abschied kann kaum die Rede sein. Die Worte des Pfarrers klingen hohl und ohne Bedeutung, und die Gesichter der Umstehenden sind ausdruckslos.

Sinne steht neben Tonio und hält seine Hand. Es stehen mehr Kinder um sie herum. Sie hofft, dass die zwei anderen Erwachsenen, die verbrannt werden, nicht die Eltern dieser Kinder sind. Sie sehen aus wie verlorene Schäfchen und werden aller Wahrscheinlichkeit nach in die Anstalt gebracht, in die alle jungen Waisen kommen.

Tonio ist mit seinen zehn Jahren gerade alt genug, um eine Wahl treffen zu dürfen. Er entscheidet sich für ein Leben im Lager bei Sinne, und das erleichtert ihr Herz, inmitten dieses großen Leids.

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Sobald sie die Schot dichtholt, spürt sie, wie das Schiff — das sie ‚die Aszension' getauft hat — anzieht. Das bedeutet auf Omaria nicht näher an den Wind heran, sondern näher an die Wolken heran. Eine Welle der Euphorie überrollt sie, und sie lässt es mit einem Jubelschrei über sich hinwegrollen. Die Wolkendecke vibriert leicht. Ein sanftes Echo ihrer Begeisterung wogt durch Omaria. Die Tatsache, dass sie hier ihr eigenes Boot steuern darf und dass es so viele Möglichkeiten hat, ist ein größeres Geschenk, als sie sich je hätte wünschen können.

Nun möchte sie herausfinden, wie sie Tonio an Bord mitnehmen kann. Sie gönnt ihm diesen Ausblick und einen solchen Flug durch die Wolkendecke. Dann kann auch er die atemberaubenden, farbenprächtigen Vögel genießen, die wahnsinnig schöne Kunststücke in der Luft vollführen. Tun sie das, um eine Show abzuliefern? Ein verrücktes, hellblaues Vögelchen scheint sie herauszufordern und macht eine kleine, fast zufällige Kurve in ihre Richtung. Im Handumdrehen hat Sinne mit der Aszension ihren ersten Looping vollzogen! Unglaublich! Dass sie das kann? Sie scheint es nur ‚wollen' zu müssen, und dann geschieht es auch.

Beim Looping gelingt es ihr, die Zeit zu dehnen, obwohl alles auf dem Kopf steht, ohne zu fallen. Wie ist das möglich? Da schwebt sie in einer verrückten Zeitlupe, die ihr mehr Raum gibt, die Wolken um sich herum genau zu studieren. Der Moment dehnt sich aus, als bemerke die Zeit selbst ihre Neugier. Es wird ihr klar, dass die Wolken kleine Inseln in der Luft sind, mit seltsamen, abstrakten, transparenten Bewohnern. Jede Wolke ist ein Cluster mit kleinen Bläschen, in denen sich dieses Leben befindet. Magisch findet Sinne das. Die Cluster scheinen organisiert zu sein. Die Bläschen stehen auf eine bestimmte Weise miteinander in Verbindung. Selbst jetzt, da sie kurz die Zeit hat, reicht es leider noch nicht aus, um zu entdecken, wie die Cluster kategorisiert sind und vor allem warum.

‚Wieder ein interessantes Rätsel', denkt Sinne. Äußerst amüsant. Sie steuert die Aszension auf ein bestimmtes Cluster zu, das sich zu einem schlafenden Hund mit großen Ohren geformt hat. Früher hatte sie so gerne nach oben gestarrt, fasziniert von den Figuren, die wie von selbst in den schönen, weichen, weißen Wattebäuschen über ihr entstanden.

Sie wünscht sich, dort länger verweilen zu dürfen, diesen Moment gedehnt zu erleben, und ihr Wunsch wird unverkennbar erhört. Die Zeit dehnt sich, schenkt ihr lange, volle Minuten, in denen sie die Gelegenheit bekommt, ein schwebendes Bläschen zu nähern und zu berühren.

Wie eine Seifenblase zerplatzt es bei ihrer Berührung, und der Gedanke, der darin wohnte, fließt nahtlos in ihr Bewusstsein über. Ein seltsames Gefühl der Verbundenheit überkommt sie; für einen kurzen Moment fühlt sie sich als Herrscherin der fliegenden Tiere, als wäre sie durch diesen einfachen Kontakt zu ihrer Königin geworden.

Bald verfliegt die Empfindung, aber das Echo davon bleibt hängen wie ein subtiler Duft. „Fliegende Tiere?", murmelt sie laut. „Vögel!" Sie grinst innerlich: „Was für andere fliegende Tiere könnten es sein...? Natürlich, Vögel!"

Sie lässt das Schiff langsam wieder sinken und gibt ihm mehr Fahrt. Die Zeit nimmt ihren normalen Lauf, beginnt sich zusammenzuziehen, und ehe sie es recht bemerkt, dümpelt ihr schönes Boot wieder am Anleger im kleinen Hafen, fachmännisch vertäut.

Von Bord zu gehen tut immer ein wenig weh; ein Abschied von den grenzenlosen Möglichkeiten, die Omaria ihr bietet.

***

Tonio sieht sie mit großen, erstaunten Augen an.

„Wie meinst du das, Sinne?"

Sinne muss lachen über den Ausdruck auf seinem Gesicht. Als hätte sie ihn gebeten, seine Unterhose auf dem Kopf zu tragen. Während sie dieses Bild in Gedanken vor sich sieht, bricht sie in Lachen aus.

Tonio findet das nicht lustig. Er fühlt sich ausgelacht.

„Du benimmst dich komisch heute, Sinne!", ruft er und rennt ins Lager hinein, zwischen verschiedenen Zelten hindurch, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Sinne beißt sich auf die Lippe, aus Angst, er habe jetzt das Gefühl, dass sie ihn nicht ernst nimmt. Was sie aber gerade tut! Sie nimmt ihn und seine erwachende Fantasiewelt durchaus ernst. Nur er selbst tut das nicht!

Bis jetzt hat sie Mühe, einen Zugang zu Omaria für Tonio zu finden. Es liegt daran, dass er nicht zu träumen wagt, vermutet sie. Die Schwere des Lagerlebens hat sein Vermögen zur Hingabe angetastet, jenen wesentlichen Zustand zwischen Wachen und Träumen, den Omaria voraussetzt.

Natürlich versteht er nicht, was sie von ihm will. Sie bleibt vage und ausweichend, weil sie ihm nicht einfach von Omaria erzählen kann. Er würde sie für verrückt erklären! Also dachte sie, ihn auf subtile Weise zu lenken, seine Vorstellungskraft anzuregen. Die Chance auf eine gemeinsame Reise wäre dann größer.

Aber nein. Er findet sie verrückt! Zu Recht findet er sie verrückt. Sie findet sich selbst auch verrückt, und ihren nicht durchdachten Plan erst recht. Im Lager fühlen sich ihre Ideen über Omaria wie bleischwere Torheit an, während sie auf Omaria so leicht und selbstverständlich sind.

Sinne hat den Eindruck, dass ihr das Reisen deshalb so gut gelingt, weil sie ganz und gar in ihrer reichen Fantasie aufgehen kann. Ihre Mutter machte sich früher manchmal Sorgen darüber, dass sie immer mit dem Kopf in den Wolken steckte, und nahm an, das würde sich mit den Jahren legen. Aber das hat es nicht getan. Ihr inneres Universum ist nur noch größer geworden.

Sinne hat die Traumwelt immer ernst genommen. Wo sie sich nachts befand, in der surrealen Welt des Traums, gab ihr tagsüber Stoff zum Nachdenken. Sie konnte immer etwas daraus destillieren, das ihr einen Anhaltspunkt für das Leben in der tatsächlichen Welt gab. Auch tagsüber konnte sie lange, ausgedehnte Wanderungen in ihren Tagträumen unternehmen und sich sogar darin verlieren, wenn sie nicht aufpasste.

Für sie ist das Traumreich faszinierend, und sie hat sich mehr als einmal gefragt, welcher Welt sie den Vorzug geben würde, wenn es eine Wahl gäbe. Woher wissen Menschen eigentlich, wann sie träumen und wann sie wach sind? Manchmal fühlt sich für Sinne die ‚wache Welt' überhaupt nicht wach an. Es scheint hier alles schwermütig, plattgedrückt, alltäglich, ziemlich banal sogar und rundheraus langweilig!

Sinne fragt sich, wer bestimmt hat, dass man jeden Tag früh aufstehen muss, um dann zusammen mit allen anderen Jugendlichen ins Alter zur Schule zu gehen? Wer bestimmt das und warum? Und warum machen wir alle das Gleiche? Wir leben in Häuschen, gehen zur Schule, arbeiten, haben ein paar Hobbys, treiben Sport, essen, pinkeln, kacken, schlafen... Es gibt nur wenige Variationen dieses Themas, und wie verrückt ist das eigentlich?!

Es gibt auch nur wenige Menschen, die es anders zu machen wagen, und die werden meistens nicht für voll genommen oder sogar als gefährlich angesehen. Im Moment wünschte man sich, dass Arbeit, Schule, Hobbys, Sport und sogar Essen ein selbstverständlicher Teil des Tages sein dürften. Die Tage sind womöglich noch langweiliger geworden, aber das ‚Überleben' von heute ist nach Sinnes Empfinden nur die abgespeckte Version dessen, was sie vorher taten.

War das frühere Leben tatsächlich erhebend, wie manche behaupten? Vielleicht im Kontakt mit anderen; da lässt sich durchaus etwas Schönes finden, aber die Umgebung war schon immer wenig inspirierend. So sieht Sinne es, und genau diese Haltung hat dazu geführt, dass sie den Weg nach Omaria gefunden hat. Zumindest ist das ihre Überzeugung. Ihr unbändiges Verlangen nach einem abenteuerlichen Leben, eines der Elemente der Dreieinigkeit, ist nun einmal nicht aufzuhalten!

Wenn Tonio wenigstens ein Bild in seinem Kopf machen könnte von seinem idealen Fahrzeug, dann hätte auch er einen Schritt in Richtung mehr Abenteuer in seinem Leben getan. Wie schwer kann das sein? Aber er betrachtet die Welt nicht so wie sie, das weiß sie tief in sich. Sie wiegt sich hin und her und fühlt sich ein wenig schuldig. Sie hätte nicht so viel Druck auf ihn ausüben sollen. Für ihn ist dieser Plan von ihr bedeutungslos, besonders nach dem Verlust seiner Mutter. Geduld.

***

Am nächsten Tag, nach dem Essen einiger Krümel, die leider wieder nicht die Mägen füllen konnten, holt Sinne ihr Tagebuch hervor und reißt ein paar leere Seiten heraus. Zwar mit Schmerz im Herzen, denn Papier ist hier knapp, und sie braucht es dringend, um regelmäßig ihre Gedanken niederzuschreiben. Aber es gibt jetzt Wichtigeres für sie.

Sie hat es auf sich genommen, Tonio an Omaria teilhaben zu lassen, also muss sie alles dafür tun, um es möglich zu machen. Sie gibt sich betont lässig, in der Hoffnung, dass er nicht bemerkt, wie wichtig ihr das ist. Sie setzt sich mit dem Papier an die kleine Kiste, die ihnen als Tisch dienen muss, und beginnt summend zu zeichnen.

Sie zeichnet die Aszension, auch wenn es ihr schwerfällt, etwas so Fließendes und Veränderliches in festen Linien festzuhalten. Das Wesen des Schiffes lässt sich nicht einfach auf Papier einfangen. Wie zeichnet man etwas, das Gedanken folgt, das sich mit der Stimmung seines Kapitäns verändert?

„Was machst du?", fragt Tonio schließlich.

„Ach, ich hatte Lust zu zeichnen. Früher habe ich viel gezeichnet, und es macht Spaß."

„Was zeichnest du denn?" Der Junge beugt sich vor, um es besser sehen zu können.

„Alles, was mir einfällt. Meistens fange ich an und schaue, wo ich lande."

Er nickt, als verstehe er.

„Es sieht aus wie ein Schiff", sagt er dann leise. „Ist es ein Schiff?"

„Auch", sagt Sinne, ohne aufzublicken.

Er verfolgt jeden Strich, den sie aufs Papier setzt, aufmerksam, bis Sinne plötzlich aufsteht.

„Ich muss dringend, bin gleich wieder da!" — woraufhin sie verschwindet.

Tonio zieht die Zeichnung zu sich heran und ist verwirrt. Es sieht aus wie ein Schiff, aber auch wieder nicht. Sinne kann wirklich nicht zeichnen, denkt er ohne böse Absicht und mit einem Grinsen im Gesicht. Eine vage Erinnerung steigt auf: seine eigenen Zeichnungen von früher, der Stolz, den er empfand, wenn sein Vater sie bewunderte. Noch bevor er es recht merkt, nimmt er ein Blatt und beginnt mit Sinnes Bleistift Striche zu setzen.

Erst ein grober Entwurf, aber bald zeichnet sich eine bestimmte Linie ab. Er sieht eine Form erscheinen, unbeabsichtigt, aber eine schöne Form, findet er selbst. Er zieht einige Linien nach und nickt dann zufrieden. Er hatte immer gerne gezeichnet. Als sein Vater noch lebte, sagte dieser oft etwas wie: „Schön, mein Junge, aber damit ist leider kein Brot zu verdienen." Tonio fühlte sich dadurch entmutigt, trotz des Kompliments. Denn auf dem Feld hatte er zwei linke Hände. Beim Kartoffelroden zum Beispiel war er überhaupt nicht geschickt, und damit konnte man wenigstens etwas zu essen zusammenkratzen.

Warum musste er ausgerechnet in etwas glänzen, mit dem man nichts anfangen kann? So hatte er sich sein eigenes Entmutigungsprogramm aufgebaut, ohne es zu bemerken. Eines Tages verschwanden die Bleistifte im Schrank, und sie kamen nicht mehr heraus.

Sinne erscheint wieder in der Öffnung und nimmt damit das Licht aus dem Raum. Er blickt auf. Er war weit weg, in Gedanken versunken, und hat inzwischen seine Zeichnung weiter ausgearbeitet. Nun betrachtet er sie wieder und ist erstaunt über das, was er vor sich sieht. Er hat eine Rakete gezeichnet, und doch auch wieder nicht. Sind das die Triebwerke? Es ist, als hätte seine Hand einen eigenen Willen gehabt.

Er will es als Knäuel von sich wegschieben, aber Sinne eilt herbei und lässt einen Seufzer der Erleichterung hören. Aufgeregt ruft sie: „Wie schön die ist, Tonio! Wirklich, wunderschön! Du bist ein wahrer Künstler! Willst du mir, sobald du soweit bist, die Geschichte deiner Zeichnung erzählen? Auch wenn sie immer wieder anders ist?"

Tonio muss lachen über ihre Begeisterung. Was hat er doch für eine gute Freundin an ihr, auch wenn sie schon ein bisschen verrückt ist! Die nette Sorte verrückt, hat er beschlossen. Die Sorte verrückt, die ihn regelmäßig aus seiner Trauer reißt. Die Sorte verrückt, die ihm Hoffnung auf etwas Besseres gibt. Die Sorte verrückt, die wenige andere hier zu haben scheinen, die nur düster durch das Lager schlurfen und die Schultern hängen lassen, als zöge ein unsichtbares Gewicht sie nach unten. Mit Sinne gibt es wenigstens noch etwas zu erleben.

„Er würde bald genug erfahren, wie viel er mit ihr erleben durfte. Es wird noch eine holprige Fahrt..."

2. DIE ASZENSION

Auf Omaria ist herrliches Wetter. Große Wolken ballen sich zusammen, verschwinden aber ebenso schnell wieder, und die Sonne scheint zwischendurch mit einer Überzeugung, die Sinne in ihrer anderen Welt fremd ist. Sie würde es die genau richtige Abwechslung nennen, wenn sie es jemandem erklären müsste. Vorerst kann sie niemandem davon erzählen; sie würden sie für verrückt erklären. Sie hofft, Tonio mitnehmen zu können. Sie hat ein enormes Bedürfnis, das alles mit ihm zu teilen.

Während sie ihr Schiff zwischen den Wolken hindurch manövriert, spürt Sinne, wie anders Omaria im Vergleich zur Lagerwelt funktioniert. Hier gehorcht die Realität anderen Gesetzen. Zeit bewegt sich nicht als unerbittlicher Strom, sondern als eine Substanz, die sie mit ihren Gedanken formen kann. Das Beschleunigen und Verlangsamen nutzt sie während ihrer Flüge oft. So wie jetzt, wo sie über ein langes, langweiliges Stück hinwegfegt wie ein Stein über Wasser. Für den Bruchteil einer Sekunde verdichten sich die Wolken.

Doch manchmal, in der Stille zwischen zwei Herzschlägen, hat sie das merkwürdige Gefühl, dass mehr möglich ist als nur beschleunigen oder verlangsamen. Als wäre die Zeit hier geschichtet, aufgebaut aus Momenten, die sich nicht nur in Dauer, sondern auch in Richtung verändern können. Ein Gedanke, der ebenso aufregend wie beunruhigend ist, und den sie noch nicht zu erforschen wagt. Die Luft um sie herum wird still.

Das Vermögen, mit der Zeit zu spielen, verlangt Hingabe, begreift sie; das Loslassen von Kontrolle, das im Lager undenkbar wäre. Dort ist alles festgelegt, hart, begrenzt durch Regeln und Grenzen, die niemand zu überschreiten wagt. Aber hier auf Omaria? Hier kann sie sich selbst finden in der Freiheit des Augenblicks.

Die Verbindung zwischen ihr und der Aszension ist intensiver, als sie es je mit einem Gegenstand erlebt hat. Dies ist nicht bloß ein Fahrzeug; es ist eine Verlängerung ihrer selbst, geboren aus ihrer Vorstellungskraft und Willenskraft. Jede Bewegung, die sie macht, jeder Gedanke, der ihr durch den Kopf schießt, scheint durchzusickern in das Holz, die Segel, das Ruder. Wenn sie froh ist, fangen die Segel mehr Wind; wenn sie zweifelt, zögert auch das Boot auf seinem Kurs. Ein Tanz der Gegenseitigkeit.

Sinne lächelt über diese Entdeckung: Was du dir hier vorstellst, was du hier fühlst, nimmt greifbare Form an. Schöpfungen wie ihr Schiff tragen ein Stück ihres Schöpfers in sich, eine Gesetzmäßigkeit auf Omaria, die sie langsam zu verstehen beginnt. Als Antwort auf ihr Lächeln fühlt sich das Holz unter ihren Fingern eine Nuance wärmer an, kaum wahrnehmbar.

Sinne steuert die Aszension in eine Ansammlung von Wolken hinein, um darüber hinauszukommen. Abrupt liegt das Schiff still, und durch den Ruck wird sie gegen ihr Ruder gedrückt. Das Boot beginnt auf dem Wellenschlag der Wolke wie eine Wiege hin und her zu schaukeln.

Das Schaukeln des Bootes hat nahezu sofort Wirkung auf sie. Sie gähnt tief und setzt sich, überwältigt von einem Schlafbedürfnis, das unerbittlich an ihr zieht. Ihre Augenlider werden bleischwer. Während sie sich auf ihrer Bank ausstreckt, gibt sie sich dem Schlaf hin, der sie mitnimmt.

Auf Omaria hat sie noch nie zuvor geschlafen, und es fühlt sich eigenartig an, weil sie erwartet hatte, dann ins Lager zurückzukehren. Aber sie ist noch immer hier, und noch merkwürdiger ist, dass sie sich in ihrem Traum wach fühlt. Ihre Augen sind weit geöffnet, und sie ist sich jedes Atemzugs bewusst. Die Wolken um das Schiff weben sich sanfter zusammen und bilden eine schützende Decke um ihren Schlaf.

Es erinnert sie an einen Traum, den sie einmal als Kind gehabt hat und der so klar war, dass die Welt um sie herum unwirklich erschienen war, als sie aufwachte. Ihre Mutter hatte es luzides Träumen genannt, und Sinne hat noch wochenlang daran herumgetragen. Es war, als hätte es ihr etwas sagen wollen, als wäre es ein Bote einer tieferen Schicht.

Erst einmal auf Entdeckungsreise, sagt sie sich. Alles um sie herum fühlt sich an wie Omaria, unterscheidet sich aber wesentlich davon. Hier braucht sie offenbar kein Fahrzeug, und mit vorsichtigen Schritten betritt sie ein Schattengebiet. Dort sieht sie die kleinen Bläschen wieder vor sich schweben. Die Wolkenbläschen, die sie vorhin so fasziniert hatten.

Inzwischen gewinnt Sinne den Eindruck, dass Emotionen die physischen Eigenschaften dieser Welt verstärken und beeinflussen. Ihre Neugier, ihre Verwunderung, ihre Freude — sie manifestieren sich im leuchtenden Glanz dieser transparenten, kleinen, runden Formen und in der ruhigen Klarheit der Luft. Die Bläschen scheinen beinahe unmerklich heller zu pulsieren, wenn ihre Verwunderung zunimmt.

Eines davon zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich, als trüge es etwas mehr Licht in sich als die anderen. Sie bewegt sich darauf zu und nimmt es in die Hand. Neugierig versucht sie hineinzuschauen. Ihre Nase berührt die dünne Wand, und das zerbrechliche Kügelchen zerplatzt mitten in ihrem Gesicht. Ein Gedanke rollt über Sinne hinweg, wie es zuvor schon einmal geschehen war. Dieser Gedanke ist nicht flüchtig. Er bleibt bei ihr, so lange, bis sie nicht einmal mehr bemerkt, dass es nicht ihr eigener ist. In diesen Wolkenbläschen werden Gedanken greifbar. Die Luft um sie herum wartet einen Moment, wie mit angehaltenem Atem, während diese Idee sich in ihrem Bewusstsein einnistet.

Sobald sie ihren Blick neu eingestellt hat, tritt sie vor Schreck einen Schritt zurück. Ein gewaltiger Drachenkopf blickt sie aus nächster Nähe an, mit was nur ein Auge zu sein scheint. Das Tier ist so groß, dass das andere Auge erst zum Vorschein kommt, als sie den Kopf dreht. Ein Schrei drängt nach oben, bleibt aber in Sinnes Kehle stecken. Was für ein beeindruckendes Geschöpf! Und doch fühlt sie sich kurioserweise nicht bedroht. Der Drache ist wahrscheinlich stark und könnte sie mit einem Happs verschlingen, tut es aber offensichtlich nicht. Sie wirkt eher wohlgesonnen und sanftmütig.

Woher sie das weiß, kann sie nicht sagen. Sie weiß nur, dass sie keine Angst hat, obwohl sie das wahrscheinlich haben sollte. Es ist, als würde sie von dem Tier gutgeheißen, und der Drache drückt seine Nase vorsichtig gegen sie. Die Nase des Tieres ist feucht wie die eines Hundes, aber um ein Vielfaches größer. Sein Atem fühlt sich warm an auf Sinnes Haut, als streichle die Sonne sie an einem warmen Sommertag mit einer leichten Brise dabei. Intensiv, aber auch angenehm, eigenartigerweise. Die Luft um sie herum wechselt die Tönung, ein kaum wahrnehmbares warmes Leuchten, das die Begegnung umhüllt.

Ruhig hebt sie ihre Hand und wagt es, den Drachen sanft auf dem Nasenrücken zwischen den riesigen Augen zu streicheln, wie sie es bei einem Hund getan hätte. Das Tier erzittert, wodurch Sinne beinahe umfällt, aber sie fängt sich und streichelt weiter. Ihre Augen fallen zu, und das Zittern wird feiner. Schnurrt der Drache etwa? Bemerkenswert, aber es fühlt sich wohltuend an, als bekäme sie eine Massage, die ihren ganzen Körper auf einmal erfasst.

Die Augen des Tieres gehen langsam auf und wieder zu, eine friedliche Bewegung, die ihren Genuss verrät. Sinne erkennt die Zeichen: die entspannte Haltung, der Rhythmus ihres Atems und das sanfte Beben, das durch ihren gewaltigen Leib geht. Sie hat genug Tiere in ihrem Leben versorgt, um zu wissen, dass dieses Wesen sich bei ihrer Berührung vollkommen wohlfühlt und sie genießen kann. Unter ihren Füßen passt sich der Boden fast unmerklich an. Sie wundert sich über diese unerwartete Freundschaft mit einem Wesen, das sie bis vor kurzem nur aus alten Geschichten und Legenden kannte. Ein Drache, hier auf Omaria, und sie streichelt das Wesen, als wäre es der Hund der Nachbarn!

Sie lacht leise über die Absurdität. Es ist etwas Besonderes an dieser Begegnung, als passten zwei unwahrscheinliche Puzzleteile perfekt zusammen. Mit jeder Sekunde, die verstreicht, fühlt sich die Situation weniger fremd und mehr wie eine natürliche Erweiterung von Omarias Wundern an.

Dann, aus dem Nichts, hört sie eine Männerstimme. „Hé, hallo!", eine tiefe Bassstimme, etwas heiser, fährt fort: „Wie bist du denn hier gelandet?" Sinne erschrickt, versucht aber tapfer, um den Drachen herumzuschauen, um herauszufinden, woher die Stimme kommt.

„Wer bist du?", flüstert sie leise.

Und dann steht er plötzlich mit einem Sprung neben ihr, als wäre er gerade von einer Rutsche geglitten. Kurz flackert seine Silhouette, zwei Bilder, die nicht ganz synchron laufen, bevor sie zusammenfallen. Vor ihr steht ein Junge, Mann — sie traut sich nicht, es zu sagen. Er grinst sie breit an, hat dunkel gebräunte Haut, grüne Augen und tiefrotes, welliges Haar, das er mit einem Lederband auf dem Rücken zusammengebunden hat. Er trägt ein hellgrünes Hemd und eine kurze Lederhose. An den Füßen hat er Turnschuhe. Es sieht aus, als hätten zwei verschiedene Epochen sich getroffen und gemeinsam seine Garderobe zusammengestellt. Das Mittelalter und ‚die Zeit vor dem Großen Krieg' haben sich in seiner Umkleidekabine die Hand gegeben und einen Kompromiss geschlossen.

Er zieht eine Augenbraue hoch und gibt ihr die Hand. „Ich bin Toran, und du bist in MEINEM Kopf", und die Betonung auf MEINEM entgeht ihr keineswegs. „Ich hatte hier noch nie Besuch, also bin ich überrascht, um es einmal milde auszudrücken."

Bei ihrer Berührung tanzt kurz ein fast unsichtbares Glitzern in der Luft, wie Staubkörnchen in einem Sonnenstrahl. Ihre Hand kribbelt — zwei Temperaturen zugleich, warm und kalt — bis sie sich in seinem festen Griff einfindet.

Sinne schüttelt den Kopf und sieht ihn ernst und forschend an. „Ich habe keine Ahnung, warum ich in DEINER Gedankenwelt bin! Ich habe aus Versehen meine Nase in eine Blase gesteckt und dann: hopp!" Sie schnaubt wie ein wildes Pferd. Die Luft um sie herum scheint zu zögern, als wäre selbst Omaria überrascht von dieser unerwarteten Begegnung. Toran zieht leicht amüsiert die Mundwinkel hoch. Was für ein besonderes Mädchen, denkt er, und sie hat nicht die geringste Ahnung!

„Du lehnst dich an Dali. Ich glaube, sie mag dich", sagt er grinsend. „Besonders abwartend bist du nicht, was?" Und er gibt Dali eine liebevolle Streicheleinheit unter ihrem riesigen Auge. Es ist also eine Dame, dieses beeindruckend große Tier neben ihr. Sie hatte es richtig eingeschätzt. Auch Sinne streichelt Dali noch einmal. Dali drückt ihre gewaltige Nase gegen Sinne, und Sinne muss grinsen.

„Sie ist lieb", sagt sie ohne Scheu, und Toran mustert sie mit leicht zusammengekniffenen Augen.

„Du bist die Erste, die das zu mir sagt, aber du bist ja auch die Erste, die einfach so in meine Gedankenwelt hereinstürmt, ohne jede Ankündigung! Und du bist auch die Erste, die wie eine Besessene durch Omaria fliegt, abgesehen von Dali und mir natürlich!" Und wieder verzieht er das Gesicht zu einem spöttischen, schiefen Grinsen. „Also darf ich wohl deinen Namen erfahren?"

Sinne ist der Mund etwas offengeblieben, und ihr wird klar, dass sie wahrscheinlich nicht gerade klug aussieht. Mit gespielter Selbstsicherheit gibt sie Toran noch einmal die Hand: „Sinne, angenehm!" Und sie schüttelt seine Hand fest, wie sie es von ihrem Vater gelernt hat.

Toran blickt nachdenklich auf ihre beiden Hände und dann wieder sie an, direkt in ihre hellblauen Augen. Sie ist ein atemberaubendes kleines Geschöpf, zart und doch zäh, und diese Sommersprossen auf ihrer Nase! Das gibt ihr etwas Freches und gleichzeitig Mädchenhaftes. Er schaut weg, denn sie braucht nicht den Blick in seinen Augen zu sehen, während sich diese Gedanken formen. Aber Herrje, wie lange ist es her, dass er jemandem begegnet ist, und dann ist es so weit, und sie sieht so aus!

Solange er hier auf Omaria lebt, war er in der Annahme, dass er der einzige Bewohner war und bleiben würde, seine tropischen Tierfreunde einmal ausgenommen. Dann plötzlich, vor ein paar Wochen, kommt ein majestätisches Schiff auf den Wolken angesegelt, mit einem kleinen Bündel an Bord, das vor Freude beinahe schreit.

Tag für Tag hat er ihre Abenteuer verfolgt, anfangs aus purem Staunen, später mit wachsender Faszination. Von seinen versteckten Aussichtspunkten in den Wolken sah er, wie sie jedes Mal wieder neue Seiten von Omaria entdeckte. Wo er sich an Omaria hatte gewöhnen müssen, bewegte sie sich darin, als gehörte sie hierher. Es hatte ihn erstaunt, fasziniert, und vielleicht, auch wenn er es nicht so schnell zugeben würde, machte es ihn neidisch.

Für sie ist Omaria offenbar eine Art Vergnügungspark. Sie rast wie eine Besessene durch die Wolken, mit einem Grinsen von einem Ohr zum anderen. Ab und zu sieht er sie mit dem Ruder Figuren in die Wolken zeichnen, und es ist ihm auch aufgefallen, dass sie begriffen hat, wie man die Zeit beschleunigen und verlangsamen kann. Alles Kinderspiel natürlich, aber trotzdem beeindruckend für eine Anfängerin. Wieder kann er ein Lächeln kaum unterdrücken.

Sinne bekommt einen frechen Blick und zieht recht abrupt ihre Hand aus der seinen. „Was macht das hier eigentlich zu DEINER Gedankenwelt?" Und sie stemmt die Hände in die Hüften, um ihrem frechen Blick Nachdruck zu verleihen. Toran entfährt ein lautes Lachen. Die Wolken über ihnen schrumpfen unmerklich und kommen näher, um kein Wort dieses Gesprächs zu verpassen.

„Diese Welt, Omaria", er zögert einen Moment, als suche er nach den richtigen Worten, „wurde eigens für mich erschaffen, oder von mir, ganz wie man es betrachtet. Und in dieser Welt sind die Wolken mein Gedankengut, meine Träume. Wie du es geschafft hast, weiß ich nicht, aber du bist in eines dieser Gedankenbläschen getreten und in meiner Traumwelt gelandet. Hätte ich dich nicht vorher auf Omaria fliegen sehen, würde ich glauben, ich hätte dich mir zusammenfantasiert."

Sinne weiß zum wiederholten Mal nicht, was sie sagen soll. Und also sagt sie nichts.

So einfach, wie sie in die Blase hineingeploppt ist, so einfach kommt sie auch wieder heraus. Es ist, als würde sie herausgedrückt. Sie fragt sich, inwieweit Toran damit etwas zu tun hat. Er schien sehr darauf erpicht zu sein, dass sie seine Gedanken verließ. Nach einem kurzen und bündigen Abschied und noch einem Händedruck ploppte sie einfach zurück, ohne jedes Tamtam. Wie diese Welt zusammenhängt, ist ihr nach wie vor ein großes Rätsel. Sie weiß, wie man segelt, hatte aber bis vor kurzem keine Ahnung von Bewohnern hier.

Sie dachte eigentlich, es wäre ihre eigene Schöpfung, diese Welt. Diese Theorie hat Toran gründlich über den Haufen geworfen. Dabei weiß sie nach ihrer Begegnung immer noch kaum mehr über Omaria als vorher.

Toran. Was für ein besonderer Kerl, und wie merkwürdig, dass sie einfach so in seine Gedanken eintreten konnte! Kann er auch in ihre Gedanken hineinspazieren? Die Rätsel türmen sich auf. Während sich ihre Fragen vervielfachen, pulsiert die Luft um sie herum fast unmerklich und vibriert Omaria mit auf ihrer Suche nach Antworten.

Während sie sich sammelt, das Ruder wieder fest in die Hand nimmt und die Segel fieren lässt, um absteigen zu können, spürt sie plötzlich eine Windböe an Backbord. Ohne Vorwarnung steckt ein großer Drache seinen Kopf unter dem Segel hindurch. Kurz darauf saust eine Person über den Steg der Drachenaugenbrauen. Er prallt tatsächlich gegen Sinne, die sich am Ruder festhalten muss, um nicht über Bord zu gehen. Das Ruder liegt fast unmerklich fester in ihrem Griff als einen Augenblick zuvor. Es ist, als hielte das Schiff sie aufrecht.

„Meine Güte! Das ist aber eine plumpe Landung!", ruft sie erschrocken. „Ging das nicht anders?!" Und ihre Stimme überschlägt sich. Wieder muss Toran lachen über dieses kleine, unverschämte Wesen, das einfach so in seine Gedanken hineinstapft, ohne sich zu entschuldigen, und dann etwas dazu zu sagen hat, dass er in seinem eigenen Land wohlgemerkt mal kurz ‚Hallo' sagen kommt! Er hält sie fest an der unteren Rückenpartie, damit sie nicht doch noch kippt, und sieht die Röte in ihre Wangen schießen. Hmm... das wird ihn noch teuer zu stehen kommen.

Ohne Ankündigung löst er seinen Arm von ihrer Taille, und sie taumelt doch noch ein paar Schritte nach hinten, wo sie schnell Halt findet an der Reling. Ihre Augen sprühen unterdessen Funken. Er findet es beeindruckend. Nein, in aller Ehrlichkeit, er findet sie beeindruckend. Mit so einer Frau will man doch jeden Tag Streit haben, sinniert er. Sie macht wieder Schritte auf ihn zu und will offensichtlich Rechenschaft fordern. Dann wird sie unterbrochen von der freundlichen Nase Dalis, die sie auf ihre ganz eigene Art ebenfalls begrüßen will. Man sieht Sinne an Ort und Stelle dahinschmelzen für das Tier. Da hat er doch Glück gehabt, mit dieser spontanen Zuneigung. Die Luft um die drei herum glitzert kurz sanft. Genießt Omaria diese unerwartete, verspielte Begegnung?

„Wir kommen mal auf etwas neutralerem Boden Bekanntschaft machen, haben Dali und ich uns gedacht. Bitte schön!" Und er breitet einladend die Hände aus, als wäre es eine erhebliche Ehre. Er sagt gerade noch nicht ‚Tada'! Sinne ärgert sich über sein Gehabe. Es mag ja sein, dass er hier schon länger ist und sie vorläufig zu Besuch kommt (obwohl sie von dieser Konstruktion kein Wort versteht), aber das heißt nicht, dass er sich einfach so auf ihr Schiff katapultieren darf!

Sie schaut hoch in seine grünen Augen und will ihm gerade Kontra geben, als er mit einer brüsken Geste das Wort ergreift.

„Fang nicht gleich an, mich zu beschimpfen, auch wenn mir das ein Vergnügen scheint", und er zwinkert ihr zu. „Ich hab es nicht mit Absicht getan. Dein Achterdeck sieht von weitem ein Stück breiter aus, und Dalis Kopf kann ich schlecht einschätzen. Wir mussten noch nie neben einem Schiff ‚anlegen'. Es tut mir leid. Wirklich!" Und er setzt tatsächlich einen schuldbewussten Blick auf.

Sinne will nicht darauf hereinfallen, lässt sich aber aus Neugier auf den Rest seiner Geschichte erweichen. Vielleicht kann er einige der Rätsel lösen. „Wie lange wohnst du schon hier?", fragt sie deshalb freundlicher, als sie beabsichtigt hatte. Die Segel der Aszension rascheln leise, obwohl kaum Wind weht. Toran zieht eine Augenbraue hoch und schaut in einer nachdenklichen Geste nach oben.

„Das wage ich ehrlich gesagt nicht zu sagen. Ich weiß es nicht. Zeit ist hier ein merkwürdiges Phänomen, wie du vielleicht schon bemerkt hast. Und ich war immer allein, wodurch die Zeit langsam zu vergehen scheint, es in Wirklichkeit aber vielleicht gar nicht tut. Wer weiß?"

„Wie bist du denn hierher geraten?", will Sinne wissen. Er seufzt tief und blickt sie unter seinen Augenbrauen hervor an. „Das ist eine sehr lange Geschichte, Mädchen; es kommt bestimmt ein guter Moment dafür..." Während die Spannung zwischen ihnen spürbar wird, vibriert das Deck unter ihren Füßen leise. Omaria selbst scheint neugierig auf die Antwort, die kommen wird.

Toran setzt sich auf ihre Bank unter der Dachkajüte. Die Aszension beginnt in den Wolken zu wackeln, unter anderem weil Sinne die Schot hat fieren lassen. Wenn sie nicht aufpassen, macht ihr Schiff gleich einen Sturzflug, ohne dass sie es unter Kontrolle hat. „Hilf mir mal!", ruft sie, während sie das Vordeck hinaufläuft und in hohem Tempo alle Segel herunterlässt.

Toran kann schnell umschalten und fängt am Achterdeck alles auf am Baum. Er schafft es sogar, ein kleines Tau zu finden, um das Ganze provisorisch zusammenzubinden. Dann hört er Rasseln und vermutet, dass Sinne den Anker herabgelassen hat. ‚Vernünftiges Mädchen', denkt er unterdessen. Toran ist immer wieder beeindruckt davon, wie sie es scheinbar mühelos zustande bringt, die ‚Gewässer' hier zu befahren, ohne zu wissen, wie diese Welt zusammenhängt. Es ist natürlich auch weniger eine Frage des Wissens und mehr eine des Fühlens. Vielleicht hat sie als Frau darin einen Vorteil.

Sinne kommt zurück aufs Achterdeck und setzt sich ihm gegenüber auf einen Poller. Sie stützt den Ellbogen auf das Knie und das Gesicht in die Hand. Sie sagt nichts, aber ihre Augen ruhen auf ihm, und sie lässt die Stille fallen. Das Schiff bettet sich fast unmerklich in die Wolken und bereitet sich auf ein langes Gespräch vor. ‚Schön', denkt Toran sarkastisch. Er sieht sie an und weicht dann mit seinem Blick zum Wolkenhorizont aus. Seinem Wolkenhorizont. Er wüsste nicht einmal, wo er anfangen sollte, das alles zu erklären.

Sinne versteht, dass sie sich damit begnügen muss. Sie spürt, dass er Mühe damit hat. Wie kaum eine andere weiß sie, wie komplex und traurig die Vergangenheit sein kann. Sie wird ihn nicht weiter unter Druck setzen. Allerdings läuft ihre Zeit ab. Sie bemerkt das daran, dass an ihr gezogen wird.

Sie sorgt immer dafür, dass sie im kleinen Hafen festgemacht hat, mit dem einen Steg, der dort eigens einen Platz für sie zu haben scheint. Sie hat das Gefühl, dass sie einen festen Ein- und Ausstiegsort auf Omaria braucht, auch wenn sie nicht erklären kann warum.

Toran erklärt es heute also auch nicht. Aber eines Tages wird er es gewiss tun. Das ist in Ordnung. Er ist schon in Ordnung, denkt sie hinterher. Es ist jedenfalls schön, hier jemanden zu kennen. Im Gespräch mit ihm hätte sie vielleicht erst mit Belanglosigkeiten anfangen können. Darin war sie allerdings noch nie gut.

Ach, er kann sie besser gleich kennenlernen, wie sie ist. Geradeheraus. Omaria ist aus diesem Grund ein solcher Segen für sie. Sie kann hier sie selbst sein. Ob das für Toran auch so ist?

Kaum hat sie den Gedanken geformt, wird die Luft um sie herum für einen kurzen Moment still. Er sieht ihr direkt in die Augen, mit einem Blick, als hätte sie die Frage laut gestellt. Sie könnte schwören, dass sie die Bestätigung in seinen Augen ablesen kann, oder bildet sie sich das ein?

Etwas später hilft er ihr, am kleinen Steg anzulegen, und gibt sich sogar Mühe, mit ihr die Segel unter den hübschen goldenen Persenningen zu verstauen, die sie ‚gemacht' hat. Das war eines der letzten Dinge, die sie getan hatte, nachdem die Aszension ansonsten ganz fertig war. Denn so ein schönes Boot muss ordentlich bleiben, und festgemacht darf nicht alles einfach herumhängen. Alle Leinen werden sorgfältig aufgerollt und an der Stehverstaging mit einem Webeleinstek aufgehängt. So macht man das, findet Sinne.

Wieder ist Toran überrascht, wie ernst sie hier auf Omaria alles nimmt. Das ist die einzige Möglichkeit. Er weiß das. Sie tut es rein aus Intuition.

Alles ist beständig in Veränderung begriffen. Diese Tatsache besteht. Jeder Moment hat dabei seine eigene Ordnung und Logik. Man muss sich darin mitbewegen und es verstehen können. Erst dann kann man das Spiel spielen, sonst ist es hier nicht auszuhalten.

Sinne hat davon keine Ahnung, denn sie nimmt es genau so, wie es ist. Dass der Steg morgen unter einer anderen Wolkendecke liegt, ist für sie eine Gewissheit. Länge und Form des Stegs sind nicht jedes Mal gleich; die Planken können jedes Mal aus anderem Material sein und völlig anders befestigt. Und dann ist da die eine Planke, die mal morsch ist, mal gebrochen, aber jedenfalls nie einen festen Platz hat. Gefährlich, sollte man meinen. Für Sinne nicht.

Er sieht sie jedes Mal, wenn er sie ‚studiert' (so nennt er das, nicht ausspionieren natürlich), über diese morsche Planke springen, als müsse sie sich nicht fragen, welche es heute ist. Das muss sie auch nicht, denn sie stand an der Wiege der Veränderung an sich. Über dieses Wissen verfügt sie nur nicht; sie kann lediglich darauf vertrauen, in Ermangelung eines besseren Wortes.

Wie sollte er ihr das alles erklären? Ist es ratsam, dass sie es weiß? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie hier gerade deshalb so gut zurechtkommt, weil sie es nicht ‚weiß', aber genug Selbstvertrauen hat, um sich auf die launischen Gewissheiten dieses schönen Landes zu stützen. Die Taue in seinen Händen scheinen sich kurz zu straffen, auf seinen Zweifel reagierend. Er kann noch ein wenig darüber nachdenken. Sie wird ihm heute nicht mehr das Hemd vom Leib fragen. Schade eigentlich, denkt er dann etwas ironisch, und er schüttelt ungesehen den Kopf über seinen eigenen schlechten Humor.

Sinne geht von Bord und schaut noch einmal zurück. Sie lässt Toran dort mit Dali auf dem Achtersteven zurück, die sich sehr bemüht, das Wasser nicht zu berühren. Offenbar nichts für Drachen, denkt Sinne grinsend. Merkwürdig, dass sie hier bleiben, auf ihrem Platz. Sie winkt kurz und läuft dann den Steg weiter hinunter, mit einem kleinen Sprung über die eine Planke, die immer locker sitzt. Es hilft, dass das Holz sich kurz unter ihrem Fuß fügt, gerade genug, um sie sicher passieren zu lassen...

​​3. DIE VERHÄNGNISVOLLE REISE

Und dann ist es der nächste Morgen. Im Lager sind sie schon wach, denn alles scheint in Aufruhr. Sinne kneift die Augen zusammen und streckt sich, um Omaria von sich abzuschütteln. Es fällt ihr schwer. Sie bewegt sich Richtung Eingang (was nur eine Zeltklappe ist), wo Tonio sie beinahe über den Haufen rennt. Er sieht alarmiert aus, hat große, erschrockene Augen und macht einen hastigen Eindruck.

„Ruhig, Tonio! Was ist los, Junge?" Er zeigt nach draußen und fängt stotternd an zu erklären.

„Sie... sie... kommen mich holen. Sinne, sie kommen mich holen!" Es ist offensichtlich, dass er nicht mitwill.

„Wer kommt dich holen, Tonio? Setz dich hin und erklär es mir in Ruhe." Aber Tonio hat nicht vor, sich hinzusetzen. Er sieht aus, als stünde er kurz davor, loszurennen und sich vorerst nicht mehr umzudrehen.

„Tonio! Du musst mir etwas mehr erzählen, so kann ich dir nicht helfen!", sagt Sinne mit Nachdruck in der Stimme.

„Sie haben die Altersgrenze auf zwölf Jahre hochgesetzt, Sinne. Sie wollen alle Waisenkinder unter zwölf in die Anstalt bringen! Ich will nicht, Sinne, ich will bei dir bleiben! Lass mich bitte bei dir bleiben!"

Sinnes Kehle verengt sich und sie schluckt ihre aufsteigende Angst hinunter. Warum sollten sie von einem Tag auf den anderen diese Regel verschärfen? Sie versteht nichts davon. Was ist so dringend, dass es nicht warten kann und so radikal durchgedrückt werden muss?

Sinne steckt vorsichtig den Kopf hinaus und sieht ein gewaltiges Chaos vor sich. Aufwirbelnder Sand, weil Militärfahrzeuge ins Lager fahren. Sie versuchen, Kinder auf die Ladeflächen zu setzen, aber mehr als einmal wehren diese sich und kreischen aus Leibeskräften. Hier und da stehen Erwachsene mit den Soldaten im Gespräch. Es gibt genug Menschen, die Kinder von Familie oder Freunden bei sich aufgenommen haben und sie jetzt nicht gehen lassen wollen.

Hinter vorgehaltener Hand wird über diese Anstalt geflüstert. Es soll dort nicht eben zimperlich zugehen und an ein Umerziehungslager erinnern. Sinne braucht nicht lange nachzudenken. Tonio geht da um keinen Preis hin, nur über ihre Leiche! Sie begreift, dass ihr keine Zeit mehr bleibt für ausgedehnte Pläne. Es ist jetzt oder nie. Sie will Tonio noch heute Nacht nach Omaria mitnehmen. Seine Zeichnung der Rakete gibt ihr einen Funken Hoffnung, den Anfang eines Plans. Bis dahin muss er sich irgendwo verstecken, aber wo?

Tonio kommt mit der Lösung. Er will sich an der Grenze verstecken, dort, wo sie seine Mutter gefunden hatten, als sie sich auf den Weg nach Wasser machte. Es ist gefährlich, aber er hat dort ein Plätzchen hinter einem Felsgrat entdeckt. Hinter dem Grat verbirgt sich eine Höhle, die vom Lager aus unsichtbar ist, es sei denn, man klettert über den Grat. Ein Erwachsener kommt nicht auf diese Idee. Damals haben sie ihn dort auch nicht gesehen. Er ist überzeugt, dass es ein guter Ort ist und dass er gegen Mitternacht wieder ins Lager zurückschleichen kann.

Sinne graut es bei dem Gedanken, aber sie kann sich auch nichts Besseres einfallen lassen. Sie lässt die Schultern sinken und nickt ‚ja'. Hoffentlich hat Tonio recht und hält er es dort aus. Aber wie soll er jetzt dorthin gelangen, ohne gesehen zu werden?

Ein lauter Pfiff ertönt im Lager, und die Lagerleitung ruft alle Soldaten zusammen. Offenbar ist etwas im Gange. Sinne beobachtet das Geschehen durch das Guckloch des Zeltes. Einige Soldaten in der Nähe gestikulieren lebhaft und stehen mit dem Rücken zu ihnen. Das macht dies zum perfekten Moment, denkt Sinne.

„Jetzt!", ruft sie erstickt. „Du musst los! Roll hier unter der Zeltplane durch", und Sinne zeigt zur Rückseite des Zeltes, „und versuch, so schnell wie möglich zu deinem Versteck zu kommen. Sorge dafür, dass du nach Sonnenuntergang wieder hier bist. Sei vorsichtig. Ich hab dich lieb! Los!" Und sie drückt schnell einen Kuss auf seine Stirn.

Hastig rollt er unter der Zeltplane hindurch und verschwindet aus dem Blickfeld.

„Halt dich tapfer, Tonio", murmelt Sinne vor sich hin, und sie macht sich bereit für eine zweifellos unangenehme Begegnung.

Und das wird sie. Die Lagerleitung muss sogar dazugerufen werden, denn man wusste sicher, dass sie Tonio hineingehen gesehen hatten. Ob ‚man' die Nachbarn sind, fragt sie sich enttäuscht.

Sie blickt betreten drein (soweit möglich) und versucht freundlich und scheinbar bereitwillig zu erklären, dass sie Tonio an diesem Tag noch nicht gesehen hat. Er steht immer früh auf, und sie ist gerade erst aufgewacht. Sie hat keine Ahnung.

Dann kommt die Befragung irgendwann zu einem Ende, trotz Frustration auf der anderen Seite. Sie können ihr den Jungen schlecht aus dem Leib pressen, denkt sie sarkastisch. Sie ziehen mit wütenden Gesichtern ab. Sie ist verpflichtet, ihn zu melden, sobald er sich zeigt, lautet die Abschiedsbotschaft. Natürlich. Das wird sie tun. Sie sieht ja auch ein, dass es besser für ihn ist in der Anstalt... und noch mehr solchen Unsinn. Sie spinnt ihre Geschichte mit der üblichen Rhetorik von Pflicht und Protokoll. Genau das, was sie hören wollen. Sie könnte jederzeit noch auf die Bühne, denkt sie bei sich, und unterdessen macht sie sich Sorgen.

Dass die Männer in ihrem Zelt gestanden hatten, war auf eine gewisse Weise beruhigend. Sie hatten Tonio noch nirgends gefunden. Und jetzt muss sie ihren Plan B ausarbeiten, obwohl es wenig auszuarbeiten gibt. Es ist eher ein ‚auf gut Glück'-Szenario, wie schon am Morgen.

Im Moment kann sie nichts anderes tun als warten. Warten auf Tonios Rückkehr. Und so geht Sinne einem langen und nervenaufreibenden Tag entgegen.

Als sie später am Abend, gegen Mitternacht, Geraschel hinten am Zelt hört, setzt ihr Herz einen Schlag aus. Er ist zurück! Völlig verdreckt zwar, aber am Leben. Sinne fällt ihm um den Hals, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben. Die Zeltwände sind dünn, und die Nachbarn könnten alles hören. Sie kann den Plan deshalb nicht laut mit ihm besprechen.

Es fällt ihr schwer, ihm den Brief zu überreichen, den sie am Nachmittag geschrieben hat. Es ist unpersönlich und befremdlich, es so zu tun, besonders nachdem er einen ganzen Tag allein in einer kalten, nassen Höhle gesessen hat. Sie beschließt, sich hinter ihm aufs Bett zu setzen, während sie den Brief aus dem Umschlag nimmt, entfaltet und ihm in die Hände gibt. So kann sie ihn die ganze Zeit festhalten und weiß er, dass er nicht allein ist. Das Licht kommt von der Kerze neben seinem Bett. Zum Glück hat Tonio gute Augen.

‚Mein lieber Tonio, du wirst todmüde sein vom Weglaufen vor den Soldaten und vom Versteckenmüssen heute. Es tut mir so leid, dass ich nicht besser für dich da sein konnte. Es ist mir klar, dass ich dich hier im Lager nicht gut beschützen kann, und wir können dich nicht einfach mal eben auf zwölf zaubern. Leider! Also habe ich eine andere Idee. Dafür brauche ich von dir ein paar Dinge. Erstens eine gehörige Portion Fantasie und Lust auf Abenteuer! Ich weiß, dass nach allem, was du durchgemacht hast, dein Köpfchen wahrscheinlich nicht danach steht, aber ich verspreche dir, es wird sich lohnen.

Ich habe dem Umschlag etwas beigelegt. Deine besondere Zeichnung der Rakete. Hoffentlich gibt diese Zeichnung deiner Fantasie den Anstoß, den sie braucht, denn wir werden eine Traumwelt betreten. Du und ich zusammen. Die Welt heißt Omaria. Ich war selbst schon oft dort und finde es fantastisch! Es ist eine Welt, in der du fliegen kannst, die Zeit in die Hand nehmen kannst, in der märchenhafte Natur und Tiere dich umgeben und in der du frei bist. Es gibt zwar einige Rätsel rund um Omaria, die auch ich noch nicht alle gelöst habe, aber mit deinem Bauchgefühl kommst du weit. Glaub mir!

Der Schlüssel ist, hier fortwollen und offen zu sein für diese Reise. Mein Verlangen nach Freiheit wurde eines Abends so stark, dass sich gewissermaßen eine Tür öffnete. Erst dachte ich noch, ich hätte es mir selbst ausgedacht, aber es stellt sich heraus, dass Omaria schon eine Weile existiert. Ich vermute, dass jeder dorthin reisen darf, nur kommt niemand auf die Idee. Du jetzt schon, zusammen mit mir, lieber Tonio! Du hast es dir schon leicht gemacht, weil der Entwurf deines Fahrzeugs schon fertig ist. Du kannst diese Rakete dort allein mit deinen Gedanken als Werkzeug zusammenbauen, wenn du das Bild gut vor Augen hast. Und dann gehört auch die Wolkendecke dir! Ich weiß, dass das alles merkwürdig klingt, aber wenn du daran glaubst, wenn du mir glaubst, dann kannst du auf Omaria bei mir sein. Vielleicht kann ich dich dort verstecken, bis du zwölf bist, oder wir können uns etwas einfallen lassen, damit du bleiben kannst... Sobald wir erst dort sind, kommen die Antworten von allein. So läuft das auf Omaria, das habe ich herausgefunden.

Tonio, wenn du heute Abend die Augen schließt, nimm dir vor, dorthin zu gehen. Öffne diese Tür und reise mit mir durch diese Welt. Ich freue mich wahnsinnig darauf und hab dich lieb, Schatz. Schlaf schön und gute Reise! Liebe Grüße, Sinne'

Tonio schaut nach dem Lesen des Briefes zurück. Er hat einen Blick des Unglaubens in den Augen. Er rückt etwas von ihr ab, sieht den Brief an und dann wieder sie, mit Fragezeichen in den Augen. Es ist Sinne klar, dass er sie nicht für ganz bei Verstand hält. Das hatte sie erwartet. Dennoch hatte sie gehofft, dass er als Junge von zehn Jahren einfach mitmachen würde, mit allem Vertrauen der Welt in sie.

Sie kommt wieder näher und flüstert leise in sein Ohr. „Du kannst das! Wirklich! Wenn du einmal dort bist, wirst du staunen über die Schönheit!" Mit noch immer Zweifel in den Augen legt er sich wieder in ihre Arme. Sie spürt, wie er sich irgendwann entspannt, und seufzt erleichtert. Noch lange hält sie ihn fest, bis er in einen tiefen Schlaf gefallen ist. Zum Glück.

Sie schleicht vorsichtig hinter ihm weg zu ihrem eigenen Bett und will ihm sofort folgen, aber es gelingt nicht! Sie kann nicht einschlafen! Verdammt! Sie ist zu verkrampft bei der Sache, und vor lauter Sorgen macht ihr Kopf Überstunden. Das kostet sie ihre Zeit auf Omaria... Sie wird ruhig werden müssen. Tonio braucht sie!

***

Als sie über den Steg zur Aszension geht, spürt sie das Unbehagen in ihrem Nacken kribbeln. Sie hat zu lange gebraucht, um einzuschlafen. Nun will sie Tonio so schnell wie möglich finden. Das erweist sich als gar nicht schwierig... Ein gewaltiger Lärm von dröhnenden Motoren raubt Omaria seine Stille. Die Luft über ihr zittert und bebt unter dem ungewohnten Geräusch. Über Sinnes Kopf sieht sie Tonios Rakete in gerader Linie pfeilschnell durch die Wolkendecke schießen. Er fliegt in rasendem Tempo, denkt Sinne, wie man es von einer Rakete natürlich erwarten kann. Sie ist erleichtert, dass er es geschafft hat. Er ist zumindest aus eigener Kraft auf Omaria angekommen!

Aber gut, jetzt müssen sie sich hier noch treffen. Ihr Plan ist schrecklich unvollständig. Eine Nacht nach Omaria zu fliehen ist bei weitem nicht dasselbe wie der Lagerleitung für die nächsten zwei Jahre zu entkommen. Dennoch spürt sie ein Lächeln aufkommen. Nur darf die Freude nicht lange dauern.

Im Boot sitzt ein großer, rothaariger Mann und wartet auf sie, und er blickt alles andere als freundlich.

„Sinne", grüßt er kühl.

Sie springt an Bord und sieht ihn mit einem tapferen Blick an (einer Tapferkeit, die sie in diesem Moment überhaupt nicht empfindet). Er durchschaut sie und schiebt seinen spöttischen Mundwinkel wieder nach oben.

„Ich kann nur annehmen, dass du diesen unwillkommenen Gast in MEIN Omaria eingeladen hast?" Und Toran brummt missbilligend. „Dali wagte sich mit mir nicht einmal mehr über die Berge, so viel Krach macht dieses Monstrum von einem Fahrzeug! Es rast kreuz und quer durch die Wolken, als hätte es eigentlich gestern auf dem Mond landen sollen. Wer ist dieser Besessene, und warum kann er sein Fahrzeug nicht unter Kontrolle halten? Er fliegt wie ein Verrückter!"

Sinne beißt sich auf die Lippe und hatte schon befürchtet, dass es hier auf Omaria so aussehen würde. Tonio zeigt leider wenig Vorstellungskraft. Das erklärt, warum er nicht gut manövrieren kann. Er ist mit Widerwillen und Angst im Leib hier, und genau das zeigt er jetzt am Himmel: unkontrollierte Panik. Kein Wunder, dass Toran wütend ist. Bis vor kurzem war dies sein Heiligtum, und jetzt fliegt ein Wolkenpirat herum.

Noch bevor sie etwas sagen kann, hat er sie schon vollständig durchschaut. Die Planken unter ihren Füßen federn kurz mit ihrem Unbehagen mit. Offenbar kann er die Antworten aus der Luft fischen, wenn er will. Verflixt! Das ist unerwünscht und unpraktisch. Sie hätte dieses Gespräch gerne etwas anders gelenkt. Er denkt da offensichtlich anders drüber.

Er reibt sich mit den Händen übers Gesicht, und sie sieht an seinem Blick, dass er nicht mehr wütend ist, aber was er jetzt ausstrahlt, beunruhigt sie noch mehr. Er seufzt tief und sieht sie dann lange und ernst an.

„Ich sehe nur gute Absichten in deinem Handeln, Sinne. Das hier ist nur eine ziemlich komplexe Lösung für dein Problem. Ich entnehme deinen Gedanken die Notwendigkeit, deiner Welt zu entfliehen, und es ist mir klar, dass du Tonio beschützen willst. Im Grunde stehst du mit dem Rücken zur Wand, und dies war dein einziger Ausweg. Aus diesem Grund kann ich nur zu gut verstehen, dass du diesen verrückten Plan ausgeheckt hast. Es ist nur so, dass Omaria seinen eigenen Gesetzen folgt und nicht jeder das einfach so begreift. Und traumatisierte junge Menschen sind nicht gerade dafür bekannt, ihre Gefühle im Griff zu haben, und genau das braucht man hier."

Die Wolken über dem Schiff ziehen sich zusammen. Er unterbricht sich kurz, indem er eine Strähne seines Haares hinters Ohr streicht und über die nächsten Worte nachdenkt. Er will ihr keinen Schreck einjagen.

„Wie dú es so mühelos aufnimmst, ist mir ein Rätsel. Es ist erstaunlich, wie lange du hier schon herumfliegen konntest, ohne in Schwierigkeiten zu geraten. Ich vermute, dass du eine natürliche Begabung hast, aus einer reichen Fantasie schöpfst und über genug Selbstvertrauen verfügst. Aber bist du beschädigt und verängstigt, dann ist es hier herausfordernd, und damit übertreibe ich nicht. Wie steht es damit bei Tonio, Sinne? Glaubst du, dass er aus Vertrauen und Sicherheit heraus handelt?"

Sinne seufzt womöglich noch tiefer als Toran es gerade getan hat und kann nur eine einzige Antwort auf diese Frage geben. Mit großen, schuldbewussten Augen schüttelt sie den Kopf.

Toran sieht sie an und schüttelt nun auch den Kopf. Das Wasser unter der Aszension kräuselt sich sanft. Das Schiff bewegt sich mit in ihrer gemeinsamen Resignation. „Es hat keinen Sinn, lange darüber nachzudenken. Es ist, wie es ist."

„Was können wir jetzt tun, das ist die Frage. Wie erreichen wir Tonio?" Sinne kann die Frage kaum verstehen. Die Rakete über ihnen zieht wieder einen dicken Streifen an den klaren Himmel und macht Lärm für zehn. Die ganze Landschaft Omarias scheint sich dadurch zu verändern. Farben werden fahler und dunkle Wolken ballen sich langsam in der Ferne zusammen. Dann frischt eine kalte Brise auf, und Sinne sieht das schlechte Wetter auf sie zukommen. Der Wind trägt einen subtilen Unterton von Angst. Omaria reagiert auf die Störung. Geschieht das durch Tonio? So schlechtes Wetter hat sie hier noch nicht erlebt.

„Ich selbst habe es nur ein paar Mal erlebt", reagiert Toran auf den Gedanken, den Sinne eigentlich für sich hatte behalten wollen, „...an den Tagen, an denen ich grübelte und vor Einsamkeit trübsinnig war. Zum Glück habe ich solche Tage recht wenige. Im Großen und Ganzen bin ich sogar dankbar für mein Leben auf Omaria. Und ich habe Dali, das macht den großen Unterschied für mich."

Sinne würde ihn am liebsten mit tausend Fragen über diesen Ort und wie er hierher geraten ist bombardieren, aber dies ist kaum der Moment dafür.

„Was ist das Schlimmste, was ihm passieren kann?", fragt sie nervös den rothaarigen Mann ihr gegenüber auf dem Schiff.

Toran wird bleich. „Ich finde nicht, dass wir jetzt zu tief darauf eingehen sollten, Sinne. Besser wird es davon nicht. Hoffen wir jedenfalls, dass er nicht mit Rote-Kugel-Vögeln zusammenstößt. Es sind liebe Tierchen, auch hübsch mit ihren zierlichen und doch explodierten Federleibchen, aber ihre Schnäbel sind messerscharf und können jedes Material durchbohren. Sie sind dafür bekannt, nicht gut aufzupassen und wie Kamikazes durch die Luft zu fliegen. Dali und ich können ihnen gut ausweichen." Toran presst die Kiefer zusammen.

Sinne wird unwohl. „Was, wenn Tonio abstürzt? Stirbt er hier? Und..." Sie wagt es nicht, es laut auszusprechen.

Toran sieht sie ernst an. Das Holz der Aszension knarrt leise, ein Echo der gespannten Stille. „Die Zeit, mit der wir hier spielen, ist die wahre Zeit. Es ist deine individuelle Lebensdauer, Sinne... Das gilt auch für Tonio. Er hat sie jetzt auf Schnellvorlauf gestellt..." Und Toran wagt nicht, sie bei diesen Worten anzusehen.

Sinne kann nicht fassen, was er gerade gesagt hat. Sie versteht es wohl, aber es dringt noch nicht vollständig durch.

„Sie wird bald ein klares Bild von der Situation haben, aber dann gibt es kein Zurück mehr... Sinne, Mädchen doch, wo bist du da hineingeraten? Mir wird ganz heiß dabei."

„Ich gehe in die Luft, Toran. Ich muss Tonio auf den Boden bekommen!" Sinne beginnt die Leinen loszumachen, mit denen die Aszension am Steg festliegt. Der Steg ist schmal geworden und baufällig. Toran nickt und hilft, die Fender an Bord zu holen. Ein kurzer Pfiff lässt eine Windböe von Steuerbord nach Backbord wandern. Dali ist also doch da.

„Hi, liebe Dali", begrüßt Sinne sie liebevoll. „Kommst du uns helfen?"

Dali scheint tatsächlich etwas verstört. Der dunkle Himmel und der straffere Wind machen die Lage nicht besser. In der Ferne hört sie den Lärm der Rakete. Vielleicht ist es Gewitter? Sinne hofft, dass Tonio wieder in ihre Richtung findet, und das erweist sich tatsächlich als der Fall.

Nun muss Sinne alles geben und ihr bestes Segeltalent aus den Tiefen ihrer früheren Existenz hervorholen. Die Zeit, in der sie mit ihrem Vater auf den großen Seen gesegelt hat. Sie durfte es von ihm lernen. Er war ein passionierter Segler. Jedes Schiff am Horizont musste herausgesegelt werden. Sinne versteht es also wie keine andere, Fahrt zu machen. Der zunehmende Wind macht dies erheblich einfacher, aber auch gefährlicher. Die Wolken haben es eilig, wodurch sie kaum auf ihnen mitreiten kann und die Segel heftig blähen. Taue und Blöcke werden stark beansprucht. Das Wasser unter ihnen enthüllt seine blaue Tiefe, ein stiller Zeuge.

Es wird gut gehen, denkt sie. „Ich habe ein solides Schiff gebaut, und darauf darf ich getrost vertrauen."

Sie manövriert Richtung Wind, wodurch sie mit dem Bug quer durch die Wolken schneidet. Es bringt sie höher, sodass sie in die Nähe der Höhe gelangen kann, in der Tonio sich befindet. Und bald hat sie die maximale Höhe erreicht. Sie fiert vorsichtig die Schot, damit das Boot etwas weniger schräg liegt und sie in der Lage ist, kurz in Ruhe die Umgebung zu erkunden.

Da ist er! Das schwarze Ungetüm kommt aus der Ferne herangerast. Sie hofft, dass er sie sehen kann. Eine einzige Handbewegung ist vielleicht genug. Die Fenster in seiner Rakete sind klein. Tonio nähert sich an Steuerbord, und sie fängt schon an zu winken. Toran steht jetzt auch auf und winkt mit. Er weiß, dass er von Dali bei diesem Verrückten im Luftraum nicht viel erwarten kann. Er bleibt an Bord und hofft das Beste. Unterdessen ist er beeindruckt von der genialen Segelarbeit, die Sinne ihm in den letzten zehn Minuten gezeigt hat.

Tonio ist fast da, und sowohl Sinne als auch Toran versetzen die Zeit in Zeitlupe, ohne sich dabei anstrengen zu müssen. Sie schauen einander kurz an und müssen lächeln, weil es gleichzeitig geschieht. Die Wolken um sie herum ziehen sich zusammen, eine langsame, schwere Bewegung. Das Schiff schaukelt kaum noch, und sie können kleine Partikel in der Luft vom Rest unterscheiden. Ihr Haar bewegt sich kaum, ebenso wenig ihre Kleidung.

Das gilt allerdings nicht für die schwarze Rakete, die nach wie vor mit rasender Geschwindigkeit näher kommt. Sinne macht eine Handbewegung nach unten. Sie wiederholt immer wieder diese Bewegung mit dem Zeigefinger nach unten. Toran versteht, was sie vorhat. Ein riskanter Plan, aber bessere Ideen hat er im Moment nicht. Er fügt sich ihrem Entschluss. Die Kompassnadel auf dem Deck dreht sich unmerklich in Richtung der Rakete, als stille Bestätigung ihres gemeinsamen Fokus. Toran bezweifelt, dass Tonio auch nur irgendetwas von dem versteht, was Sinne ihm signalisiert. Kann er sie überhaupt sehen?

Tonio sieht es und steuert abrupt bei, sodass die Spitze der Rakete nun nach unten zeigt. Er scheint an Fahrt zu verlieren, wird aber immer noch mit gewaltiger Geschwindigkeit im Wasser landen. Hoffentlich, so hat Sinne es sich gedacht, kommt er durch die Luftkammern wieder nach oben wie ein Schwimmer. Dort wird sie mit einem Rettungsring und einer Leine bereitstehen, um ihn an Bord zu hieven.

Sie lässt die Segel nun weiter fieren und macht einen Sturzflug durch die Wolken Richtung Wasserlinie, die rasch näherkommt. Die Wolken scheinen kurz auseinanderzuweichen, als machten sie einen Weg frei für ihren Abstieg. Sie sieht die Rakete mit der Spitze ins Wasser eintauchen und dann unter der Oberfläche verschwinden. Als lande sie täglich Fahrzeuge auf dem Wasser, lässt sie die Nase genau im richtigen Moment nach vorne kommen und das Boot beinahe lautlos ins Wasser gleiten.

Unterdessen sieht sie, wie Toran sie mit einem undefinierbaren Blick ansieht. Sie will es nicht wissen. Er wird sie wohl leichtsinnig finden. Das versteht sie in diesem Moment vollkommen. Sie spielt mit dem Leben eines zehnjährigen Jungen und kann nur zur Triade beten. Sie vertraut darauf, dass Tonio beschützt wird, und schaut angespannt, ob er schon auftaucht.

Sie hält den Atem an. Blasen steigen an die Oberfläche, und ohne jede weitere Ankündigung katapultiert sich die Rakete mit einem Knall aus dem Wasser. Hüpfend schlägt sie beträchtliche Wellen. Sinne und Toran müssen sich an der Kajüte des Schiffes festhalten, um nicht über die Reling zu fallen, während die Wellen das Schiff heftig hin und her stampfen lassen. Und das, obwohl sie beträchtlichen Abstand zum gelandeten Objekt haben.

Es dauert, bis das Wasser sich beruhigt und Sinne imstande ist, über die Reling zu schauen, auf der Suche nach dem, was von der Rakete übrig geblieben ist. Zu ihrer Überraschung erweist sich das Fahrzeug als ziemlich solide und dümpelt vollständig intakt ein Stück weiter entfernt. Es ist kein Lebenszeichen zu erkennen, und Sinne spürt ihr Herz bis zum Hals schlagen. Sie will über Bord springen, aber Toran ist ihr zuvor.

Während er einen eleganten Kopfsprung über die Reling macht, eilt Sinne zum Achtersteven, wo der Rettungsring hängt und einige Reserveleinen bereitliegen. Sie behält Toran genau im Auge. Mit kräftigen, entschlossenen Zügen schwimmt er auf die Rakete zu. Das Wasser zwischen ihm und dem gestrandeten Fahrzeug scheint ruhiger zu werden, einen subtilen Pfad bildend, der ihm den Weg erleichtert. Zunächst umkreist er die Rakete vollständig, auf der Suche nach einem Türchen oder Fenster, das sich öffnen lässt. Alles scheint hermetisch versiegelt.

Dann taucht er unter und lässt seine Finger an den Rändern von etwas entlanggleiten, das eine Tür sein könnte. Seine Fingerspitzen entdecken eine Vertiefung mit einem Metallring. Hiermit muss sich die Tür öffnen lassen, vermutet er. Aber so sehr er auch rüttelt und zieht, es bewegt sich nichts.

‚Logisch', überlegt er bei sich, ‚das Wasser drückt die Tür zu.' So wird es ihm nicht gelingen. Er tastet in seine Tasche, wo er immer ein ziemlich schweres Klappmesser bei sich trägt, und ist erleichtert, als er merkt, dass es noch da ist. Ohne weitere Überlegung schwimmt er von der Tür weg zu einem der Fenster. Mit der stumpfen Seite des Messers schlägt er aufs Glas. Hart. Und noch einmal, dann noch einmal. Beim Wassertreten kann er kaum genug Kraft aufbringen.

Dann, plötzlich, scheint das Glas von innen nach außen zu explodieren! Die Lichtstrahlen, die durch das Wasser fallen, konzentrieren sich kurz auf das neu entstandene Loch, als stiller Hinweis, dass es Hoffnung gibt.

Toran hat damit nichts zu tun, und das ist ein großartiges Zeichen! Drinnen in der Rakete ist Leben! Leben, das es geschafft hat, das Glas zu zerbrechen!

Er schreit aus dem Wasser direkt neben dem Fenster seinen Namen: „Tonio! Tonio! Bist du da? Geht es dir gut?"

Es kommt eine komische, zitternde Stimme aus dem Loch, und Toran kann sie kaum mit der Stimme eines Zehnjährigen in Einklang bringen. „Ich lebe noch...", piepst und krächzt die Stimme.

Ein vollständiger Körper kann unmöglich durch dieses Fenster, nicht einmal ein Zehnjähriger. Dafür ist es viel zu klein, wird Toran klar. Um die Öffnung des Fensters wogt das Metall, ein subtiler Atemzug von Spannung. Er blickt hoch zum Bug des Schiffes, wo eine äußerst besorgte Sinne hinunterstarrt auf die Aktivitäten im Wasser.

„Er lebt noch!", schreit Toran hinter der Rakete hervor zu ihr, in der Hoffnung, dass sie ihn verstehen kann. Und jetzt, denkt er, wie bekomme ich ihn da heraus?

Aus einem Impuls heraus entfernt er die letzten Glasscherben vom Fenster und wirft sie hinter sich ins Wasser. Sorgfältig prüft er beim Wassertreten, ob noch Splitter übrig sind. Es scheint nicht so. Dann packt er den Rahmen und versucht, einige Anweisungen hineinzurufen.

„Ich werde versuchen, diese Rakete so zu drehen, dass Wasser durch dieses Fenster nach innen läuft. Es wird ziemlich wackelig werden, und ich weiß nicht, ob es klappt. Es kann sein, dass es zu schwer für mich ist. Sollte Wasser in die Rakete laufen, dann musst du, Tonio, dafür sorgen, dass du deinen Kopf immer in der Luftblase oben hältst. Verstanden? Wir können deine Tür erst öffnen, wenn auf beiden Seiten Wasser steht! Verstehst du das, Tonio?"

Das Wasser um die Rakete beruhigt sich während seiner Erklärung, ein Moment der Ruhe im Chaos, wodurch seine Stimme deutlicher durchdringt.

Leises Gejammer kommt von drinnen, aber dann hört er ein schwaches „Ja" aus dem Loch nach oben steigen.

„Bist du soweit, Tonio?"

Und wieder kommt ein schwaches, aber unverkennbares „Ja" aus dem Rumpf.

Toran hält die Umrahmung des Fensters nun mit beiden Händen fest und versucht, mit seinem vollen Gewicht oben auf die Rakete zu klettern. Nur so kann er die Rakete schräg ziehen. Er muss Wasser durch das runde Loch hineinschöpfen. Es misslingt mehrmals. Jedes Mal muss er warten, bis die Rakete aufhört zu wackeln. Nach einer Weile wird er müde. Seine Arm- und vor allem Fingermuskeln sind schnell erschöpft.

„Komm schon!", feuert er sich selbst an. Dann stößt er sich mit zwei kräftigen Beinen ab, gewinnt an Schwung und landet oben auf dem Ding. Nun hängt er sich mit dem ganzen Körper an das Loch und schafft es, es zur Wasseroberfläche zu bewegen.

Das Wasser strömt mit großer Geschwindigkeit hinein, und die Rakete beginnt in ihrer Gesamtheit zu kippen. Die Wellen um die Rakete bewegen sich in einem rhythmischen Muster, das seine Anstrengungen zu unterstützen scheint. Toran wird durch die Drehung weggedrückt und hat kaum Zeit, sich zu fragen, ob das gut geht. In einer schnellen Bewegung tastet er nach dem Griff der Tür und versucht, ihn zu fassen. Diesen Griff darf er nicht aus den Augen verlieren, sonst bekommen sie die Tür nie auf!

Die Rakete beginnt mit ihrer Flanke kräftig ins Wasser einzusinken, woraus Toran schließt, dass sie schon ziemlich vollgelaufen ist. Er wartet noch kurz, kann sich aber kaum noch halten, weil dann auch sein Kopf unter Wasser kommt. Er versucht schon zu ziehen. Es gelingt immer noch nicht. Es kommt ihm in den Sinn, dass das auch schiefgehen könnte.

Sofort reißt er sich zusammen. Für Schwarzmalerei ist auf Omaria kein Platz. Das Wasser um ihn herum wird dunkler und resoniert mit seiner aufkeimenden Entschlossenheit. Er weiß, dass Omaria andere Regeln kennt, und es wird Zeit, dass er davon Gebrauch macht. Ohne weiter nachzudenken, taucht er jetzt unter, führt eine schnelle Verhandlung und zieht dann mit einer geschmeidigen Bewegung die Tür auf. Das Wasser um die Tür weicht zurück, fast unmerklich mit seiner Anstrengung zusammenwirkend. Wie durch Zauberhand taucht eine Gestalt auf. Die um sich greifende Hand der Person findet seine Jacke, und Toran braucht all seine Kraft, um zusammen mit ihm nach oben zu schwimmen.

Dort prusten sie beim ersten Atemzug los, den sie nehmen können. Toran sieht die Gestalt an, die sich spritzend über Wasser hält.

Es ist absolut kein Junge von zehn! Hier liegt ein alter Mann im Wasser, mit eingefallenen Wangen, herabhängenden Augenlidern und einem ängstlichen Blick in den Augen. Das graue, nasse Haar fällt strähnig um seinen Kopf, und er kann nur mit Mühe sein Kinn über Wasser halten.

„Ruhig, ganz ruhig...", beschwichtigt Toran. „Ich lege dich auf den Rücken und mit meinen Händen unter deinem Kopf schwimme ich mit dir zum Schiff, das dort in der Ferne auf uns wartet."

Er dreht den Kopf, um zu schauen, wo die Aszension liegt, und sieht zu seiner Erleichterung, dass sie näher gekommen ist. Mit gerunzelter Stirn schwimmt er so schnell wie möglich von der Rakete weg. Gleich sinkt sie. Toran will nicht in den Sog hineingezogen werden.

Sinne ruft ihnen zu, und er kann sie jetzt hören. Er schwimmt mit großen Zügen und hält unterdessen den Kopf des alten Herrn über Wasser. Die Wellen werden merklich ruhiger in ihrem Pfad, einen kleinen Korridor ruhigeren Wassers formend. Er versucht, seinen Atem zu stabilisieren, und will nicht darüber nachdenken, was mit diesem Mann geschehen ist. Dann hört er ein Platschen, und neben sich spürt er Wasser spritzen. Der Rettungsring liegt im Wasser. Er ergreift den Ring und schiebt die Arme des alten Herrn darüber.

Am Seil wird gezogen. Im selben Moment verschwindet die Rakete vollständig unter Wasser, und sie spüren den Sog. Sie halten sich am Ring fest, und nach kräftigem Ziehen von Sinnes Seite nähern sie sich der Seite des Schiffes und sehen ihren Kopf über die Reling lugen. Sie hat einen verwirrten und besorgten Blick auf dem Gesicht. Sie klappt die Badeleiter aus.